Magdeburg l Irgendwann in der Nacht zum 7. Juli klettern die Unbekannten über einen Zaun der landwirtschaftlichen Pächtergemeinschaft Börde in Westeregeln und bauen von den Traktoren die vier großen GPS-Antennen ab. Der Gesamtschaden beläuft sich auf 34.000 Euro. „Zwei Geräte gehörten uns und zwei waren Mietgeräte“, sagt Christian Meyer, Gesellschafter der Firma. Neben dem Ausfall müssen die Landwirte nun auch für die Selbstbeteiligung bei der Versicherung aufkommen.

Auch in Niedersachsen gibt es fast zeitgleich ähnliche solcher Diebstähle. Das bestätigt Landwirt Stefan Voges aus Groß Sisbeck bei Helmstedt. Die Autobahn 2 und die Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt sind nur wenige Kilometer von seinem Hof entfernt. Bei ihm überlisteten die Täter die Sicherheitstechnik, brachen in die Traktoren ein und stahlen ebenfalls GPS-Technik im Wert von 17.600 Euro.

Tatorte liegen entlang der Autobahn

Laut Landeskriminalamt (LKA) sind in den vergangenen viereinhalb Jahren durch solche speziellen Diebstähle Schäden von rund zwei Millionen Euro entstanden. Die Zahl der Fälle stieg von nur zwölf im Jahr 2018 auf 41 im Jahr 2019.

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Dieses Jahr gibt es laut LKA-Sprecher Michael Klocke weiter einen deutlichen Anstieg. Besonders ist dieser im Landkreis Börde zu sehen. Hier stiegen die Zahlen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres bereits auf das Niveau des gesamten Vorjahres mit 16 Fällen. So viele Diebstähle gab es in keinem anderen Landkreis in Sachsen-Anhalt.

Landwirte wie Stefan Voges und Christian Meyer vermuten hinter den Diebestouren organisierte Banden, die jeweils in Niedersachsen und in Sachsen-Anhalt agieren. „Dabei können nur wir Landwirte mit den Geräten etwas anfangen“, sagt Meyer. Die Systeme sorgen dafür, dass die Traktoren zum Beispiel bei der Aussaat oder Feldbearbeitung auf wenige Zentimeter genau in der Spur bleiben. Dies spare Diesel, Arbeitszeit und auch Pflanzenschutzmittel. Als der Landwirt noch per Hand lenkte, hatte er teilweise mit einer Überlappung von etwa einem halben Meter gearbeitet.

Die Diebe bauen vor allem die großen GPS-Empfänger ab und stehlen die teuren Displays. Die Kabel lassen sie meist zurück. Wie die Polizeiinspektion Magdeburg bestätigt, gehören überwiegend Geräte der Marke „John Deere“ zur Beute. Michael Eckhardt, Abteilungsleiter für Präzisionslandwirtschaft im Landmaschinen Vertrieb Altenweddingen und Fachhändler für die Deere-Geräte im mittleren Sachsen-Anhalt: „Geschätzt mussten wir in unserem Bereich in den letzten zwei Jahren etwa 50 gestohlene Geräte ersetzen. Betroffen waren vor allem Betriebe in der Nähe der A 2.“ Die Autobahn bietet für die Täter eine gute Fluchtmöglichkeit.

In den letzten Tagen habe es auch verstärkt Diebstähle im Landkreis Harz gegeben. Eckhardt: „Wir weisen unsere Kunden bereits auf die Serie hin und empfehlen, die Geräte auch auf verschlossenen Höfen vorsorglich abzubauen.“ Außerdem werden inzwischen Zusatzschlösser, Software mit Pin-Codes und festinstallierte Systeme angeboten. Die Absatzwege sind noch unklar. Vermutet wird aber, dass sie weltweit auf Internetplattformen wie „eBay“ angeboten werden. So soll ein Gerät aus Sachsen-Anhalt schon amerikanischen Farmern angeboten worden sein.

Illegaler Verkauf im Internet

Siawash Ebadi, Sprecher bei der Polizeiinspektion Magdeburg, bestätigt: „In einigen Verfahren konnten wir feststellen, dass die Systeme und Bestandteile über ,eBay‘ veräußert wurden.“ Dabei habe es sich bei den Verkäufern unter anderem um Firmen aus dem osteuropäischen Raum, zum Beispiel aus Polen und Litauen, gehandelt. Zu den aktuellen Fällen sei inzwischen ein DNA-Treffer zu einem Mann aus Moldawien aufgetaucht. Er soll an einem Diebstahl im Jahr 2019 im Salzlandkreis beteiligt gewesen sein. Laut Ebadi wurden aber auch im Jahr 2019 Verdächtige aus Polen ermittelt und festgenommen. Sie waren in Niedersachsen und anderen Bundesländern aktiv.

Eine länderübergreifende Ermittlungsgruppe sei derzeit aber nicht in Planung, so der Polizeisprecher.

Mehr zum Thema im Video von Samantha Günther.