Raßnitz l Zehn gingen rein in die Metalltechniker-Berufsausbildung, zwei kommen raus – zur Prüfung im nächsten Monat. Einer von ihnen, der die Lehre nicht nur begonnen, sondern die Ausbildung hinter Gittern auch wirklich durchgezogen und mit großer Sicherheit demnächst das Berufszertifikat der Industrie- und Handelskammer in der Tasche hat, ist Dennis.

Der 25-Jährige, der nach der 8. Klasse abgegangen ist, steht in der Werkstatt im Herzen der Jugendanstalt Raßnitz im Saalekreis. In der Hand einen Handpolierer. Mit dem surrenden Werkzeug glättet er ein kleines Edelstahlteil – einen Kabelschacht. Es ist eine Auftragsarbeit, die in der inzwischen viel zu groß gewordenen Halle gefertigt wird.

Werkbank reiht sich an Werkbank, ausgerüstet mit modernen Werkzeugen. Doch unter den Neonröhren arbeiten neben Dennis nur der zweite Lehrling mit Durchhaltewillen und zwei dunkelhäutige Gefangene, die an einer sogenannten Maßnahme teilnehmen.

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Bildungsstand ist erschreckend niedrig

Marco Stephan ist seit dreieinhalb Jahren Lehrmeister in der Jugendanstalt, zuvor war sein Arbeitsplatz der Erwachsenen-Knast in Burg-Madel. Der Mann vom Landesbetrieb für Beschäftigung und Bildung kennt die Gründe, warum der Schwund bei der Berufsausbildung so hoch ist. „Einige Häftlinge werden während der Lehre entlassen, ein Großteil schafft es aber einfach nicht. Das Problem ist, dass der Bildungsstand der Jugendlichen, die verurteilt werden, immer niedriger wird. Und ein bisschen lesen können muss man schon, wenn man eine Ausbildung beginnen möchte. Und da spreche ich keinesfalls nur von Gefangenen mit Migrationshintergrund.“

Außerdem fehle es vielen an Ausdauer. „Sie kommen nach langjährigem Alkohol- und Drogenmissbrauch hierher. Konzentrationsschwächen sind nicht zu übersehen.“ Unter den Jugendlichen, die abbrechen, weil sie während der Lehre entlassen werden, sind einige, die versprechen, dass sie draußen weitermachen werden, so der Lehrmeister. „Das macht sich auch gut, wenn man dem Jugendrichter sagen kann, dass man sich bemüht hat, in der Nachhaftzeit die Ausbildung zu beenden.“ Doch wie die Sache, dann letztlich wirklich aussehe, erfahre er nicht.

Allerdings sei es kein Geheimnis, dass der Wille vielleicht da ist, aber die Ablenkungen in Freiheit, die alten Kumpels, der Alkohol zumeist verlockender seien, als die Einsicht, den Abschluss zu machen und ein geregeltes Leben zu führen.

Raucherpause. „Mit Metall zu arbeiten, macht mir Spaß“, sagt Dennis, der so etwas wie ein Vorzeigegefangener in Raßnitz ist. „Ich habe mich schon beworben, draußen. Meine Freundin hat die Bewerbungen geschrieben. Sie hat mir gesagt, dass schon nach drei Stunden mehrere Online-Angebote für Vorstellungsgespräche eingelaufen sind.“

Der 25-Jährige will sein Leben grundlegend umkrempeln. Was er getan hat? „Alles“, sagt er: gefährliche Körperverletzung, gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, Drogensachen ... 180 (!) Delikte sind bei der Polizei aufgelistet.

Vier Jahre Jugendstrafe

Ende der Fahnenstange war der 24. Juli 2014. Der damals 20-Jährige hatte versucht, mit seiner Mercedes-C-Klasse einen Streifenwagen der Polizei abzudrängen, als dieser das Auto seines Kumpels verfolgte. Der Freund (1,05 Promille und ohne Fahrerlaubnis) hatte bei einer Verkehrskontrolle nicht angehalten. Dennis gab danach selbst Gas, verursachte einen Unfall und beging Fahrerflucht. Verurteilt wurde das ehemalige Heimkind 2015 wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr zu einer Gesamtstrafe von vier Jahren Jugendstrafe. „Alkohol, dann auch Crystal Meth, zum Schluss zwei Gramm am Tag“, schüttelt er den Kopf, als könne er heute überhaupt nicht mehr verstehen, wie er auf die astronomische Zahl von Delikten gekommen ist. Und wenn man den ruhigen jungen Mann sprechen hört, fällt es auch wirklich schwer, die lange Liste nachzuvollziehen.

„Meine Freundin wartet auf mich in unserer gemeinsamen Wohnung“, hellt sich sein Gesicht auf. „Und unser fünf Jahre alter Sohn.“ Eine richtige Familie wollen sie sein, nimmt er sich vor. „Mit dem Abschluss in der Tasche habe ich doch gute Chancen.“

Zwölf Wochenstunden Theorie hat der Magdeburger in den vergangenen Jahren gebüffelt – acht Lernfelder: darunter Deutsch, Sozialkunde und Sport. „Die Jungs haben eine 40-Stunden-Woche“, sagt Lehrmeister Stephan und bedauert, dass einige Berufe nicht mehr gelehrt werden können. Die Werkhalle für Bauten- und Objektbeschichter stehen seit 2017 leer. „Auch wir haben Mangel an Ausbildern“, sagt er. Ihren Abschluss können Gefangene nur noch als Fachkraft für Metalltechnik/Konstruktionstechnik und als Tischler machen.

Die Gründe, warum sich Gefangene für eine Lehre entscheiden, seien unterschiedlich. „Zum einen hebt es das Ego, wenn man sagen kann: Ich mache eine Ausbildung. Außerdem merken das die Azubis im Portemonnaie. Sie erhalten eine höhere Vergütung als diejenigen, die zum Beispiel zum Hoffegen herangezogen werden.“

Dennis, der besonders gern mit dem Schweißbrenner arbeitet, sagt, dass er einen „Schlussstrich unter sein altes Leben gezogen“ hat. „Es war gut, dass ich verurteilt worden bin. Wäre es anders gekommen, hätte ich wohl weitergemacht.“

Der künftige Metaller freut sich auf Freundin und Kind. „Und mit meiner Mutter werde ich nach meiner Entlassung auch wieder Kontakt aufnehmen“, sagt er.