Magdeburg / Berlin (dpa) l Beschäftigte in Ostdeutschland arbeiten noch immer länger als im Westen – und verdienen weniger. 2018 kamen Arbeitnehmer in den alten Bundesländern im Schnitt auf 1295 Arbeitsstunden. Im Osten mit Berlin waren es 1351 Stunden und damit 56 mehr. Wird Berlin zum Westen gezählt, sind es im Osten 61 Stunden mehr. Zugleich lagen die Jahres-Bruttolöhne je Arbeitnehmer im Westen mit 36.088 Euro um knapp 4900 Euro höher als in den neuen Ländern mit 31.242 Euro. Das ergeben Daten der Statistischen Ämter von Bund und Ländern, die die Linke-Bundestagsfraktion ausgewertet hat.

Spaltung am Arbeitsmarkt

Linke-Sozialexpertin Sabine Zimmermann sagte, fast 30 Jahre nach der Wende halte die Spaltung am Arbeitsmarkt an. Von gleichwertigen Lebensverhältnissen könne nicht gesprochen werden. Es sei inakzeptabel, dass die Bundesregierung sich offensichtlich mit einem "Sonderarbeitsmarkt Ost" abgefunden habe. Wichtig für eine weitere Angleichung sei eine Stärkung der im Osten deutlich schwächeren Tarifbindung – besonders durch leichtere Regeln, Tarifverträge in einer Branche für allgemeinverbindlich zu erklären. Die Linke fordert zudem eine Mindestlohn-Erhöhung auf 12 Euro pro Stunde.

1373 Stunden in Sachsen-Anhalt

Im Schnitt am längsten gearbeitet wurde 2018 laut Statistik in Sachsen-Anhalt mit 1373 Stunden. Es folgen Thüringen mit 1370 Stunden je Arbeitnehmer und Mecklenburg-Vorpommern mit 1357 Stunden. Am wenigsten Arbeitsstunden waren es demnach im Saarland (1269), in Rheinland-Pfalz (1275) und Nordrhein-Westfalen (1276) – bei einem bundesweiten Schnitt von 1305 Stunden.

Bei den Löhnen und Gehältern je Arbeitnehmer ist weiterhin Hamburg Spitze mit 41.785 Euro brutto im Jahr 2018. Es folgen Hessen (38.779 Euro) und Baden-Württemberg (37.818 Euro). Am wenigsten verdienten Arbeitnehmer pro Kopf in Mecklenburg-Vorpommern mit 28.520 Euro, etwas davor lagen Brandenburg (29.605 Euro) und Thüringen (29 676 Euro). Bundesweit waren es 35.229 Euro je Arbeitnehmer.

Beim Arbeitsvolumen erfasst der Arbeitskreis Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden am jeweiligen Arbeitsort – auch bei Beschäftigten mit mehreren Jobs. Nicht einbezogen werden etwa Urlaub, Elternzeit, Feiertage, Kurzarbeit oder Abwesenheit wegen Krankheit. Dabei gehe es weder um "Intensität noch Qualität der geleisteten Arbeit". Nicht korrekt wäre es daher, von Unterschieden der "Arbeitsbereitschaft" oder beim "Fleiß" zu reden. Zu Arbeitnehmern zählen unter anderem Arbeiter und Angestellte, Beamte, Richter, Soldaten und Azubis.

Ost-West-Gegensätze

Die Ost-West-Gegensätze zeigen sich schon seit Jahren. Dabei ist durchaus eine schrittweise Annäherung zu erkennen, auch wenn über das Tempo diskutiert wird. Arbeiteten Beschäftigte im Osten mit Berlin nun im Schnitt 56 Stunden länger als im Westen, waren es im Jahr 2000 noch 147 Stunden gewesen. Bei den Jahreslöhnen schrumpfte der Rückstand des Ostens seit 1991 von 9201 Euro auf nun 4846 Euro.

Als Hintergrund gelten vor allem strukturelle Unterschiede in Ost und West. So spielen in den alten Ländern Minijobs mit vergleichsweise wenigen Stunden eine größere Rolle. Dazu kommen Tarif-Unterschiede. Wochenarbeitszeiten von 40 Stunden hatten im Westen noch 8 Prozent der Tarifbeschäftigten, im Osten 40 Prozent, wie eine Auswertung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung von 2017 ergab. Einfluss haben auch die Zahl der Feiertage und der Anteil von Voll- und Teilzeit.

Im Osten fehlen Konzernzentralen

Wie hoch Verdienste regional ausfallen, kann auch davon abhängen, ob es Firmen mit gut bezahlten Jobs gibt. Nach wie vor fehlen im Osten Konzernzentralen mit besser bezahlten Positionen. Einfluss auf die Höhe des Gehalts hat zudem die Qualifikation von Arbeitnehmern. Über die Kaufkraft sagt die Höhe der Bruttolöhne allein noch nichts aus. Dies hängt von den Lebenshaltungskosten etwa für Miete und Essen ab, die sich regional ebenfalls unterscheiden – nicht nur zwischen Ost und West.

Die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Deutschland nimmt auch die Bundesregierung stärker in den Blick. An diesem Mittwoch wollen Innenminister Horst Seehofer (CSU), Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Familienministerin Franziska Giffey (SPD) Ergebnisse einer dafür eingesetzten Kommission vorstellen.

Mehr rund um das Thema 30 Jahre Mauerfall und Wiedervereinigung gibt es in einem Dossier.