Magdeburg l Nach der Veröffentlichung des Beitrages "Stahl die DDR Müttern ihre Babys?" haben die Redaktion zahlreiche Anfragen von Angehörigen erreicht, die zu DDR-Zeiten Kinder oder Geschwister verloren haben. Ein Arzt räumt Fehler im Umgang mit toten Neugeborenen ein. Viele Fragen bleiben ungeklärt.

Susanne Knabe sucht auch heute noch nach ihren Halbgeschwistern, mehr als 50 Jahre nach deren Verschwinden. Der kleine Axel-Alois und Schwester Margot wurden 1966 beziehungsweise 1967 in Schönebeck geboren. Jeweils nur wenige Monate später sollen sie verstorben sein. In beiden Fällen bleibt im Dunkeln, wo die Kinder geblieben sind, eine Bestattung gab es nicht. „Ich habe alle Friedhöfe rund um Magdeburg abgeklappert, nirgends gibt es einen Eintrag“, sagt Knabe.

Im Fall von Axel liegen immerhin Berichte vor, nach denen sich das Kind verschluckt habe, bevor es auf dem Weg ins Schönebecker Krankenhaus verstarb.

Todesursache Ohrenentzündung

Im Obduktionsbericht – angefertigt von der Medizinischen Akademie Magdeburg – ist dann aber von einer Ohrenentzündung als Todesursache die Rede. Mit seinen gut drei Kilogramm Gewicht hätte Axel nach DDR-Recht bestattet werden müssen, sagt Knabe. Ob das geschah, weiß niemand. Im Fall von Margot fehlt ein Obduktionsbericht gleich ganz, obwohl in der DDR alle verstorbenen Kinder untersucht werden mussten. Das Mädchen soll einfach über Nacht gestorben sein. Woran – auch das bleibt im Dunkeln.

Wie Susanne Knabe geht es etlichen Familien im heutigen Sachsen-Anhalt. Müttern wurden ihre toten Babys nicht gezeigt, Obduktionsberichte widersprechen Geburtsscheinen, Bestattungsorte sind unbekannt. Nach Veröffentlichung eines Volksstimme-Artikels zum Thema „Stahl die DDR Müttern ihre Babys?“ am 7. Steptember haben sich rund 20 Angehörige bei der Volksstimme gemeldet, die auf der Suche nach verlorenen Kindern oder Geschwistern sind. Das Muster ist dabei häufig ähnlich: Ein Kind wurde in einem Kreiskrankenhaus entbunden, bevor Mütter die Information erhielten, ihr Säugling sei wegen einer Erkrankung in die Medizinische Akademie Magdeburg verlegt worden. Später soll es dort verstorben sein. In anderen Fällen hieß es, das Kind seit tot geboren oder direkt nach der Geburt gestorben. Ihr Baby noch einmal zu sehen oder zu bestatten wurde den Eltern verwehrt – so schildern es Betroffene.

Was aber steckt dahinter? Was geschah mit den Kindern, die in Kliniken des DDR-Systems spurlos verschwanden? Wurden Babys in Einzelfällen gar ohne Wissen der Eltern zur Adoption an linientreue Genossen gegeben, wie einige Eltern vermuten? 30 Jahre nach der Wende sind viele Akten vernichtet, Zeitzeugen sind meist längst in Rente. Neue Erkenntnisse lassen sich nur schwer gewinnen.

Kinder nicht gezeigt

Dr. Kai Schlicht, zu DDR-Zeiten Arzt in leitender Funktion im Bezirk Magdeburg, ist einer der wenigen, die sich äußern. Mit Blick auf das damals gängige Verfahren des medizinischen Personals, tote Kinder den Eltern nicht noch einmal zu zeigen, sagt er: „Der Vorwurf, dass Mütter keine Gelegenheit bekamen, sich von ihren toten Kindern zu verabschieden, besteht sicher zu Recht. Dabei hätte diese kleine Geste des Abschieds nicht viel mehr Aufwand bedeutet.“

Dass Kinder in größerem Stil Eltern ohne deren Wissen weggenommen wurden, glaubt der Mediziner dagegen nicht. Ebenso wenig wie der Magdeburger Ulrich Mielke. Der promovierte Biologe und Krankenhaushygieniker hat nach der Wende mehr als hunderttausend Seiten Stasi-Akten der Medizinischen Akademie Magdeburg ausgewertet. „Wir haben für das Klinikum keinerlei Hinweise darauf gefunden, dass Kinder Eltern weggenommen wurden“, sagt er. – Aber waren damals wirklich alle Akten noch vollständig vorhanden?

