Dessau l Die Errichtung des „Baus der Zukunft“ als Gesamtkunstwerk war das Ziel, das der Architekt Walter Gropius 1919 mit der Gründung des Staatlichen Bauhauses in Weimar verfolgte. Mit der traditionellen Baukunst, der „Salonkunst“, hatte er gebrochen, für ihn sollten Bauten modern, puristisch, hell und vor allem funktional sein. Sein Credo: Leben, lernen und arbeiten unter einem Dach. Mit den Entwürfen zum Dessauer Bauhausgebäude und zu den Meisterhäusern verwirklichte Gropius seine Ideen.

„Dieses Haus muss man gesehen haben“, schrieb das „Berliner Tageblatt“ am 7. Dezember 1926 begeistert. Gemeint war das von Walter Gropius entworfene Bauhausgebäude in Dessau, das drei Tage zuvor mit einem großen Fest eingeweiht worden war. Mehr als 1000 Gäste waren zu den Feierlichkeiten erschienen, darunter etwa 100 Journalisten aus ganz Deutschland und dem Ausland. Für sie hatte es bereits einen Tag vorher eine Presseführung gegeben.

Einzelzimmer waren Luxus

Für Erstaunen sorgte die damals neuartige Trennung des Gebäudes in drei flügelförmig angeordnete, funktional gegliederte Trakte, die für die Unterbringung der Gewerblichen Berufsschule, der Ateliers für die Studenten und Jungmeister und die Werkstätten vorgesehen waren. Ein Zwischenbau mit Aula und Mensa verband den Werkstattflügel mit dem Atelierhaus, eine Brücke die Werkstätten mit der Schule. Dort lagen die Verwaltungsräume und das Büro für den Direktor.

Am beeindruckendsten erschien den Zeitgenossen jedoch das Ateliergebäude. Die Ateliers bestanden aus Einzelzimmern, die mit ihren rund 24 Quadratmetern zwar recht klein, aber mit Elektroanschlüssen, Heizkörpern, Einbauschränken, Waschge-legenheiten, Arbeitsplatten, Schlafnischen und vornehmlich von Jungmeister Marcel Breuer entworfenem Stahlrohrmobiliar hochmodern und komfortabel einge-richtet waren. Einige Zimmer verfügten über kleine Balkons, auf denen sich die Bauhäusler gern zum Gespräch, zum gemeinsamen Essen oder Musizieren trafen. Auf jeder Etage waren Teeküchen eingerichtet, die zwar auch recht eng waren, aber mit ihren kleinen Herdplatten, Spülbecken und schmalen Wandregalen ihren Zweck erfüllten. Die Teeküchen waren über einen Speiseaufzug mit der Kantinenküche ver-bunden, deren technische Ausstattung ebenfalls auf dem damals neuesten Stand war. Der Speiseaufzug hielt auf allen Etagen des Hauses und versorgte seine Be-wohner mit Essbarem. Im Haus selbst gab es Gemeinschaftseinrichtungen, wie Ter-rassen, Bäder und Duschen, und sogar eine Turnhalle im Keller.

Im Ateliergebäude ließ es sich so gut leben. Überhaupt waren Einzelzimmer für Studenten damals ein großer Luxus und die Ateliers deshalb entsprechend begehrt, auch wegen des verhältnismäßig niedrigen Mietpreises von 20 Reichsmark, einschließlich Reinigung und Gas. Der Schweizer Bauhäusler Xanti Schawinsky meinte rückblickend dazu: „Das neue Ateliergebäude nahm einen bedeutenden Platz in der Geschichte der modernen Architektur ein, und es ist nicht ausgeschlossen, dass der frische Geist seine Impulse teilweise aus der gleichen Quelle bezog.“ Auf großes Interesse stieß auch die Architektur der Meisterhäuser. Parallel zum Bauhausgebäude hatte Gropius den Bau von drei Doppelhäusern für die Bauhaus-Meister und einem Einzelhaus für den Direktor umsetzen können. Den Auftrag dafür hatte er von der Stadt Dessau erhalten. Beim Entwurf der Häuser bekam Gropius guten Rat und tatkräftige Unterstützung von seiner Frau Ise, aber auch von den Ehefrauen der anderen Meister, die ihm mit ihren „energisch vorgebrachten Wünschen in den Ohren lagen“, wie der Gropius-Biograf Reginald R. Isaacs schreibt. Gropius habe daraufhin treuherzig versichert, er werde an alles denken, doch sei er dann seinen Entwürfen unbeirrt gefolgt, berichtet Isaacs weiter. Mit den Meisterhäusern hatte Gropius nicht nur bei der äußeren Gestaltung Neuland betreten, sondern auch bei der Inneneinrichtung. Sie wies eine Fülle bemerkenswerter Details auf, vom begehbaren Kleiderschrank, über die Einbauschränke und das zusammenschiebbare Doppelsofa bis zu Warmwassergeräten und Radiatoren, mit denen die Junkers-Werke die Meisterhäuser ausgestattet hatten. Geradezu revolutionär war die Hauswirtschaftstechnik. So gab es in der Einbauküche im Haus Gropius einen Wassersprüher für das Geschirr, dem automatisch Seife beigemischt wurde, eine Waschmaschine sowie einen Trockner mit Schleudermechanik.

Lehrer genervt von Schaulustigen

Um die Idee des Neuen Bauens populär zu machen, hatte Gropius sein Haus nicht nur als Wohnhaus konzipiert, sondern auch als Ausstellungsobjekt. Über Führungen, diverse Publikationen und eine für die Eigenwerbung produzierte Filmserie mit dem Titel „Wie wohnen wir gesund und wirtschaftlich?“ erreichte er, dass auch Jahre nach der Fertigstellung der Meisterhäuser das Interesse der Öffentlichkeit nicht nachließ. Es kamen so viele Schaulustige, dass die Meister anfingen, sich darüber zu ärgern. „Aus jedem Auto, jeder Pferde-Droschke, die vorüberfährt – oder zuckelt, stecken sie die Köpfe heraus – und verrenken sich Hals und Augen nach uns“, schrieb der Bauhaus-Meister Lyonel Feininger 1927 erbost in einem Brief an seine Frau Julia.

Doch neben den Schaulustigen kamen auch Prominente, um sich das Haus und seine Einrichtung gezielt anzuschauen und seine Bewohner kennenzulernen, darunter Vertreter von Gewerkschaften und berufsspezifischen Vereinigungen, Politiker, Architekten, Künstler und Professoren. So berichtete die „Dessauer Zeitung“ am 16. Oktober 1926 über einen Besuch des Dessauer Hausfrauen-Vereins im Haus Gropius: „Die liebenswürdige Dame des Hauses hatte die Güte, uns viele praktische Haushaltsgeräte vorzuführen, die sie eigenhändig erprobt und zweckentsprechend, also empfehlenswert gefunden hat. Herzerfreuend für jede Hausfrau, die nicht leidenschaftlich gern putzt und schrubbt, sondern schnell diese notwendigen, aber nicht immer erquicklichen Arbeiten erledigen möchte.“

Das Bauhausgebäude und die Meisterhäuser wurden zum Inbegriff des Neuen Bauens – und genau das war es, was Gropius auch erreichen wollte. In einer Abhandlung über das Bauen schrieb er 1930: „Der Organismus eines Hauses ergibt sich aus dem Ablauf der Vorgänge, die sich in ihm abspielen - in einem Wohnhaus sind es die Funktionen des Wohnens, Schlafens, Badens, Kochens, Essens, die dem gesamten Hausgebilde zwangsläufig die Gestalt verleihen.“