Magdeburg l Es gibt Konzerte, auf die freut man sich mitunter sechs, sieben, manchmal sogar schon zwölf Monate vorher. Weil man Tickets ergattert hat, weil sie sich im Kalender das fette rote Kreuz verdient haben, das eben nur für besondere Abende verwendet wird. Gestern war so ein Abend für viele Fans der Rock-Musik. Oder eher: Es sollte so ein Abend werden. Bis dann einen Tag vorher die irische Rock-Ikone Bob Geldof seinen Auftritt bei der 22. Magdeburger Rockgala absagte – aufgrund des Risikos einer Infizierung mit dem Corona-Virus. Der Weltstar reist aufgrund der Corona-Epidemie derzeit nicht. Der Veranstalter der Rockgala, die Magdeburger Firma Adcom Event & Promotion, hatte sich daraufhin entschlossen, den Abend vollständig abzusagen. Es ist das erste prominente Beispiel in Sachsen-Anhalt für die derzeit viellleicht stärkste Nebenwirkung des Virus – die Folgen für das gesellschaftliche Leben.

Und die sind in anderen Ländern bereits enorm. Wegen der steigenden Zahl von Corona-Virus-Fällen hat die Schweiz gestern alle Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Menschen untersagt. Das teilte Innenminister Alain Berset mit. „Wir wollen weitere Ansteckungen so gut es geht in Grenzen halten“, sagte er.

Dazu gehören unter anderem der Genfer Autosalon, der am 5. März starten sollte und zu dem jedes Jahr mehr als 600 000 Besucher kommen. Ebenso trifft es die Basler Fasnacht, die an diesem Montag beginnen sollte. Zur Zeit tagt auch in Genf der UN-Menschenrechtsrat, an dem normalerweise im Zeitraum von vier Wochen 10 000 Menschen teilnehmen, darunter etwa 4000 aus dem Ausland.

Steht eine ähnliche Entwicklung auch in Sachsen-Anhalt und anderen Bundesländern bevor?

Zumindest müssen Fans von Peter Maffay derzeit noch nicht bangen. Wie die Kaenguruh Production Konzertagentur GmbH aus Halle auf Volksstimme-Nachfrage mitteilte, tourt Maffay wie geplant und gastiert am Mittwochabend in der Magdeburger Getec-Arena. Bei Semmel Concerts gibt es bisher ebenfalls keine Änderungen bei den Konzertplanungen. Veranstaltungen wie „Deine Freunde“ (8. März im Amo) und die Auftritte von Roland Kaiser (14. / 15. März in der Getec-Arena) und Helge Schneider (14. März, Stadthalle) finden wie geplant statt.

Auch die Leipziger Buchmesse soll ab 12. März wie geplant öffnen. Wie die Messe auf ihrer Homepage mitteilt, laufen alle Veranstaltungen. „Aktuell bestehen für unseren Veranstaltungsbetrieb keine Einschränkungen. Für die Besucher gibt es keine Zugangsbeschränkungen“, heißt es. Eine Taskforce sei gebildet worden. Wie die Messe weiter mitteilt, werden die Eingangsbereiche sowie die Sanitäranlagen mit Desinfektionsmittelspendern ausgestattet.

Bereits seit gestern präsentieren sich in Magdeburg rund 120 Aussteller bei der Landes-Bau-Ausstellung. Die dreitägige Messe soll planmäßig laufen. Doch ganz lässt man die immer größer werdende Welle an Fällen in Deutschland auch hier nicht an sich vorbeischwimmen. „Tür-Klinken und Handläufe werden zweimal pro Tag desinfiziert“, erklärte Frank Braumann, Geschäftsführer der veranstatenden expotec gmbh. „Aber es gibt keinen Grund zur Sorge und Panik.“

Die Hannover Messe 2020, an der auch rund 20 Aussteller aus Sachsen-Anhalt teilnehmen, soll Ende April nach aktuellem Stand stattfinden.

Die Reisemesse ITB in Berlin wurde wegen des neuartigen Coronavirus am Freitagabend kurzfristig abgesagt.

Sowohl der 1. FC Magdeburg als auch der SC Magdeburg haben planmäßig an diesem Wochenende Heimspiele. Beim SCM geht man vor dem EHF-Cup-Spiel am Sonntag gegen Nantes eher gelassen mit der Thematik um. Eine mögliche Spielabsage oder eine Austragung unter Ausschluss der Öffentlichkeit ist gar kein Thema. Geschäftsführer Marc-Henrik Schmedt erklärte dazu: „Vom europäischen Handballverband gibt es bisher keine Vorgaben. Deshalb haben wir auch keine speziellen Vorkehrungen getroffen. Wir bitten aber natürlich die Zuschauer darum, besonders auf ihre Hygiene zu achten und sich einmal mehr die Hände zu waschen.“

FCM in engem Austausch mit der Stadt

Und auch auf das Drittligaspiel des 1. FC Magdeburg heute um 14 Uhr gegen den FC Carl Zeiss Jena hat die aktuelle Ausbreitung des Corona-Virus keine Auswirkungen. Zu dieser Partie werden mehr als 15 000 Zuschauer erwartet. Der FCM steht nach eigenen Angaben aber in einem engen Austausch mit der Stadt, bezieht sich aber grundsätzlich auf eine Aussage von Innenminister Horst Seehofer. Dieser sagte, dass die Bundesregierung momentan keine Einschränkungen bei Sportveranstaltungen wie der Fußball-Bundesliga für nötig hält.

Bei der Bewertung von Großveranstaltungen sei entscheidend, ob sich dort „besonders viele Menschen tummeln aus Krisengebieten, aus belasteten Ländern“. Seehofer stellte klar: „Das muss man anders beurteilen, als wenn der FC Ingolstadt gegen Unterhaching spielt.“

Kultur, Gesellschaft, Sport-events, Unternehmensbeziehungen – kaum eine Stunde vergeht, ohne dass neue Meldungen zum Corona-Virus erscheinen. Immer mehr Experten äußern sich zu den möglichen Folgen der Epidemie – und zu den bisher getroffenen Maßnahmen.

So wendete sich auch Steffen Frese, Chefarzt der Thorax-Chirurgie der Lungenklinik Lostau, mit einem Brandbrief an Gesundheitsminister Jens Spahn. Das „Redaktionsnetzwerk“ zitierte aus dem Brief, in dem Frese mahnt, es drohe ein „rascher Kollaps des gesamten Gesundheitssystems in Deutschland“, wenn nicht gehandelt werde. Nach Angaben des „RND“ fordere er unter anderem Schwerpunktkliniken für die Behandlung von Covid-19-Patienten. Das mediale Echo auf Freses scharfe Kritik fiel dementsprechend groß aus. „Das habe ich unterschätzt“, räumte Frese gestern gegenüber der Volksstimme ein. „Da wird zur Zeit so viel geschrieben und gesagt. Alles, was man jetzt noch hinzufügen würde, würde die Panik nur verschärfen. Das möchte ich auf keinen Fall.“ Meinung