Magdeburg l Ein Büro am Magdeburger Hasselbachplatz, April 2016: Zwei Männer Mitte zwanzig sitzen in einem Raum. Sie tippen auf ihren Tastaturen und starren auf ihre Bildschirme. Die beiden Gründer haben eine App entwickelt, die Studenten ihr Studium erleichtern soll: Noten, Stunden- und Speisepläne, E-Mails – all das sammelt das Programm von den Servern der Hochschulen ein und bereitet die Daten übersichtlich für die Nutzer auf. Neben den Informationen tauchen auf den Smartphones der Studenten auch Profile von möglichen künftigen Arbeitgebern und Stellenanzeigen auf. Dafür kassiert UniNow von den Firmen Geld.

An Selbstbewusstsein mangelt es den Gründern schon damals nicht. Sie wollen die größte App an deutschen Hochschulen werden, auch Europa ist schon im Visier. Und tatsächlich: Es läuft gut. Schon nach zwei Monaten ist das Programm von mehr als 10.000 Nutzern installiert worden. „Bis zum Ende des Jahres sollen Studenten der 100 größten Hochschulen in Deutschland unsere App nutzen können“, sagt Mitgründer Tobias Steenweg damals.

Den Plan hat das junge Unternehmen umgesetzt. Im Juli dieses Jahres öffnet Stefan Wegener eine Tür im Stadtteil Buckau und bittet herein. Die untere Etage ist seit April das neue Reich des Startups. Wegener, ein junger Mann in T-Shirt, ist einer der Geschäftsführer des Unternehmens. An 190 Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist UniNow derzeit verfügbar. 160.000 Studenten nutzen die App. Allein seit Januar sind 60.000 neue User hinzugekommen.

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Digitalisierung bei jungen Firmen

Die UniNow-Gründer sind Gesichter des digitalen Wandels in Sachsen-Anhalt. Tobias Steenweg und Stefan Wegener haben schnell gehandelt, ein Produkt entwickelt und eine Nische besetzt. UniNow ist einer der digitalen Gewinner. Es gibt noch mehr im Bundesland: Tesvolt aus Wittenberg produziert leistungsstarke und langlebige Batteriespeicher für Kunden auf der ganzen Welt, Citim aus der kleinen Börde-Gemeinde Barleben stellt Prototypen für viele große Automobilhersteller mit 3D-Druckern her. „Den jungen Firmen ist es gelungen, bei der Geschwindigkeit der Digitalisierung mitzuhalten und Veränderungen schnell umzusetzen“, sagt Thomas Leich, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Harz. Leich wird ab August das neue Kompetenzzentrum 4.0 in Magdeburg leiten und versuchen, auch dem etablierten Mittelstand den Weg in die digitale Welt zu weisen.

Denn viele Unternehmen im Land brauchen bei der anstehenden industriellen Revolution Unterstützung, findet Leich. Sachsen-Anhalt ist kaum wie ein anderes Bundesland abhängig von seinen kleinen und mittleren Betrieben. Konzerne gibt es nicht. Der Mittelstand ist die Basis für den wirtschaftlichen Erfolg. Wissenschaftler sprachen in den letzten Jahren von Hidden Champions und meinten Unternehmen, die in ihrer Nische Marktführer sind und weltweit erfolgreich Produkte verkaufen.

Bewährte Tugenden

In Sachsen-Anhalt gibt es diese Leuchttürme: Der Duftstoff-Spezialist Miltitz Aromatics aus Bitterfeld-Wolfen, Glashersteller F-Glass aus Osterweddingen und der Automobil-Zulieferer Ifa Rotorion aus Haldensleben gehören dazu. Ihre Erfolge haben die Unternehmen allerdings in der alten, analogen Welt errungen. Kann Sachsen-Anhalts hochgelobter Mittelstand mithalten beim Wettlauf um die Digitalisierung? „Ja“, sagt Thomas Leich. Die Agilität der jungen Firmen können auch etablierte Unternehmen erlernen. „Auf Kundenwünsche zu reagieren, sich anzupassen und Lösungen zu schaffen, sind Schlüsselkonzepte für erfolgreiche Geschäftsmodelle“, erklärt der Professor.

Doch auch die jungen Startups setzen auf bewährte Tugenden: Sie führen in einer Nische, legen großen Wert auf Qualität, sie handeln international und sind auf Wachstum ausgelegt. 160.000 Nutzer sind für die Uni-Now-Macher noch nicht genug. „Am Ende des Tages wird der Anbieter mit der größten Reichweite gewinnen. The winner takes it all“, sagt Tobias Steenweg. Bislang gibt es nur einen kleineren Wettbewerber in Österreich. Das junge Startup will jetzt schnell wachsen. In den kommenden Monaten steht der Sprung auf weitere große europäische Märkte, etwa England oder Frankreich an. Startups wie UniNow sind dynamisch und pflegen eine Unternehmenskultur wie Apple und Google: lässige Kleidung statt Anzug im Büro, Liegestühle als Entspannungszone, ein Tischkicker, um mal den Kopf frei zu bekommen.

Die jungen Firmen haben zudem keine Scheu, für ihr Wachstum auch Fremdkapital hereinzuholen. Zwei bis drei Millionen für ganz Europa benötigt UniNow, um den gesamten europäischen Markt zu erschließen, schätzt Geschäftsführer Steenweg. Es wäre nicht die erste Geldspritze durch einen Investor. Erst im vergangenen Jahr hatte die Beteiligungsgesellschaft BMP, die für das Land Sachsen-Anhalt die IBG-Fonds verwaltet, für eine Million Euro 20 Prozent der Anteile an UniNow erworben.

