Lindhorst l Whisky aus der Börde? Geht das? Schottland gilt gemeinhin als Heimat des hochprozentigen Getränks. Als Whiskey kommt es aus den USA oder Irland. Übersetzt mit „Lebenswasser“ – vom gälischen „uisge beatha“ – hat es längst Kultstatus erreicht. Ein erster schriftlicher Nachweis dafür findet sich in einem schottischen Register von 1494. Bruder John Cor von Lindoris Abbey in der Grafschaft Five wird dort als Käufer von acht „Schüsseln“ Malz genannt, mit denen man 35 Kisten Whisky, das entspricht in etwa 400 Flaschen, herstellen konnte.

Und da kommt schon ein Bezug zum Whisky aus dem Norden Sachsen-Anhalts, wenn auch banaler, zum Tragen. Jürgen Eckart aus Lindhorst füllte im Herbst 2013 die erste Charge seiner „Queen Edith“ ab. Der Whisky mit einer blumig-fruchtigen Note war in nur drei Tagen komplett ausverkauft. Kunden aus ganz Deutschland hatten sich regelrecht darum beworben, teilweise sogar mit dem Wunsch nach einer ganz bestimmten Seriennummer. Eckart nahm den Ansturm gelassen und lieferte streng nach der Reihenfolge der Bestellung aus. Mancher Interessent ging leer aus.

Ob der Lindhorster der erste Sachsen-Anhalter war, der sich der Herstellung von Whisky verschrieben hat, lässt sich nicht exakt beantworten. Eine Brennerei aus dem Süden des Bundeslandes wagte sich etwa zweitgleich mit der gleichen Idee auf den Markt. Zufall und kein Wettrennen sei das gewesen, versichert Jürgen Eckart. Von Konkurrenz könne sowieso keine Rede sein. Die relativ kleinen Mengen des Hochprozentigen, die gegenwärtig zwischen Altmark und Burgenland in Fässern heranreift, verkaufe sich fast „wie von selbst“. Es gehe vor allem um Qualität.

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In drei Jahren verdunsten bis zu zwölf Prozent des künftigen Whiskys.

2005 war der studierte Bauingenieur seinem ursprünglichen Beruf untreu geworden, begann in einer umgebauten Garage Bier zu brauen. „Wenn man das 50. Lebensjahr ansteuert, dann beginnt das Überlegen, ob man nicht noch einmal etwas grundlegend Anderes machen soll“, sagt er. Häuser aller Coleur gehörten für ihn zum Alltag, es gab jede Menge Routine und den Wunsch, sich zu verändern.

Was lag näher, als aus dem Hobby eine Berufung zu machen. Gerstensaft wurde von ihm bereits geraume Zeit im stillen Kämmerlein gebraut. Der Grund: Es fehlte beim Bier aus dem Handel die individuelle Note. Das industrielle Produkt lies unter anderem eine natürliche Fruchtigkeit vermissen. Nun wollte der Lindhorster neue, alte Trends aufgreifen. Bis in die Gegenwart erleben kleine und individuelle Brauereien in ganz Deutschland eine Renaissance. Als goldrichtig erwies sich die Entscheidung. Nischen zu besetzen, das sei ein Erfolgsrezept, räumt Eckart ein. Das gilt beim Bier ebenso wie bei Whisky oder anderen „Schnäpsen“. Nicht jedes „Blonde“ darf mit dem Namen Bier geadelt werden. Da ist das deutsche Reinheitsgebot unerbittlich. Wird es mit Zutaten versetzt, muss es sich anders nennen. Knapp ein Dutzend unterschiedlicher Sorten kommen aus dem kleinen Unternehmen. Cannabium mit Hanf gehört ebenso wie das von Honig geprägte Ho-Bo dazu. Die Rezepturen für neue Kreationen entstehen in einem langen Prozess. „Bis zu dreieinhalb Jahre Entwicklungsarbeit sind mitunter nötig, bis alles stimmig ist“, berichtet der Mann, der vom Häusle-Bauer zum Brauer wurde.

