Magdeburg l Während der Arbeitszeit in Erinnerungen zu schwelgen, kommt bei Chefs in der Regel nicht gut an. Bei Claudia Penseler ist das anders. Die Erinnerungen an ihren zwölfmonatigen Auslandsaufenthalt in Ecuador sind ein Grund dafür, weshalb sie an diesem Nachmittag im Albert-Einstein-Gymnasium in Magdeburg steht und per Mausklick von Foto zu Foto springt. Eins zeigt sie beim Bäumepflanzen, ein anderes den pulsierenden Vulkan Tungurawa und mittendrin Bilder, die Penseler lachend mit der indigenen Bevölkerung in der Republik im Nordwesten abbilden.

Penseler gehörte 2008 zum ersten „Weltwärts“-Jahrgang. Zu der Gruppe junger Menschen also, die sich mit dem Freiwilligendienst des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung erstmals freiwillig in einem Projekt weit weg von zu Hause engagierten. Heute nutzt sie ihre Erfahrung, um andere 18- bis 28-Jährige als „Weltwärts“-Koordinatorin bei der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt zu beraten – „vor allem aber zu inspirieren“, sagt sie.

Rund zehn Schüler sind an diesem Nachmittag gekommen, um ihren Vortrag zu hören. „Es geht darum, die Kultur, die Menschen kennenzulernen, etwas über sich selbst zu lernen“, sagt dei 29-Jährige. „Viel hängt davon ab, dass ihr selbst Initiative ergreift.“

Bilder

38 junge Menschen aus Sachsen-Anhalt

Mit „Weltwärts“, dem mittlerweile größten staatlich geförderten Programm für Freiwilligendienste im Ausland, engagieren sich jährlich rund 4000 junge Erwachsene weit weg von zu Hause. Auch 38 junge Sachsen-Anhalter traten mit dem Programm 2018 ihre Reise ins große Abenteuer an.

Dabei ist Penselers Arbeitgeber nur einer von bundesweit rund 160 Entsendeorganisationen, die die Schnittstelle zwischen Teilnehmer und Einsatzstelle im Ausland bilden.

Die Projektvielfalt reicht von Unterrichten in Schulen in Afrika bis hin zur Mitarbeit bei Kaffeeherstellern in Südamerika. Kurzum: Alles ist möglich. Doch die Anzahl der Plätze ist begrenzt. Jährlich erhält Penseler doppelt so viele Anfragen, wie verfügbare Plätze da sind. Deshalb schaut sie bei einem ersten Kennenlerngespräch, wer die Motivation und Einstellung mitbringt. „Eigentlich ist es für jeden gut, aber manchmal passt so ein Auslandseinsatz vielleicht auch gerade nicht in die persönliche Situation.“ Penseler sendet anschließend die Bewerbungen zu den lokalen Partnerorganisationen, die dann die finale Entscheidung treffen.

Sarah Maria Paul aus Magdeburg ergatterte ihren Wunschplatz. Seit rund fünf Monaten ist die Magdeburgerin in Tokokoe, im Südosten Ghanas, und engagiert sich bei der Nichtregierungsorganisation „House of Perspectives“ („Haus der Perspektiven“), die sich der Weiterbildung von Kindern und Erwachsenen verschrieben hat. „Ich wollte nach meinem Abitur erst einmal Reiseluft schnuppern, und ein afrikanisches Land hat mich sofort gereizt“, erklärt die 19-Jährige rückblickend ihre Motivation.

Gleich nach ihrer Ankunft wurde Paul in allen Bereichen integriert, pflegte die Webseite der Organisation, erstellte Flyer, Arbeitsblätter für den Unterricht und digitalisierte die Volkszählung. „Mittlerweile habe ich mich bereit erklärt, die Arbeit mit den Kindern allein zu übernehmen.“ Das heißt: Sie schreibt die Arbeitshefte für rund 40 Kinder – und korrigiert sie anschließend. „Gerade versuche ich in Anlehnung an Montessori (Die Montessoripädagogik ist ein Bildungskonzept, Anm. d. Red.) ein Konzept zu entwickeln, das die individuelle Förderung der einzelnen Kinder vorantreiben soll“, erzählt Paul.

Von der Abiturientin zur Entwicklerin

Von der Abiturientin zur Entwicklerin für Bildungskonzepte – viel Raum zur Entfaltung für junge Erwachsene. Doch Einsätze wie die von Paul in Entwicklungsländern sind nicht unumstritten. Immer wieder hinterfragen Experten den wirklichen Nutzen der Einsätze für die lokale Bevölkerung. So stellte unter anderem Axel Dreher, angesehener Professor für Internationale Wirtschafts- und Entwicklungspolitik, in einem Bericht der „Welt“ 2018 die Nachhaltigkeit der Einsätze infrage. Er kritisierte, sie seien vorrangig ein Abenteuererlebnis für Jugendliche.

