Magdeburg (dpa) l Nach der Bundestagswahl schickt Sachsen-Anhalt zahlreiche neue Abgeordnete nach Berlin. 23 Sitze im Berliner Parlament wird das Land nach Angaben des Bundeswahlleiters vom Montag bekommen – auf 13 Plätzen sitzen künftig Parlamentarier, die noch nie ein Bundestagsmandat hatten: je vier von der CDU und der AfD, je zwei von den Linken und der FDP und eine SPD-Abgeordnete.

Manche wie die langjährige SPD-Landes- und Fraktionschefin Katrin Budde oder die erfahrene ehemalige Linken-Landesvorsitzende Birke Bull-Bischoff bringen viel Erfahrung als Landtagsabgeordnete mit. Die jungen CDU-Wahlkreisgewinner Sepp Müller und Christoph Bernstiel waren bislang in der Kommunalpolitik aktiv. FDP-Landeschef Frank Sitta tritt als politischer Quereinsteiger sein erstes Mandat überhaupt an. Und für die AfD kommen vier neue Gesichter aus Sachsen-Anhalt nach Berlin.

Sepp Müller gewann das Direktmandat für die CDU im Wahlkreis Dessau-Wittenberg. Den Erfolg führt der 28-Jährige auch darauf zurück, dass er viel in seinem Wahlkreis unterwegs gewesen sei. "Wenn man das Ohr bei den Menschen hat, dann honorieren sie das auch mit ihrer Stimme", sagte der zweitjüngste Abgeordnete der künftigen CDU-Bundestagsfraktion der Deutschen Presse-Agentur. Für ihn als neuen Abgeordneten gehe es jetzt zunächst darum zu lernen, zuzusehen und sich einzubringen.

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Sein Augenmerk werde er vor allem auf Themen aus dem ländlichen Raum legen. Diese Regionen müssten von der Politik mehr Beachtung finden, sagte Müller. Nach Berlin ziehen will Müller nicht. Nah an den Menschen zu sein funktioniere nur, wenn man vor Ort sei. Neben Müller sind auch die CDU-Abgeordneten Christoph Bernstiel (Halle), Torsten Schweiger (Mansfeld) und Eckhard Gnodtke (Altmark) zum ersten Mal im Bundestag vertreten.

Bull-Bischoff und Höhn für Linke

Auch Birke Bull-Bischoff, die nach vielen Jahren im Landtag für die Linken nach Berlin zieht, sieht ihren Mittelpunkt weiter im Land. Angetreten war sie im Süden des Landes im Burgenland- und Saalekreis. Sie fühle sich sehr stark verantwortlich für diesen Teil des Landes und werde Sorgen und Nöte der Menschen nach Berlin tragen, sagte die 53-Jährige. "Ich habe gesagt: Ich bin gekommen, um zu bleiben." Neben Bull-Bischoff wechselt auch der Bundesgeschäftsführer der Linken, Matthias Höhn, vom Magdeburger Landtag nach Berlin.

Ihren Schwerpunkt als neue Bundestagsabgeordnete will Bull-Bischoff auf die Auseinandersetzung mit den Rechtspopulisten legen. Dabei gelte es vor allem, inhaltlich zu punkten. "Die sozialen Fragen müssen wieder auf den Tisch." Viele Menschen seien unzufrieden mit niedrigen Renten oder geringen Löhnen. Bei diesen Themen könne sie die herrschende Empörung verstehen. Klar müsse aber auch sein: "Wir müssen alles dafür tun, ein weltoffenes Land zu bleiben."

Spitzenkandidat und Neu-Abgeordneter Martin Reichardt von der AfD wollte eigentlich nie Berufspolitiker werden. "Das ist nichts, was ich von langer Hand geplant hätte", sagte der Pädagoge und Offizier der Reserve. Aber jetzt sei er Abgeordneter und wolle die Rolle ausfüllen. Reichardt hat in viele Parteien reingeschnuppert: SPD, FDP, Republikaner. Sein Vater sei noch heute Sozialdemokrat, sagte der gebürtige Goslarer. Er rede aber noch mit seinem Sohn, nur Tagesschau könnten sie nicht mehr gemeinsam schauen. "Dann langweilen wir die ganze Familie mit unseren Debatten."

Im Bundestag will sich Reichardt vor allem um soziale Themen kümmern: Altersarmut, Kinderarmut, Familienfreundlichkeit als Staatsziel. Konkrete Konzepte nennt er dazu nicht. "Wir können den Finger in die Wunde legen", sagt er. Schließlich wollten auch andere Parteien die Armut bekämpfen. Die Bundes-AfD müsse ihr soziales Profil dringend schärfen, findet er. Mit Reichardt ziehen der Magdeburger Frank Pasemann, der Altmärker Matthias Büttner und der bisherige Landtagsabgeordnete Andreas Mrosek aus Dessau-Roßlau an die Spree.

Die neue SPD-Bundestagsabgeordnete Katrin Budde bezeichnete die Auseinandersetzung mit der AfD im Parlament als "Bewährungsprobe für die Demokratie". Man müssen den Menschen im Land deutlich machen, dass eine Rechtsaußenpartei im Bundestag nichts zu suchen habe, sagte Budde. Es müsse eine harte Auseinandersetzung mit der AfD geben. Es sei deshalb richtig, dass die SPD einer neuen großen Koalition mit der Union eine Absage erteilt habe und so der AfD nicht die Rolle des Oppositionsführers überlasse.

Budde sitzt seit vielen Jahren im Magdeburger Landtag, war lange Partei- und Fraktionschefin in Sachsen-Anhalt. Jetzt zieht die 52-Jährige über die Landesliste der SPD in den Bundestag ein. Einen Schwerpunkt ihrer Arbeit will Budde auf Entwicklungspolitik setzen. "Dieses Feld wird oft unterschätzt." Probleme von Regionen wie Afrika in den Blick zu nehmen, sei entscheidend, um Lösungen bei Themen wie Migration und Flüchtlinge zu entwickeln.

In seinem zweiten Rennen als FDP-Spitzenkandidat hat es für Frank Sitta geklappt. Bei der Landtagswahl verpasste der 38 Jahre alte Hallenser mit den Liberalen mit 4,9 Prozent noch denkbar knapp den Wiedereinzug ins Parlament, jetzt nimmt er sogar noch den Listenzweiten Marcus Faber aus Stendal mit in den Bundestag. Beide können sich erstmals Berufspolitiker nennen, beide gehören wie das FDP-Aushängeschild Christian Lindner zur Generation U40. Sitta war bisher selbstständiger Unternehmer und führt seit 2015 ehrenamtlich die Landes-FDP.

In rekordverdächtiger Geschwindigkeit erklomm Sitta als politischer Quereinsteiger die Parteikarriereleiter: Landeschef, Spitzenkandidat für zwei Wahlen, Mitglied im FDP-Bundespräsidium und jetzt Bundestagsabgeordneter. Sein Ziel: Der Osten Deutschlands brauche mehr Optimismus und müsse weg von der eingeübten Helft-uns-Haltung. "Wir müssen uns einen eigenen Mittelstand bauen, Start-ups und Gründer unterstützen, die auch hier bleiben", sagte er.

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