Magdeburg l Überall wurden entlang nach dem 9. November 1989 entlang der innerdeutschen Grenze neue Breschen in die Sperranlagen geschlagen. Auch im Harz, wie am 11. November in zwischen Stapelburg und Eckertal oder einen Tag später zwischen Hessen und Mattierzoll.

Nur der Gipfel des Gebirges blieb vorerst ein abgezäuntes Terrain. Sehr zum Unwillen der Harzer. In Ilsenburg formierte sich ein „Komitee zur Öffnung des Brockens“. Die SED-Kreisleitung Wenigerode versuchte, den Bürgerwillen zu kanalsieren und vermeldete am 1. Dezember, dass das Sperrgebiet rund um den Brocken aufgehoben werde. Nur das Gipfelplateau bleibe weiter militärisches Sperrgebiet.

Schon zwei Tage später jedoch wurde es heiß auf dem kalten Brockengipfel. Das Neue Forum hatte für den Adventssonntag zu einer Demonstration für einen freien Brocken aufgerufen. Direkt vor Ort. Am 3. Dezember machten sich Tausende Menschen auf, den Gipfel zu erwandern und für jeden zugänglich zu machen.

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Eskalation droht

Vor dem geschlossenen Tor angekommen, forderten die Menschen lautstark die Öffnung des Tores zum Plateau, dass von einer 3,60 m hohen und 1,54 km langen Mauer umgeschlossen war. Die Kundgebung droht aus dem Ruder zu laufen. Schließlich öffnete der diensthabende Major DDR-Grenztruppen um 12.45 Uhr das Tor. Er verhinderte damit einen Sturm auf die Trutzburg. Der Major und die Soldaten des Sicherungstrupps waren an diesem Tag wohlweislich unbewaffnet. Nur nicht proviezieren. Eine Eskalation wollen weder Demonsranten noch Sicherheitskräfte. Der Wende-Slogan „keine Gewalt“ hatte auch auf über 1000 m Höhe seine Gültigkeit.

Die Massen fluteten den Gipfel: Nach 28 Jahren war die Brockenkuppe das erste Mal wieder frei für jedermann. An diesem Tag herrschten ausgezeichnete Fernsicht, milde Temparaturen und wunderbarer Sonnenschein. Es ging zu wie bei einem Volksfest, Tausende aus Ost und West mit und ohne Uniform waren dabei. Seither erlebt der Berg im Harz einen ständigen Massenandrang. Jährlich kommen rund zwei Millionen Besucher.

Gustav Witte aus Schierke gehört zu den wenigen, die vor der Wende auf dem Brocken gearbeitet haben. Er war Rundfunktechniker und als solcher seit Dezember 1961 in der Sendenanlage der DDR tätig. Vom Berg aus wurden deren Fernseh- und Rundfunkkanäle verbreitet. Es war das Gegenstück zum Sender Torfhaus auf der Westseite in Niedersachsen. Die Öffnung des Gipfelplataus haben nach Wittes Erinnerung nicht unbedingt die Menschen vorangetrieben, die am Brocken lebten: „Mehr Druck haben die Demonstranten mit ihrer Wanderung gemacht“, sagt er. „Ich wollte eher nach Braunlage.“ Die folgende Euphorie ist ihm aber noch gut im Gedächtnis.

Techniker Witte, heute 81 Jahre alt, konnte sich nun einen seinen größten Wunsch erfüllen: den Achtermann im Kreis Goslar, mit 925 m fünfthöchster Berg des Harzes, zu ersteigen. „Bei der Arbeit auf dem Brocken habe ich jahrelang in Sehnsüchten nach den Bergen geschwelgt, die ich im Westen gesehen habe. Und der markanteste war eben der Achtermann.“

Dass der Brocken heute ein so begehrtes Reise- und Wanderziel ist, findet Witte wunderbar. „Besonders an der Tagen der Deutschen Einheit und der Grenzöffnung kommen die Leute.“

Mit Schein nach Schierke

Auch der traditionsreiche Wintersportort Schierke habe sich gut entwickelt, seit er zur Wernigerode gehört, findet der frühere Post-Angestellte. Bis 1999 arbeitete er in seinem Beruf. Allerdings beklagt Witte die Versorgung im Dorf: Es fehlten Einkaufsmarkt, Tankstelle und Ärzte. Schierke teilt hier das Schicksal vieler Gemeinden im ländlichen Sachsen-Anhalt. Der Anziehungspunkt Brocken hilft da wenig weiter.

Vor der Wende war Schierke aus DDR-Sicht mit allem versorgt. Allerdings wegen seiner Grenznähe nur mit Passierschein zugänglich. Ein begehrter Urlaubsort, aber nur für ausgewählte Persönlichkeiten.

Das Hotel Fürst zu Stolberg firmierte von 1946 bis 1994 als FDGB-Heim „Heinrich Heine“ und beherbergte Gäste wie den DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck, Fernseh-Agitator Karl-Eduard von Schnitzler und Schauspieler Willi Schwabe.

Jeden tag zu Fuß auf den Brocken

Über das Harz-Wetter für gedeihliche Urlaubstage wurden sie aus erster Hand informiert: Von der Station auf dem Brocken. Sie war neben der Sendestation eine weitere zivile Institution im militärischen Sperrgebiet direkt am Grenzstreifen mit den kläffenden Hunden.

Die Wetterwarte auf dem Gipfelplateau gibt es seit 1939. Die Arbeitsplatz der Meteorologen ist alles andere als sonnenverwöhnt: Der Gipfel liegt an durchschnittlich 300 Tagen im Jahr im Nebel. Zudem waren die Beschäftigten der Wetterwarte zu DDR-Zeiten die einzigen, die täglich zu Fuß auf den Berg wandern mussten.

An dessen majestätischer Schönheit durften bis 1961 auch DDR-Bürger erfreuen, wenn sie über einen Sonderpassierschein verfügten. Nur für das Jahr 1957 gab die Brockenbahn die Zahl von 154.000 Fahrgästen an. Das waren sämtlich Menschen aus der DDR. Denn für Westdeutsche blieb der Brocken seit 1948 unerreichbar. Damals war die Sektorengrenze zu einer Staatsgrenze ausgebaut worden.

Schnee von gestern. Gustav Witte jedenfalls stellt fest: „Der Brocken hat sich zum symbolischen Berg der deutschen Einheit herauskristallisiert.“