Auch Michael Harms, Geschäftsführer des sachsen-anhaltischen Landesverbandes Internationale Jugendgemeinschaftsdienste, sagt: „Nüchtern betrachtet, kann man schon sagen, dass diese Einsätze vor allem den Freiwilligen zugute kommen, was die persönliche Entwicklung und Bildung angeht.“ Harms muss es wissen, er arbeitete viele Jahre für „Project Abroad“, den größten, nicht staatlich geförderten Anbieter für Freiwilligenarbeit weltweit. Der Experte differenziert jedoch: „Wie groß der Nutzen für die lokale Organisation ist, hängt natürlich auch von den einzelnen Stellen ab. Oft gehen die Erwartungen und Vorstellungen an einen solchen Einsatz an der Realität vorbei.“ So sei es zum Beispiel keinesfalls so, dass ein Teilnehmer, der seinen Dienst im Krankenhaus leistet, automatisch die gleichen Aufgaben bekäme wie eine ausgebildete Krankenschwester.

Und auch beim Einsatz von Paul sind Grenzen gesetzt. So werden in Tokohoe jeden Abend PowerPoint-Präsentationen für Erwachsene, zum Beispiel zu Themen wie „schwanger als Teenager“, vorbereitet. Für den inhaltlichen Part sind dann aber eben ausgebildete lokale Lehrer verantwortlich. Paul ist dann die helfende Hand.

Die Magdeburgerin wohnt während ihrer Zeit in Ghana in einer Gastfamilie. Von Hochzeiten bis hin zu Beerdigungen ist sie vollständig integriert und sagt selbst: „Ich fühle mich hier unheimlich wohl.“

Ähnlich begeistert ist Gesa Oxe von ihrem Freiwilligendienst. „Es ist eine geniale Möglichkeit, viele neue Erfahrungen zu sammeln, an seine eigenen Grenzen zu gehen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und eine neue Sprache, Kultur und Menschen kennenzulernen“, sagt die Haldensleberin. Sie engagiert sich im „Casa San Pablo“, einem Tageszentrum für Kinder, Jugendliche und Frauen. Von Malen und Lernen mit Kindern bis zur Küchenarbeit wird Oxe vielfältig integriert in die tägliche Arbeit.

Oxe lieben gelernt

Doch nicht nur die Arbeit im Tageszentrum, auch das Leben in der Millionenmetropole hat Oxe als Persönlichkeit weitergebracht. Fühlte sie sich anfangs noch verloren aufgrund fehlender Spanischkenntnisse und der Wucht der Mega-Stadt, sagt sie heute, knapp fünf Monate später: „Mittlerweile habe ich die Stadt lieben gelernt.“

Anders als Paul lebt Oxe, die mit der Entsendeorganisation Diakonie Mitteldeutschland in Agrentinien ist, in einer Wohngemeinschaft mit anderen Jugendlichen. Die anfängliche Sorge, sie würde vielleicht mit ihren Mitbewohnern nicht klarkommen, verflog schnell. „Sie sind wie meine zweite Familie geworden und ich könnte mir die Wohnsituation nicht besser vorstellen“, sagt Oxe.

Ob der Freiwilligendienst im Ausland wirklich nachhaltig ist, hängt nicht nur von der Arbeit der Deutschen vor Ort ab.

Das Engagement hört nach 12 Monaten nicht auf

So ist der Grundgedanke von „Weltwärts“, dass sich die jungen Erwachsenen anschließend weiter engagieren und dass sie – im Idealfall – wissen, wie der weitere Lebensweg aussehen soll. Penseler gründete nach ihrer Rückhehr die Organisation „Zugvögel – Grenzen überwinden“. Ein durchaus nachhaltiges Konzept, denn der Verein ermöglicht es Menschen aus Ecuador, Nepal, Mexiko und Ruanda das zu tun, was sonst nur Freiwilligen in Deutschland und anderen europäischen Ländern möglich war: Erfahrungen im Ausland sammeln.

Und wie sieht es bei den beiden Abiturientinnen aus Sachsen-Anhalt aus? Paul ist sich da noch nicht so sicher. Während der Zeit in Ghana ist ihr aber klar geworden: „Hier habe ich gemerkt, dass ich ohne Kontakt zu Menschen nicht arbeiten kann.“ Und Oxe? Für die war der Berufswunsch schon vorher klar. Sie will Lehrerin an einer Förderschule werden. „Und diese Erfahrung hat mich darin bestärkt.“