Magdeburg l 2009 erlebte Magdeburg zur Eröffnung der Mittelalterausstellung „Aufbruch in die Gotik“ einen gewaltigen Medienrummel. Alle wollten den damals erstmals öffentlich präsentierten Bleisarg von Königin Editha sehen. Der nur 77 Zentimeter große Sarg mit den Gebeinen der ersten, im Mittelalter hochverehrten Gemahlin von Kaiser Otto (912–973) war ein Jahr zuvor im Magdeburger Dom entdeckt worden. In ganz Deutschland wurde über den Sensationsfund berichtet.

Jetzt ist dieser eigentlich wenig spektakulär anmutende Bleikasten mit dem etwas verbeulten Deckel dauerhaft zu sehen. Er ist eines der Hauptexponate des vor wenigen Tagen eröffneten Dommuseums Ottonianum. Das Haus präsentiert ihn heute ganz anders als damals. 2009 wurde noch von den vermeintlichen Gebeinen der angelsächsischen Königstochter gesprochen. Keiner wusste, ob es sich wirklich um Editha handelte. Längst ist das aber bestätigt.

Eine Forschergruppe mit mehr als 40 Wissenschaftlern hat nicht nur ihre Knochenreste untersucht, sondern auch die Textilien, die Insektenreste und anderes organisches Material, das sich im Sarg befand. Erstmals ausgestellt sind Käfer aus dem Sarg von 1510 und dem Vorgänger-Sarkophag – und erstmals wird erzählt, was uns 4000 dieser Krabbeltiere und etliche gefundene Pflanzenreste für Aufschlüsse über Editha geben.

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Sie war an einem kalten Januartag des Jahres 946 gestorben. Das Sterbezimmer aber war warm, der Leichnam mit den im Mittelalter üblichen Talglichtern umgeben. Als Grabbeigabe gab es eine Schale mit Getreidebrei und Getreidekörnern. Das zog Tiere an. Bettwanzen, nachtaktive Speckkäfer, Diebskäfer. Als der Sarg geschlossen wurde, vermehrten sich die Tiere durch das angenehme Käfer-Mikroklima. Die Tiere wurden nicht nur mitbestattet, sondern 1510 auch umgebettet, als die Gebeine – in kostbare Stoffe gehüllt – in den Bleisarg kamen. Es war Sommer. Der Sarg stand offen. Fackeln gaben in der Nacht Licht. Laufkäfer wurden angelockt.

Blackbox im Tageslichtmuseum

Es ist ein eindrucksvoller Raum, diese Blackbox im Tageslichtmuseum, in dem Käfer virtuell über den Boden krabbeln und einige der Käfer-Originalfunde in kleinen Gläschen liegen. Lupen fehlen noch für einen besseren Blick. Ausgestellt sind hier auch die restaurierten Seidenstoffe, die importiert worden sind. Den textilen lichtempfindlichen Kostbarkeiten aus dem Sarg fehlt allerdings noch das Unterlicht, um die einstige Pracht zur Geltung kommen zu lassen. Gleich nebenher der originale Bleisarg, auch das gefundene Leinentuch.

Einige Meter weiter kann der Besucher Editha gegenübertreten. Die Deckplatte ihres hohen Steinsarkophages im Dom ist hier aufrecht gestellt – als bemerkenswert umgesetzter 3-D-Druck, den man als das Sandstein-Original vermutet. Hätte der Bildhauer einst nicht ihre Lider geschlossen, würde Editha den Betrachter jetzt anschauen. Auf Augenhöhe sieht man in ihr schön gezeichnetes Gesicht mit dem zarten Mund.

Otto der Große und Editha, die als Herrscherpaar den Grundstein legten für die Entwicklung des Erzbistums Magdeburg, waren präsent in den großen Mittelalterausstellungen im Kulturhistorischen Museum. Auch Grabungsfunde waren Thema. Aber mit dem Dommuseum gibt es erstmals eine dauerhafte Präsentation, die Besuchern die Rolle der Stadt im europäischen Mittelalter nahebringt. Sie rückt die monumentale Kirche unter dem gotischen Dom ins Licht. Auf einer virtuellen Baustelle wird die Dombau-Geschichte vom Stadtbrand 1207, der Zerstörung des ottonischen Domes bis zum Neubeginn 1209 und der Vollendung der gotischen Kathedrale 1522 im Schnelldurchlauf gezeigt. Ein großes Erdprofil vom Domplatz verdeutlicht, dass seit der Steinzeit Menschen das Areal immer wieder als Wohn- und Bestattungsort genutzt haben.

Da der Kirchenschatz schon frühzeitig zerstört wurde, sind es restaurierte, oft fragmentarische Funde, die von einstiger Pracht und Macht künden. Kleine Teile der Mitra von Erzbischof von Portitz sind erhalten, auch Kelch und Patene von Erzbischof Otto von Hessen. Schuhe und Mitra des einflussreichen Kirchenfürsten Erzbischof Wichmann ebenso, sie fehlen aber noch. Die richtig zu klimatisierende Vitrine wurde nicht rechtzeitig geliefert. Es hakt noch an einigen Stellen. Und es fehlt Werbung am Haus.

Wenn sich die Glastür zum Café und zum Museumsshop öffnet (es gibt Stoffbeutel mit Käfer-Aufdruck), ist der Blick durch große Fenster frei auf das Westportal des Domes. Dort, im Inneren des Gotteshauses, sind die Grablegen von Otto und Editha. Steht man dann am Hochgrab der Königin, gehen die Gedanken zu Talglicht, Getreidebrei und Käfern, die mit ihr hausten. Dann fröstelt einen etwas. So anschaulich kann Museum sein.