Ortswechsel: In einer Fabrikhalle im Landkreis Börde rattern große Blechkästen, aus denen – fast wie von magischer Hand – verschiedene Formen herauskommen. Peter Böttner schaut an einer der Anlagen durch ein Fenster. Innen blitzt es immer wieder. Bei gut 1000 Grad erhitzt ein kleiner Laser metallisches Pulver. Dann baut sich nach und nach eine Form auf. Je nach Größe des Teils dauert das fast zwei Wochen. Böttner ist Maschinenbau-Ingenieur bei Citim.

Alte Grenzen aufbrechen

Der Mittelständler aus Barleben hat mehr als 20 dieser Maschinen – und kann mit ihnen so gut arbeiten, wie kaum ein anderes Unternehmen auf der Welt. Die Firma ist einer der Marktführer im Bereich der Additiven Fertigung und stellt Prototypen sowie kleine Serien für alle großen Autohersteller auf der Welt her. Aber auch Flugzeugbauer und Energieunternehmen gehören zu den Auftraggebern.

Citim hat mit dem 3D-Druck die Welt vieler Konstrukteure verändert und bestehende Grenzen aufgebrochen. Nicht nur mit Kunststoffen, auch mit zahlreichen Metalllegierungen können die Maschinen aus Sachsen-Anhalt arbeiten. Den Kunden von Citim eröffnet das neue Möglichkeiten. „Wir sagen immer, konstruiert das Bauteil so gut es geht. Im nächsten Schritt schauen wir dann, wie wir es fertigen können“, erklärt Böttner, der den Automotive-Vertrieb leitet.

Das Können der Spezialisten aus dem Börde-Kreis weckt Begehrlichkeiten: Im vergangenen Jahr kaufte der Schweizer Technologie-Konzern Oerlikon das Unternehmen aus Barleben. Einige Experten sagen, die Eidgenossen hätten den 3D-Druck-Trend verschlafen. Citim soll die Lücke nun füllen. Auch für die Sachsen-Anhalter hat das Umfeld des Konzerns Vorteile: Oerlikon stellt das Pulver her, mit denen die Maschinen von Citim arbeiten. Zudem wollen die Schweizer stark investieren, sehen in der Additiven Fertigung ein Zukunfts-Geschäft.

Unter dem neuen Konzerndach nimmt Citim neue Märkte in den Blick. „Wir wollen weg von 50, eher hin zu 500 oder 5000. Wir wollen in Serie expandieren“, sagt Peter Böttner. Für die Citim-Kunden hätte das viele Vorteile, erklärt der Ingenieur. Leistungsstärker und zuverlässiger seien die Bauteile im Vergleich zu herkömmlich produzierten Komponenten. Der 3D-Druck könnte zudem bald günstiger werden. Bislang kosten die Maschinen noch rund eine Million Euro pro Stück. Doch unter den Anlagenbauern nimmt der Wettbewerb zu. Für Citim ist das gut, weil so auch die Bauteile günstiger werden, die der Mittelständler mit den Geräten produziert.

Wachsender Markt

Jungen Firmen aus Sachsen-Anhalt ist es gelungen, sich in kleinen, wachsenden Nischen gute Startpositionen zu erarbeiten. Tesvolt gehört auch dazu. Das Unternehmen aus Wittenberg hat gerade eine neue Produktionshalle in Betrieb genommen. Weltweit fragen Unternehmen die Batteriespeicher aus Wittenberg nach, erzählt Gründer Daniel Hannemann. Das Geschäft mit den Akkus blüht: Jeder Mensch trägt jeden Tag in seinem Smartphone eine Batterie von A nach B. Immer mehr Autos fahren mit Elektroantrieb. „Die Technik wird immer besser und der Batteriepreis sinkt“, sagt Hannemann.

Um weiter zu wachsen, kooperiert Tesvolt mit einem mächtigen Partner: Gemeinsam mit dem südkoreanischen Konzern Samsung haben die Wittenberger eine Hochvoltbatterie entwickelt. Lebensdauer mindestens 30 Jahre. Mit einer speziellen Software gelingt es Tesvolt zudem, jede einzelne Batteriezelle zu kontrollieren. Für das System hat das junge Unternehmen auch einen Patent-Schutz.

Das Geheimnis von Tesvolt ist aber die Nähe zu den Kunden: Daniel Hannemann und Mitgründer Simon Schandert hatten früh Erneuerbare Energien als Geschäftsfeld entdeckt. Beide waren lange in der Solarbranche tätig, verbauten aber auch Speichersysteme und stießen dabei an Grenzen: Während Photovoltaik-Anlagen immer größer wurden, hinkten die Speicher hinterher. Irgendwann entwickelten Hannemann, studierter Informatiker, und Schandert, Wirtschaftsingenieur, selbst die Lösung. „Als wir gemerkt haben, das kriegen wir besser hin, haben wir die Firma gegründet“, erzählt Hannemann. Das war vor drei Jahren.

Heute hat Tesvolt 30 Mitarbeiter. Mittlerweile wildert das Unternehmen auch bei großen Konzernen. In den nächsten Wochen wird ein neuer Ingenieur bei Tesvolt anfangen. Es ist eine Personalie, die für das junge Unternehmen aus Sachsen-Anhalt auch eine Auszeichnung ist: Der Spezialist stößt aus dem Entwicklungsteam des Autobauers Porsche dazu.