Magdeburg/Sydney l Es sind immer vier Tage am Stück, die der Brasilianer Marcus Pinzan derzeit im Einsatz ist. Immer in der Nacht. „Weil da das Feuer und der Funkenflug besser sichtbar sind“, erzählt seine Partnerin Nicole Leopold. Die 41-Jährige ist in Magdeburg aufgewachsen, lebt seit zehn Jahren in Mornington Peninsula, dem wichtigsten Naherholungsgebiet Melbournes. Doch die letzten Tage und Wochen haben wenig mit Erholung zu tun, hier im Süden Australiens. Leopold hat Angst. Angst um ihren Partner. Pinzan gehört in Victoria der „Country Fire Authority“ (CFA) an. Eine auf Freiwilligenbasis beruhende Feuerwehr, die im Kampf gegen Buschfeuer und bei anderen Katastrophen ausrückt. 

Vier Nächte nacheinander ist Pinzan in Gippsland im Einsatz, eine der am stärksten vom Feuer betroffenen Regionen. „Marcus und seine Kameraden haben die Aufgabe, eine zugewiesene Fläche des Brandgebietes unter Kontrolle zu halten“, berichtet Leopold. Der Wohnort der Familie, knapp vier Stunden entfernt, sei noch nicht betroffen von den Bränden, so Leopold. Doch die Gefahr ist eben umso spürbarer, wenn der eigene Freund nachts im Einsatz ist. „Natürlich bin ich immer besorgt, wenn er rausgerufen wird.“ Gestern Morgen kehrte Pinzan von seinem letzten Einsatz zurück. Ob er nochmal nach Gippsland fährt, weiß er noch nicht.

Rund 1000 Kilometer weiter nördlich. Wenn Olaf Kretzschmar in diesen Tagen am Morgen aus dem Fenster schaut, weiß er nie, was ihn erwartet. „Je nachdem, wie der Wind steht, ist es der Himmel an einem Tag knallrot, die Luft stinkt nach Rauch und es ist neblig“, sagt der 46-Jährige. „Aber dann gibt es Tage, an denen sieht man von der Katastrophe gar nichts.“

Kretzschmar ist gebürtiger Genthiner und lebt mit seiner Frau Tanja und den beiden Söhnen seit zehn Jahren in Narrabeen. Einem Vorort von Sydney, direkt am Meer, aber eben auch nur rund 50 Kilometer von den verherrenden Buschbränden entfernt. „Es gibt hier immer wieder Buschbrände, aber so dramatisch wie aktuell war es noch nie“, sagt der Anwalt.

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Höchste Brandgefahr-Stufe

Viele seiner Mandanten kämen derzeit nicht an Unterlagen, „weil sie ihr Zuhause verlassen mussten und auf Campingplätzen schlafen“. Bereits im November musste die Schule eines ihrer Söhne kurzzeitig geschlossen werden, weil die höchste Stufe der Brandgefahr ausgerufen worden war.

Mittlerweile hat sich die Zahl der Menschen, die seit dem Ausbruch der ersten Feuer bei den Bränden starben, auf 17 erhöht, wie die australische Nachrichtenagentur AAP berichtet. Dutzende werden vermisst. Allein im Bundesstaat Victoria war das Schicksal von 17 Menschen ungewiss.

Richtung Norden und Westen einer der Evakuierungszonen erstreckten sich am Donnerstag lange Autokolonnen. Allerdings konnten viele Menschen gar nicht starten, weil die Tankstellen keinen Treibstoff mehr hatten oder die Pumpen wegen Stromausfällen nicht arbeiteten.

Trotz der dramatischen Lage wünscht sich Kretzschmar von deutschen Medien mehr Bewusstsein für die Realität. „Wenn man die ,Tagesschau‘ sieht, hat es den Anschein, als würden alle Australier auf der Straße sitzen. Das ist Quatsch“, sagt der Sachsen-Anhalter. Der Bundesstaat New South Wales verhängt indes von heute an erneut einen siebentägigen Notstand. Damit bekommen die Helfer mehr Möglichkeiten, die Krise zu bewältigen, etwa durch Evakuierungen und Straßensperrungen. Für New South Wales ist es bereits der dritte Notstand der Brandsaison.

Engpässe bei Lebensmitteln

Darüber hinaus gab es in einigen an der Küste gelegenen Gemeinden Engpässe bei Lebensmitteln und Wasser, wie die Feuerwehr mitteilte. Grund hierfür war, dass seit Montag viele Straßen wegen der Brände und umgestürzter Bäume gesperrt waren.

Laut australischem Verteidigungsministerium legte am Donnerstag ein Militärschiff in der Küstenstadt Mallacoota an, um rund 4000 Menschen, die seit Montag von Feuern eingeschlossen waren, mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Das Schiff sollte zudem rund 1000 Menschen in Sicherheit bringen.

Entspannung ist noch nicht in Sicht: Das Wetteramt erwartet morgen für die Region Temperaturen jenseits der 40-Grad-Grenze und starken Wind. Dadurch können die verheerenden Buschbrände noch einmal angefacht werden.

Australiens Premierminister Scott Morrison verteidigte seine Klima-Politik bei einer Pressekonferenz in Sydney. „Ich verstehe die Angst, ich verstehe die Frustration, aber das ist eine Naturkatastrophe, die am besten auf ruhige, systematische Art behandelt wird.“ Er nehme die Erderwärmung ernst, so Morrison. Er betonte zugleich, dass er seine Politik nicht auf Kosten der Wirtschaft ändern werde.

Wut auf Premierminister

Morrison ist ein starker Befürworter der Kohleindustrie und steht für sein Krisenmanagement in der Kritik. Bei einem Besuch in Cobargo in New South Wales erlebte er laut der Agentur AAP am Donnerstag den Ärger der Bewohner in der Brandregion. Morrison wurde demnach beschimpft: „Hier unten bekommst du keine Stimmen, Kumpel. Du bist ein Idiot.“

Australische Wissenschaftler sprechen von einem deutlich gestiegenen Brandrisiko durch den Klimawandel. Schon seit Oktober wüten die Feuer auf dem Kontinent. (mit dpa)