Burg l Sven Lohse (Name geändert) zieht die Schweißer-Maske über den Kopf und greift sich das Zierteil einer Feuerschale. Der 34-Jährige aus dem Süden Sachsen-Anhalts wirft das kleine Schweißgerät an und beginnt mit der Arbeit.

Seit drei Jahren ist die Schlosserei-Schmiede in der Justizvollzugsanstalt Burg sein Betätigungsfeld – aller Voraussicht nach auch noch die nächsten zwei Jahre. Die Arbeit mache ihm Spaß, sagt er: „Die Zeit vergeht so schneller.“

Mit Schlosserei habe er „draußen“ direkt nichts am Hut gehabt. „Aber berufsverwandt schon – als Kfz-Mechatroniker.“ Inzwischen leitet er sogar einen Mitgefangenen an, ist der Werder-Bremen-Fan ein wenig stolz. Arbeit im Knast, sei wie jede andere – eben nur weggesperrt.

Kein Mindestlohn im Gefängnis

Allerdings stimmt dieser Satz nur zum Teil. Es beginnt schon bei der Entlohnung. Michael Otto, Niederlassungsleiter des Landesbetriebs für Beschäftigung und Bildung der Gefangenen (LBBG) und seit 20 Jahren im Strafvollzug tätig, sagt: „Strafgefangene erhalten keinen Arbeitslohn und es gibt auch keinen Arbeitsvertrag. Unsere Insassen unterliegen somit nicht dem Mindestlohngesetz.“ Außerdem liege die vorgeschrieben Arbeitszeit bei lediglich 34 Wochenstunden.

Es gebe Tagessätze in fünf Vergütungsgruppen: zwischen 8,73 und 16,42 Euro – je nach Aufgabenbereich, nicht nach Qualifikation. Was so viel heißt wie: Ein verurteilter Hochschulprofessor, der die Toilette putzt, bekommt weniger als ein Ungelernter, der in der Schneiderei den computergesteuerten Stickautomaten bedient.

In den oberen Vergütungsregionen werde die Luft jedoch immer dünner, bedauert Otto. Die Fähigkeiten, Fertigkeiten und damit die Einsatzmöglichkeiten befänden sich auf Talfahrt. „Der Gedanke: Meine Hand für mein Produkt“ sei in Vergessenheit geraten.

Wachsende Suchtproblematik

Das macht der Niederlassungsleiter auch an der „wachsenden Suchtproblematik“ fest. „Da kommen immer mehr Verurteilte, die sind mit 20 schon im Kopf kaputt. Einen Abhängigen, dessen Hände zittern, kann ich doch nicht an eine Maschine stellen.“ Für solche Strafgefangenen kämen „nur niederschwellige Aufgaben“ in Betracht.

Die Bandbreite der Produkte, die in Burg hergestellt werden, ist groß. Ganz gleich, ob in der Schneiderei, der Schlosserei oder Tischlerei.

Die Männer, die mit Nadel und Faden arbeiten wie einst „Meister Nadelöhr“ im DDR-Kinderfernsehen, stellen in einer 1400 Quadratmeter großen Halle zum Beispiel Arbeits-, Arbeitsschutz-, Freizeit- und Sporttextilien her.

Knast-Erzeugnisse haben guten Ruf

Die Knast-Erzeugnisse aus Sachsen-Anhalt haben bundesweit einen guten Ruf, weiß Otto und zeigt auf die ausgestellte Produktpalette. Besonders bei Feuerwehren zwischen Sylt und Bayern hat es sich herumgesprochen, dass die JVA-Schneider aus Burg verlässliche Partner sind.

„Auch die Männer im Promi-Achter haben sich vor ihrem ersten Ruderschlag auf der Elbe ein Knast-Shirt übergestreift“, sagt Winfried Groß, der schon viele Jahre in der Schneiderei den Hut auf hat.

Mancher „Firmen-Läufer“ sei ebenfalls schon in einem Oberteil „Made in Sachsen-Anhalt-Knast“ gestartet.

Keine Roben mehr

Die Produktion von Roben für Richter, die vor Jahren noch von „Langzeitstraflern“ in Naumburg geschneidert wurden, ist inzwischen Vergangenheit: zu aufwendig. Auch unter dem Blickwinkel, dass nur noch etwa die Hälfte der ehemals 80 Strafgefangenen an den Nähmaschinen sitzt, „weil es zwar genug Gefangene, aber zu wenig fähige gibt“, sieht Groß das Problem.

Doch nicht nur geschneidert wird, es wird auch veredelt. Uwe Müller (Name geändert) steckt einen USB-Stick in einen Automaten. Darauf sind elektronisch Muster gespeichert. Gerade ist es ein runder Aufnäher für ein Basecap. Die Stickmaschine beginnt zu rattern und kurze Zeit später ist das Logo fertig.

Tischler-Arbeiten für die Nachfolger

Diese Arbeit gehört zur sogenannten Textilveredlung. Ganz gleich, ob bestickt oder aufgedruckt – die Knast-Schneiderei kann fast alles. Selbst Porzellan, wie Tassen, wird mit Wunsch-Logos oder -Schrift versehen.

Sowohl in der Tischlerei als auch in der Schlosserwerkstatt werden Dinge hergestellt, die etwas mit Justiz zu tun haben. So zimmern und hobeln Holz-Experten Richtertische, vor denen möglicherweise einmal ihr potenziellen Nachfolger stehen werden. Und im Lager der Schlosserei liegen Gitter, die bis vor wenigen Tagen noch durch die Hände der Eisenbearbeiter gingen. Fertig zum Einbau in Haftanstalten.

Die Kontrollen in den Arbeitsbereichen sind streng. Denn Einschränkungen bezüglich der Arbeitsmittel gibt es nicht. Da liegt die spitze Schere ebenso auf dem Schneidertisch wie in der Halle nebenan der Bolzenschneider und bei den Tischlern der Zimmermannshammer.

Fehlt etwas, werden Maschinen gestoppt

Die Arbeitsgeräte liegen in speziellen Aussparungen eines Plastikbehälters, so dass bei der Werkzeugannahme und -abgabe sofort überblickt werden kann, ob ein Teil fehlt. In einem Werkzeugbuch, das ein Vollzugbediensteter führt, wird mit Name und Unterschrift quittiert. „Fehlt etwas, heißt es sofort: Alle Maschinen stopp! Es wird gesucht, bis sich das Arbeitsgerät angefunden hat“, so der Burger Niederlassungsleiter Otto. Bisher habe es jedoch keine nennenswerten Vorkommnisse gegeben.

Der Landesbetrieb sieht sich nicht als Konkurrent der örtlichen Betriebe. „Wir wurden nach Eröffnung des Burger LBBG vor acht Jahren mit den Ängsten der Unternehmen konfrontiert und auch die Handwerkskammer hat warnend ans Justizministerium geschrieben. Aber keine der Befürchtungen ist eingetreten.“ Im Gegenteil: Der Landesbetrieb verstehe sich als „verlängerte Werkbank“. Wenn eine Firma zu wenige Kapazitäten habe, böte man an, den Auftrag gemeinsam zu stemmen.

Knast-Arbeit sei ein Zuschuss-Geschäft, das jährlich Landesmittel im unteren zweistelligen Millionen-Bereich verschlinge. „Deshalb sind wir darauf bedacht, so viele Produkte wie möglich zu verkaufen.“ Trotzdem stehe die sinnvolle Beschäftigung für Gefangene an erster Stelle.