Magdeburg l Bundesweit bricht mehr als jeder vierte Lehrling die Ausbildung ab. Bei Auszubildenden, die Koch, Restaurantfachkraft oder Friseur werden wollen, höre sogar etwa jeder Zweite vor der Abschlussprüfung auf, heißt es laut „Süddeutscher Zeitung“ im Entwurf des Bundesbildungsministeriums für den Berufsbildungsbericht 2018. Im Jahr 2016 seien gut 146.000 Ausbildungsverträge vorzeitig aufgelöst worden. Damit liegt der Anteil der abgebrochenen Ausbildungen mit 25,8 Prozent erstmals über den seit den 90er Jahren üblichen Quoten von 20 bis 25 Prozent.

In Sachsen-Anhalt wirft sogar jeder dritte Lehrling hin. Betroffen sind laut Sozialministerium vor allem Hotelfachleute (50,9 %), Elekroniker (51,9 %), Tischler (53,5 %), Köche (54 %), Metallbauer (54,4 %) und Friseure (67,9 %).

Burghard Grupe, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg, sagte, im Handwerk sei die Auflösung von Verträgen mit mehr als 40 Prozent überdurchschnittlich hoch. „Das ist ärgerlich und unbefriedigend, zumal wir dringend ausgebildete Fachkräfte benötigen“, sagte Grupe.

Ursache

Warum liegt die Abbruchquote so hoch? Auch wegen statistischer Effekte, erklärte Grupe. Oft würden mehrere Verträge abgeschlossen, aber nur eine Lehrstelle angetreten. Die anderen Verträge würden als „Abbruch“ erfasst. Hinzu kämen lange Fahrtwege und die damit entstehenden Kosten beim Besuch der Berufsschule. In diesem Zusammenhang fordert die Kammer, ein Azubi-Ticket einzuführen. Zudem seien oft persönliche Gründe für den Abbruch verantwortlich – Wohnortwechsel, gesundheitliche Probleme oder mangelnde Ausbildungsbereitschaft. Grupe: „Vermehrt stellen wir eine unzureichende Berufswahlkenntnis bei den Schülern fest. Die Vorstellung über die Ausbildung und die tagtägliche Praxis klaffen oftmals sehr weit auseinander.“

Stefanie Klemmt von der IHK Magdeburg sagte, bereits vor Ausbildungsbeginn träten rund 17 Prozent der Jugendlichen vom Vertrag zurück. „Sie entscheiden sich noch einmal um, wechseln das Unternehmen oder treten ein Studium an.“ Arbeitgeber beklagten oftmals unzureichende Ausbildungsreife und fehlende Vorstellungen über den Berufswunsch der Schulabgänger, sagte auch sie. „Unerfüllte Erwartungshaltungen auf beiden Seiten stellen unter Umständen ein unüberwindbares Problem dar.“

Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD) sagte, Qualität und Attraktivität beruflicher Ausbildung müssten steigen: „Wir brauchen eine gesetzliche Mindestausbildungsvergütung.“ Diese ist im Koalitionsvertrag von Union und SPD für 2020 vorgesehen. Grimm-Benne: „Eine frühere Einführung würde vor allem den Branchen helfen, die mit hohen Abbruchquoten zu kämpfen haben. Denn welche Motivation erhält etwa ein Friseur-Azubi in Sachsen-Anhalt bei 153 Euro im ersten Lehrjahr?“

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