Marienborn (dpa) | Der Blick vom Kontrollturm reicht weit über die Autobahn 2 und den ehemals größten deutsch-deutschen Grenzübergang. Muffig riecht es. Eine Gruppe Zehntklässler aus Rheinland-Pfalz steht neben einer historischen Telefonanlage, Monitoren und einer große Anzeigetafel. Die 18-Jährige Teresa Awa berichtet ihnen von der Überwachung und den Kontrollen an der Grenze. In ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr hat sie sich tief ins Thema eingearbeitet. Die 15-Jährigen sind für ein zweiwöchiges Geschichtscamp nach Marienborn und Umgebung gekommen. So viel Zeit bringen wenige Besucher mit – und auch nicht so viele Vorkenntnisse.

Fast 30 Jahre nach der Grenzöffnung muss mehr erklärt werden, immer weniger Besucher kennen die Zeit der zwei gegensätzlichen Systeme aus eigenem Erleben. Mehr Fotos müssten her und Zeitzeugenaussagen, findet Gedenkstättenleiterin Susan Baumgartl. Denn sie weiß: Marienborn macht es Besuchern nicht einfach. Gut 136.000 Menschen haben die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn im vergangenen Jahr besucht – die meisten individuell und ohne Führung.

Schikanen und Machtmissbrauch

Auf dem riesigen Gelände sind die Kontrollstellen, die Wechselstube, Garagen, Verwaltungsgebäude, Lichtmasten und eben der Kontrollturm erhalten. Aber wer kann sich angesichts des großen mit Betonplatten bedeckten Platzes schon vorstellen, wie viele Autos und Lastwagen hier entlang rollten? Wie viele Menschen hier arbeiteten? Dass es Schikanen gab, Machtmissbrauch, Überwachung – aber auch Großmut. Die Dimension war riesig: 1985 passierten fast 4,5 Millionen Fahrzeuge den Grenzübergang, täglich wurden durchschnittlich 12.320 abgefertigt.

Marienborn braucht als ehemalige Nahtstelle mehr Sichtbarkeit, sagt Gedenkstättenleiterin Baumgartl. Und so sollen noch vor dem Jahrestag der Grenzöffnung drei sogenannte Zeitschleusen aufgestellt werden. Baumgartl beschreibt sie als drei Meter hohe, begehbare Informationselemente, die die Bedeutung des Ortes auf den Punkt bringen. Zitate von Reisenden sollen dort Platz finden. Das sind zumeist Westdeutsche, die in die DDR oder nach Berlin fuhren. Für DDR-Bürger war Marienborn quasi unerreichbar, es gab ein fünf Kilometer breites Sperrgebiet.

"Wir versuchen es so darzustellen, dass es allgemeinverständlich ist, möglichst einfach", sagt Baumgartl. Das sei natürlich ein Spagat, Differenzierungen müsse man teils weglassen. 30 Jahre nach dem Mauerfall sei auch klar: "Wir können nicht mehr alles voraussetzen, zum Beispiel Abkürzungen." SED, ZK – und auch bei DDR werde es vermutlich bei vielen jüngeren Besuchern schwierig. "Das ist schon alles sehr weit weg."

Grenzen sind weit weg

Auch die Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur, Anna Kaminsky, sieht das so: "Für viele Jugendliche sind Grenzen und Mauern durch Deutschland und Europa heute so weit weg wie der Erste Weltkrieg. Deshalb muss die Bildungsarbeit natürlich viel mehr erklären und einordnen. Vor allem muss sehr deutlich gemacht werden, dass die Grenzen entlang des Eisernen Vorhangs nach innen gerichtet waren, gegen die eigene Bevölkerung." Kaminsky ergänzt: "Für Reisende aus dem Westen waren die schikanösen Grenzkontrollen sicherlich ärgerlich und auch beängstigend, und schon das ist ja den meisten heute gar nicht mehr bewusst."

Die Jugendlichen aus Landau kamen genau zur Halbzeit zwischen Mauerfall und heute zur Welt. Sie wohnen 20 Kilometer von Frankreich entfernt, Kontrollen an einer Grenze haben sie dort nie erlebt. Sie haben sich laut ihrem Lehrer aber ein halbes Jahr intensiv vorbereitet – unter anderem mit Referaten und einem Vokabelheft: Was war der Kalte Krieg? Warum wurde die Mauer gebaut? Was war die DDR? Das Ausmaß an Kontrolle erstaune ihn dennoch, sagt der 15-Jährige Tom. Viele seiner Mitschüler sind überrascht über die Größe des Grenzübergangs.

Teresa Awa, die FSJlerin, berichtet von der Leichenhalle, die es hier gab. Gemäß ihrem letzten Wunsch mussten auch Tote für die Bestattung über die Grenze gebracht werden. In Marienborn wurde jeder Sarg nochmals geöffnet und kontrolliert, ob sich nicht ein Fluchtwilliger darin versteckte. Oder sie erzählt von Autos von Reisenden, die auseinandergebaut wurden – die Besitzer mussten sie auf eigene Kosten wieder zusammensetzen lassen.

Geschichte richtig rüberbringen

Die 18-jährige Awa hat erst im letzten Jahr selbst Abitur gemacht und glaubt, dass sie die Geschichte für die jüngeren Schüler in der richtigen Sprache und auch in der gebotenen Kürze rüberbringen kann. Sie sagt, sie sei als Schülerin selbst in Buchenwald gewesen und sei dort auch von einem FSJler geführt worden. "Ich glaube, das hat einen Mehrwert, wenn nicht ein Geschichtsnerd vor einem steht."

Wenn die Jugendlichen keine Fragen haben, sieht sie das recht entspannt. Dahinter stecke keine böse Absicht. Sie findet Marienborn auch gut, weil der Ort nicht das Schockierende hat, man aber das Perfide und das Beamtentum zeigen könne.

Wichtig bei der Geschichtsvermittlung sind für Gedenkstättenleiterin Baumgartl auch in der kommenden neuen Dauerausstellung die Zeitzeugen. "Wir hoffen, dass von den Zeitzeugen ein möglichst breiter Zugang ausgeht." Die neue Dauerausstellung wird derzeit erarbeitet und soll am 30. Juni 2020 eröffnet werden. Das ist der 30. Jahrestag der Einstellung der Grenzkontrollen im Jahr 1990.

D-Mark in Ost-Mark tauschen

Zuvor aber sollen andere Bereiche auf dem Gedenkstättengelände besser erfahrbar werden. In der Wechselstube etwa, wo einst die Bundesbürger zwangsweise D-Mark in Ost-Mark tauschen mussten, sollen historische Fotos zeigen, wie genau es einst mit Personal aussah. Heute sind dort noch die Schalter, der Tresor und sogar die bräunliche Blümchentapete erhalten. Und auch die Passkontrolle, die aktuell nur im Rahmen von Führungen zugänglich ist, soll für alle Besucher sichtbar und erlebbar sein.