Zu klären bleibt mindestens, was mit jenen Kindern geschah, die Eltern nach der Entbindung nie wiedersahen. Das Ehepaar Dirk und Cordula Ernst aus Schönebeck, dessen zwei Söhne ebenfalls spurlos verschwanden, hat konkrete Befürchtungen.

Dirk Ernst berichtet von Gesprächen mit ehemaligen Mitarbeitern des Instituts für Pathologie der Medizinischen Akademie. Obwohl vestorbene Kinder ab 1000 Gramm nach DDR-Recht hätten bestattet werden müssen, seien dort Säuglinge mit bis zu 4000 Gramm anonym verbrannt worden, habe es geheißen.

Stimmt das? Die Nachfolgeeinrichtung der Akademie, die Universität Magdeburg, arbeitet die Vergangenheit gerade in einem Forschungsprojekt auf – sie könnte dem nachgehen, um dringende Fragen zu klären.

Kurz und eindeutig

Dazu, wie der einstige Ofen der Pathologie verwendet wurde, sind die Auskünfte indes kurz und eindeutig. Projektleiterin Eva Brinkschulte sagt: „Es gab einen Verbrennungsraum, dort wurden laut Angabe von damaligen Beschäftigten nur Organteile und Organe verbrannt.“

Alles geklärt also? Der Fokus des aktuellen Forschungprojekts jedenfalls scheint ein anderer: Er liegt auf der Bestandsaufnahme und Digitalisierung noch verbliebener Akten. Ab diesem Monat wollen Mitarbeiter zudem Interviews mit Betroffenen führen. Darüber hinaus hat die Uni eine Zusammenarbeit mit dem Betroffenen-Bündnis „Gestohlene Kinder der DDR“ vereinbart.

Eine Pressekonferenz sei geplant, „wenn erste Ergebnisse vorliegen“, teilte Brinkschulte mit. Den Vorschlag der Volksstimme, einen Fall anhand der Akten gemeinsam zu rekonstruieren, lehnte sie ab. Die Dokumente würden derzeit digitalisiert und befänden sich daher nicht im Haus, so die Begründung. Aus demselben Grund könne man Betroffenen zurzeit keine näheren Auskünfte geben. Man habe sie aber gefragt, ob sie zu Interviews bereit wären.

Auch Axel-Alois, der Halbbruder von Susanne Knabe, wurde 1966 im Institut für Pathologie der Medizinischen Akademie obduziert. Was wurde aus ihm? Knabe möchte endlich Klarheit. Wer ihre ganze Geschichte kennt, kann das verstehen. Denn Knabe vermisst nicht nur ihre Halbgeschwister. Nach einer gescheiterten Flucht ihrer Eltern in den Westen, musste ihre leibliche Mutter später auch sie und ihre Zwillingsschwester Steffi dem DDR-Regime überlassen. Was aus Steffi wurde, das weiß Susanne Knabe bis heute nicht.

Sicher, ein extremer Fall. In vielen Familien dürfte es eher um die Frage gehen, wie und wo verstorbene Kinder bestattet wurden. Susanne Knabe sagt: „Wenn Dinge falsch gelaufen sind, muss man sie eingestehen. Ich möchte einen Abschluss.“ Den wünscht die Berlinerin auch anderen Betroffenen.

Betroffene können sich an die Interessengemeinschaft Gestohlene Kinder der DDR (linke_heike@gmx.de) sowie an Eva Brinkschule wenden (eva.brinkschulte@med.ovgu.de, Tel. 0391/6724340) wenden.