Bittkau l Etwa vor einem Jahr, während der Recherche zu meinem Reiseführer „In the middle of nüscht“, hatte ich vom Weltflaschenpoststationstag Wind bekommen. Es hieß, er werde in der Altmark zelebriert, man brauche „nicht nach New York zur MOMA fliegen oder nach Venedig gondeln“ und die Begründung lautete, „abseits der Autobahn is es och schön.“ Neugierig hatte ich beim Verfasser der amüsanten Zeilen angerufen, wollte anlässlich dieser Fete ein Porträt schreiben, noch vor dem Weltflaschenposttag und er hatte mich mit einer unverzüglichen Einladung überrumpelt. „Frau Sperling? Kommen Sie doch gleich am Sonntag auf nen Kaffee vorbei.“

Es war einer dieser tristen April-tage, die Luft feucht und der altmärkische Himmel nichts weiter als eine fade, graue Nebelmasse, als ich mich vor einem kleinen, blauen Haus wiederfand. Am Giebel ein orangefarbener Rettungsring, daneben ein gelbes Schild der Deutschen Post und ein weiteres machte deutlich, dass ich mich am richtigen Fleck befand: „Flaschenpoststation Bittkau.“

Freier Künstler mit ordentlichem Beruf

Ich drückte die Klingel und wartete. Dann klopfte ich mehrmals heftig, und überlegte, ob ich wieder ins Auto steigen sollte. Plötzlich wurde die Tür geöffnet, ein Mann, um die 60, kurze, graue Haare, mit Augenklappe und schläfrig-fragendem Blick, hatte meine Einladung scheinbar vergessen, genauso wie meinen Namen. Dennoch reagierte er prompt, bat mich herein und führte mich ins Wohnzimmer. Während er aufs samtgrüne Sofa deutete, entschuldigte er sich, er müsse erst mal ordentlich einheizen und würde auch noch Kaffee aufbrühen. Ich betrachtete sein sparsames Inventar, die Lampe hing schief, an der Wand wenige Radierungen und in einer Ecke stand ein mannshohes Holzregal voller Skulpturen. Schließlich schaute ich halb meditierend aus dem Fenster, am Horizont verschwamm inmitten der Auen die Elbe. Ich hatte vorher wie immer nicht gegoogelt, so handhabe ich das stets mit meinen Reportagen, ich mag das Gefühl, wenn sich das Gespräch frei entfaltet. Erst nach den Treffen verschaffe ich mir einen Überblick: Diesmal hockte ich im Wohnzimmer von Benno Zöllner, Jahrgang 1957, in Bittkau geboren, freier Künstler mit ordentlichem Beruf. Angefangen hatte er im Kernkraftwerk Rheinsberg als Lehrling, später wurde er Student, erst der Nachrichtentechnik, dann der Malerei und Grafik an der Kunsthochschule in Berlin, um später als Meisterschüler an die Prager Kunstakademie zu gehen. Seit Jahrzehnten arbeitete er in der Hauptstadt als Kunsttherapeut an der Charité. Zwischendrin zog er malend umher.

Bilder

Nach der ordentlichen Einheizaktion hatte sich der Bittkauer zu mir gesellt und nichts zu sagen gewusst, deshalb half ich ein wenig nach: „Der Weltflaschenposttag?“ Im Radio habe er vom Weltunterwäschetag gehört. „Diese Bedeutungsleere der Großstädter. Um ihre Konsumneugier zu brechen, bekommen sie den Weltunterwäschetag serviert.“

Dass es an seinem Tag um ein Stück Existenz gehe, die man teile, ohne Programm, mittendrin die Flaschenpost, ein Traumobjekt, das die Seele neugierig mache. „Entweder man hat dit noch oder nicht. Kinder haben es janz gewiss, dass man träumt und wat offen lässt.“

Flaschenpost im Baum

Als er auf der Frankfurter Messe gezeichnet habe, brachte eine Firma einen Zettel und den habe er mit der Flaschenpost verschickt. Drei Wochen später sei tatsächlich Post aus Boitzenburg gekommen. „Alle ham sich jefreut, die Firma und die Finder, aber dit Lustigste war, dass sie durch Hochwasser im Baum hängenjeblieben is - ne Flaschenpost im Baum! Dit is eben die nich leicht bezifferbare Kalkulation.“ Später bekam ich die Eckdaten: Bittkau, Elbkilometer 372, 14. April 2018, ab 11 Uhr Grillen mit Elbfisch und Bilderverkauf.

Was Bittkau, das 200-Seelen-Dorf in der südlichen Altmark, für ihn sei, wollte ich wissen, und er hatte eine sehr lange Pause gemacht. Da gäbe es diese schwer benennbare Verbundenheit und er fühle sich hier zu Hause, auf dem Friedhof die Ahnen, in der Kirchenglocke der Name des Opas, im Dorf der gesamte Zöllner-Clan.

