Aus meinem Tagebuch

15. August 2002

Das Haus - zur Hälfte im Wasser verschwunden. Der Garten - es gibt keinen Garten mehr. Die beiden wunderschönen Teiche - vereint mit der Mulde in einem braunen Meer. Wir kamen zu spät. Drei, vielleicht vier Stunden. Die Bilder erreichten uns in Österreich. Gerade zurück von einer Wanderung. Die Meldung: Katastrophenalarm in Raguhn.

16. August 2002

Der Boden ist glitschig, als ich am Mittag zum ersten Mal die Wohnung betrete. ... Sie ist in zwei Welten geteilt. Die heile beginnt einen Meter über dem Fußboden. Die Schranktüren stehen offen, geben den Blick frei auf durchnässte Ordner. Die Briefmarken vom Vater. Über Jahrzehnte gesammelt. Jetzt kleben sie jämmerlich an ihren Unterlagen.

19. August 2002

Drei Zentimeter ist das Wasser gesunken, lächerlich. Trinkwasser soll es erst in einigen Tagen geben. Noch immer haben wir keinen Strom. Unsere Straße steht voller Möbel. Aber die Hilflosigkeit ist geschäftigem Treiben gewichen. Überall wird gepumpt, geschleppt, gefegt.

25. August 2002

Die Wohnung steht leer. Alle Wände, auch die im Keller, sind vom Putz befreit. ... Im Dreck ein kleines braunes Büchlein. Mein Tagebuch. Eng beschrieben mit all den Gedanken eines Teenagers. Vom Wasser verwischt bis zur Unkenntlichkeit.

28. August 2002

Der erste Raum in unserer Wohnung ist wieder benutzbar. Das Bad. Mutter hat heute auf Knien die Fugen geschrubbt. Wie eine Insel glänzt der weiße Raum im ansonsten leeren Haus. Allerdings gibt es kein warmes Wasser. Der Boiler war zusammen mit der Ölheizung dem Wasser zum Opfer gefallen. Wer duschen will, muss die Zähne zusammenbeißen. ...