Zahlreiche Details zählen beim Whisky. Die lange Reife und Lagerung in Eichenfässern gehören dazu. Mindestens drei Jahre und einen Tag dauert dieser Prozess. Letztlich sind die Grundlagen für den „Hopfentee“ und den Hochprozentigen durchaus ähnlich. Malz dient als Grundlage, denn wichtigster Rohstoff bei der Herstellung ist Getreide. Abhängig vom gewählten Herstellungsprozess und der verwendeten Getreideart wird das Korn gemälzt oder ungemälzt verwendet. In Lindhorst kommt Malz zum Einsatz. Dessen Qualität ist wichtig, prägt auch den späteren Geschmack. „Ohne hochwertiges Ausgangsmaterial geht es nicht, wenn der Whisky später auch tatsächlich ein Gaumenschmeichler werden will,“ lautet der Anspruch. Die Maische wird dann gebrannt und kommt schließlich in die ehrwürdigen Fässer. Alle haben eine erste Aufgabe hinter sich, waren mit Rotwein, Rum, Sherry oder Madeira gefüllt. Das so regelrecht aromatisierte Holz gibt seine Geschmacksstoffe ab, erweckt regelrecht das Destillat zum Leben. Allerdings kostet diese lange Reifezeit Substanz. In drei Jahren verdunsten bis zu zwölf Prozent des künftigen Whiskys. Ein Schicksal, mit dem alle Produzenten hochwertiger Gaumenschmeichler leben müssen, ein Tribut an das echte Holzfass.

Jürgen Eckart setzt auf Single Malt Whisky. Der unterscheidet sich deutlich vom „Blend“, bei dem mitunter zwischen 15 und 50 Sorten Whisky gemischt werden. Malt dagegen bleibt ein Single und darf einige Jahre bei sachgerechter Lagerung „ausschlafen“.

Mit dem „Lindhorster Experiment“ ist sein Initiator erfolgreich. Selbst Kunden aus England und Kanada besorgten sich teilweise auf Umwegen ein Fläschchen des Whiskys aus der Börde. Liebhaber finden sich auch für den mittelgetorften Gaumenschschmeichler, für den das Malz über Torffeuer getrocknet wird und dadurch eine besondere Note erhält. Überhaupt, die echten Liebhaber für Whisky sind nicht nur Individualisten, sondern haben sich durchaus auch in Freundeskreisen zusammengefunden. Mancher bestellt sich ein kleines Fässchen für seine eigene Edition und überlässt dem Fachmann die Betreuung des heranreifenden Getränks.

Längst hat sich Eckart unabhängig gemacht. Sein Destillat stellt er selbst her. Die hochmoderne Anlage dafür steht unter besonderer Kontrolle des Zolls. Rund zwei Dutzend Plomben verhindern, dass ein Teil der Produktion am Fiskus vorbei gebrannt wird. Nach dem Regelsteuersatz sind 13,03 Euro pro Liter reinem Alkohol an Branntweinsteuer fällig.

Die Spezialitäten-Brau- und Brennerei ist ein echter Familienbetrieb. Ehefrau Iris und Sohn Christian wuseln mit durch die Produktionsräume. Dort geschieht inzwischen noch mehr. Im Lindhorster Betrieb entstehen bemerkenswerte Dinge wie ein Brand aus Zuckerrüben. Wen wundert es, bei der Rolle, die der Landstrich in puncto der süßen Pflanze spielt. Wer den „Börde-Ruhm“ probieren möchte, muss sich in Geduld üben. Ausverkauft! Erst zu Ostern kommt die nächste Charge nach einem Jahr Reifezeit aus den Fässern, in denen zuvor Whisky war. Rum darf sich das Getränk nicht nennen, dieser Name benötigt Zuckerrohr als Rohstoff.

Übrigens liegt der Marktanteil des deutschen Whiskys hierzulande bei 0,4 Prozent, schätzt der Verband Deutscher Whiskybrenner ein. Derzeit gibt es nach seinen Angaben circa 210 Brennereien zwischen Ostsee und Bayrischem Wald und damit etwa ebenso viel wie in Schottland.