Warum er nicht in den ‚Westen‘ gegangen sei? „Jetzt kommen wir zu so nem heiligen Wort wie Treue“, hatte er geantwortet, dann geschwiegen und von der quälenden Fahrerei zu erzählen begonnen. Zwischen dem Job in der Großstadt Berlin, in der Charité, und den Wochenenden in Bittkau, mittendrin seine noch jungen Großstadtkinder, denen er das Dorfleben schmackhaft machen wolle. „Und die müssen mein Wohlwollen och noch schön finden, mein Biotop. Das ist ja nicht mehr das, was ich früher hatte. Ich verdonner sie, dass sie grüßen lernen. Das sind die Regeln, die sich in meinem Leben bewährt haben, zwischen Grönland und Borneo, egal, wo ich war. Das Dorf war ne gute Schule und nicht das Schnodderzeug aus Berlin. Hier können sie sägen, Feuer machen, das Hochwasser beobachten … das kann man durch keine Eventagentur oder Superschule machen.“

Mit Kaffee und Kuchen

Da ich erbärmlicher fror denn je, hatte Benno Zöllner für mich mit den Worten „der dämmt gut“ seinen alten Feuerwehrmantel von der Berliner Charité hervorgeholt und den Sessel an den Ofen geschoben. Meine Jacke hatte ich nämlich im Auto gelassen. Plötzlich klopfte es unvermittelt an der Haustür. „Hallo, hier kommt der Kuchen! Stören wir?“

Ein Paar mit einem großen, schwarzen Kuchenblech schob sich ins Wohnzimmer. Der Hausherr schien erleichtert, vielleicht, weil nun andere erzählen würden. Er holte ein wenig mehr vom Festtagsgeschirr und eine zweite Fuhre dampfenden Kaffees, der Duft vom Hefekuchen verteilte sich im Raum. In Winterjacken hatten sich die Freunde aus dem Nachbardorf zu uns gesetzt und drauflosgeplaudert.

„Ach so, ja der Weltflaschenpoststationstag. Benno will nich, dass dis überkommerzionalisiert wird.“ Dass es immer schön hier sei. Dass man hierher komme und irgendwas losgehe. So wie damals, als „wir ihn auf einer Radtour kennengelernt haben. Er macht das so: Jeder, der hier vorbeifährt, wird angesprochen. Den lädt er zum Bier ein und Sonntagmorgen gibt‘s Whisky.“ Das habe nix mit Sonntagmorgen am Kiosk zu tun. Jeder erzähle ein wenig von sich.

„Am coolsten fand ich die Geschichte von deiner Tante. Wie du sie fotografiert hast und ne halbe Stunde später ist sie gestorben.“ „Ja“, sagt Benno, „so wars. Da steht man noch und lacht und mit einem Mal Bumm. Sie war über 80 und ganz munter, ist in 1950er Jahren in Westen gegangen und jedes Jahr gekommen, Familientradition sozusagen.“

Auf den Spuren jüdischer Herkunft

Nicht jeder, der den Elberadweg entlangradelt, werde von ihm angesprochen, zum Beispiel die nicht, die Leistung schrubben, „die anderen sind interessant.“ Einmal wären drei in seinem Alter hier gewesen, hatten hinten einen Koffer auf Rädern, in den man das Rad stecken konnte. „Die haben hier gerastet, und ich hab was ausgegeben. Sie haben erzählt, dass sie auf den Spuren ihrer jüdischen Herkunft sind und waren erfreut über so’n wilden Menschen wie mich. Die haben die Flaschenpost umsonst gekriegt.“

Zwei Wochen später bin ich zum Flaschenpoststationstag gegangen, und meine Tochter hat mit Freundinnen ihre Flasche in die Elbe geworfen. Eine Antwort haben wir nicht bekommen, dafür Einladungen von Benno Zöllner. Eine titelte: „Mit Kunst Ernst machen! Schließlich leb ich im suchmodus seit jahrzehnten und weiß immer noch nicht wohin und warum, ich umkreise herkunft und europamurks; Schweinebraten und Zugtickets sind ebenso in mir zu finden, wie Bestattungsrituale der altmark oder Gongklopfen in japan.“

Ob ich in diesem Jahr zu Benno Zöllners Weltflaschenpoststationstag gehe, weiß ich nicht. Er findet am 11. Mai statt. Wer an dem Tag auf dem Elberadweg radelt, könnte in Bittkau an einem blauen Haus vorbeikommen. Vielleicht teilt gerade eine muntere Runde ein Stückchen Existenz miteinander, zwischen Elbfisch, Wein und Kunstobjekten … dann einfach dazugesellen und drauflosquatschen.