Erfurt l Das Bauloch ist riesig und bringt derzeit etwas Unruhe in den sonst eher ruhigen Tag voller Sonnenschein. Doch was hier in zwei Jahren entstehen wird, das ist ein wichtiger Impuls für den egapark Erfurt. Kathrin Weiß steht mit verschiedenen Kollegen, Bauleitern und Handwerkern am Rand. Ein normaler Termin für die Geschäftsführerin. Das Fundament ist fertig, erste Mauern stehen, nach dem Winter geht es aus der Tiefe in die Luft. Wo früher die Zentralgaststätte zu finden war, dann jahrelang die beliebte Pelargonien-Sortenschau, soll nun das Wüsten- und Urwaldhaus Danakil wachsen, benannt nach einer Wüstenregion in Äthiopien, die einst fruchtbares Land war. Wüste trifft Urwald mitten im egapark.

Das ist eine Vision, die zeigt, dass ein beliebter Garten mit knapp 500.000 Besuchern pro Saison nicht nur als Denkmal bewahrt, sondern auch auf eine Zukunft vorbereitet wird. Diesen Gedanken mag Kathrin Weiß. „Auf die Wurzeln besinnen und doch neue Wege einschlagen, das ist meine Philosophie, wenn es um die Weiterentwicklung dieses Parks geht“, sagt sie.

Seit 2011 Chefin

Noch dauert es, aber die Baustelle wird unweit auf einem blauen Container mit Treppe zur Schaustelle. Eine Schulklasse blickt mit großen Augen in das klaffende Loch. Eine Lehrerin erklärt, was hier mal andere Klassen anlocken wird. Kathrin Weiß registriert abseits der Besprechung das Interesse der jungen Besucher. Seit 2011 ist sie im egapark Erfurt die Chefin. Eine spannende Zeit liegt hinter und auch vor ihr, denn Geschäftsführerin des wichtigsten Parks in Thüringen zu sein, ist das eine. Das andere: sie kümmert sich mit einem großen Team auch um die Bundesgartenschau 2021, die dann erstmals in Erfurt stattfinden wird.

Die Berührung mit Natur, Pflanzen, Garten, Obst und Gemüse wurde ihr eher unwissentlich in die Wiege gelegt. Im sachsen-anhaltinischen Wallhausen in der Nähe von Sangerhausen ist Kathrin Weiß aufgewachsen. Das weltberühmte Rosarium war ebenso Ausflugsziel wie die Felder der Eltern Martina und Otfried, die im Nebenerwerb eine kleine Landwirtschaft betrieben. „Mein Vater war damals die treibende Kraft, meine Mutter stand unterstützend zur Seite und wir haben auf den Feldern je nach Saison diverse Gemüsesorten angebaut. Ich erinnere mich, dass man als Kind unweigerlich immer dabei war. Meine Ferien fanden meist auf dem Feld statt“, erzählt Kathrin Weiß. Auch die Großeltern waren damals oft dabei, wenn Johannisbeeren, Bohnen, Kartoffeln, Schwarzwurzeln oder Rosenkohl geerntet wurden. „Mein Großvater war damals in den 1970er und 1980er Jahren regelmäßig auf dem Gelände der iga, wie der egapark damals hieß. Er wäre heute sicher mehr als stolz, wenn er wüsste, dass ich mit meinem Team das Gelände auf eine Bundesgartenschau vorbereite.“ Team ist ein Wort, das Kathrin Weiß im Gespräch gerne und immer wieder ausspricht. „Denn ohne die vielen Mitarbeiter wäre hier gar kein Parkleben möglich,“ sagt sie und macht sich auf den Weg zu einer Teamsitzung.

Der perfekte Ort für eine Auszeit

Kathrin Weiß und die ega, quasi die vierzehn Jahre zwischen iga und egapark, diese Begegnung als junge Studentin. Nach dem Abitur studierte sie Betriebswirtschaftslehre an der Erfurter Fachhochschule. Der „Garten Thüringens“ – wie sich die ega lange Zeit selbstbewusst nannte – war für Kathrin Weiß der perfekte Ort für eine kleine Auszeit mit langen Spaziergängen. Heute schmunzelt sie, wenn sie von damals erzählt und in die Gegenwart schaut, in der sie jeden Tag mehrfach durch den Park muss. Gleich nach dem Studium fing sie in der Marketingabteilung der Wasch- und Reinigungsfirma Domal in Stadtilm an. Fünf Jahre lang war Kathrin Weiß dort, dann folgte der Wechsel nach Erfurt. Die dortigen Stadtwerke suchten einen Verantwortlichen fürs Marketing. Kathrin Weiß bekam die Stelle und hatte das erste Mal den direkten beruflichen Kontakt mit der historischen Garten- und Parklandschaft. „Ich fand es zu dieser Zeit schon spannend, was sich mit Pflanzen, Beeten und der Architektur der 60er Jahre für Geschichten erzählen lassen“, sagt sie. „Emotionaler kann man kein Marketing betreiben als für eine Parklandschaft, die vielleicht nicht im Herzen der Stadt liegt, aber eben die Herzen der Bewohner Erfurts berührt.“

Zielbewusst ging sie 2004 an die Arbeit. Ein Jahr vorher kam ihre Tochter zur Welt. „Planbar ist kein Leben, aber bei uns lief es in dieser Zeit rund“, erzählt Kathrin Weiß. Weil sie gerne über den Tellerrand hinausblickt, baute sie noch ein Fernstudium „Kommunalwirtschaft“ mit ein. Die Stadtwerke haben ein weitaus größeres Portfolio als nur Park, Schwimmbäder und etwas Strom. Kathrin Weiß wollte wissen, wie es läuft, darin bleibt sie sich bis heute treu: Die Neugier bestimmt ihr Leben und sie liebt die Diskussion. Sie ist keine Chefin, die ihre Meinung als das Maß aller Dinge ansieht. Sie spricht aber Dinge an, die sie berühren, die sie verändern will und findet im Team gute Lösungen.

Unterstützung in der Familie

Der egapark ließ die Betriebswirtschaftlerin nicht los. Als eine Geschäftsführung gesucht wurde, stand im Hause Weiß fest, dass sich Kathrin Weiß bewirbt. „Mein Mann war eine wichtige Stütze und in allen Entscheidungen eine große und verlässliche Hilfe. Als unser Sohn geboren wurde, haben wir uns hingesetzt und überlegt, wie wir uns organisieren. Meine Mutter kam oft aus Sachsen-Anhalt, um uns bei den Kindern zu unterstützen. Irgendwie hat es funktioniert.“

Kathrin Weiß kennt den Park gut, denn sie will die Areale nicht vom Schreibtisch aus studieren, sondern mit allen Sinnen erleben. Der ega-park hat sich unter ihrer Leitung verändert und entwickelt, er ist touristisch aufgewertet worden, hat neue Veranstaltungsreihen bekommen, die andere Besuchergruppen in den Park locken. „Sommerkino“, „Yoga“, StreetFood & More“, „Hängematten-Sommer“, all das sind Ideen, mit denen man anderen Besuchern die großflächige Parklandschaft näherbringen kann. Allerdings legt Kathrin Weiß viel Wert darauf, dass der Park nicht nur zur Kulisse für andere Projekte wird. „Diese Ideen funktionieren deshalb so gut, weil immer auch der Park eine Rolle spielt. Es ist nicht so, dass wir ein Zirkuszelt in die Parkmitte stellen und niemand sieht den Park. Ob bei Yoga, dem StreetFood-Wochenende oder dem Comic- und Manga-Event Anfang September, der Park ist immer spürbar und bietet kleine Fluchten.“

Geschichte ist Teil der Faszination

Über die vergangenen Jahre ist das leicht verstaubte Image moderner geworden. Jüngst wurde der Park als Gartendenkmal anlässlich des Bauhaus-Jubiläums 2019 in eine Reihe von einhundert bedeutenden Orten der Moderne aufgenommen. Ein Geschenk für den Park, dessen historische Vergangenheit aus den 1960er und 70er Jahren Teil der Faszination ist und nun noch mehr wird. Das Geschenk schlechthin ist aber die Bundesgartenschau 2021. „Das ist ein Glücksfall und gleichzeitig auch eine Verbeugung vor der Geschichte, denn hier gab es bereits wichtige internationale Ausstellungen in den 1960er Jahren.“

Ein historischer Ort ist es auch, der ihr Lieblingsort im egapark ist. Nachdem die 150 Meter lange Wasserachse saniert wurde, ist es die Mischung aus Beet, Wasser, der Blick auf Rasenfläche, die diesen Teil so besonders macht und in dem sich Kathrin Weiß besonders wohlfühlt. „Als Studentin war der ganze Park für mich eher eine Oase abseits des Studierens, mit meinen Kindern habe ich die Vorteile der Spielplätze genutzt und wenn ich alleine mal Ruhe suche, dann finde ich etwas Kontemplation abseits des Wassers oder laufe ein wenig durch den Skulpturengarten in der Nähe des Gartenbaumuseums.“

Der nächste Termin steht an. Kathrin Weiß trifft internationale Gäste, die sich die große Tagetes-Schau anschauen wollen. Der egapark präsentierte dieses Jahr erstmalig als einer von europaweit drei Standorten über 140 verschiedene Studentenblumen-Sorten. Auch solche Termine sind wichtig, weil Blumenfans nicht nur schauen, sondern auch staunen wollen. Termine, Telefongespräche, Sitzungen: abseits ihrer Arbeit für den egapark Erfurt legt Kathrin Weiß viel Wert auf ihre Familie, findet Ausgleich bei Nordic Walking und Yoga. Und dann gibt es auch zu Hause noch einen Garten. „Dort habe ich zuletzt ein Staudenbeet angelegt und freue mich über die kleine Sammlung an Rosen, für die ich viel Zeit verwende und über die ich mich freue“, sagt sie. Wenn da nicht mit der Rose auch ein Stück Heimat aus Sachsen-Anhalt mit ins benachbarte Thüringen gereist ist.