MVB-Geschäftsführerin Birgit Münster-Rendel über Streikfolgen, Schwarzfahren, Krankenstände und Betriebsratsstreit

"Eine Fahrpreisanpassung dieses Jahr ist unumgänglich"

Die Magdeburger Verkehrsbetriebe MVB sorgen für Schlagzeilen. Streckeneröffnung nach Reform, eingeschränkter Betrieb wegen Fahrermangels und zuletzt ein Streik boten viel Gesprächsstoff. Rainer Schweingel sprach mit MVB-Geschäftsführerin Birgit Münster-Rendel.

Volksstimme: Frau Münster-Rendel, wir treffen uns hier in Ihrem Büro der Verkehrsbetriebe. Sind Sie heute mit dem Bus oder der Bahn zur Arbeit gekommen?

Birgit Münster-Rendel: Weder noch. Für den Arbeitsweg nutze ich meist das Auto. Aber ich fahre täglich sowohl privat als auch dienstlich Bus oder Bahn, vor allem im Innenstadtbereich.

Volksstimme: Jüngst wurde zwischen Nahverkehrsunternehmen und Verdi ein Tarifabschluss ausgehandelt. Was hat das für Folgen für die MVB? Müssen wir bald mehr bezahlen für den Fahrschein?

Birgit Münster-Rendel: Zunächst ist zu sagen, dass die Einigung noch bis Ende März unter Widerrufsvorbehalt steht. Bleibt es bei der Vereinbarung, gibt es in den nächsten zwei Jahren 13 Prozent mehr Lohn/Gehalt für unsere Mitarbeiter. Das führt zu Mehrkosten von ca. zwei Millionen Euro pro Jahr. Obendrauf kommen noch die steigenden Kosten für Energie, Treibstoff und die Unterhaltung von Infrastruktur und Fahrzeugen.

Volksstimme: Also werden die Fahrpeise steigen?

Birgit Münster-Rendel: Wir müssen diese zusätzlichen Kosten kompensieren. Aus unserer Sicht ist eine Fahrpreisanpassung noch in diesem Jahr unumgänglich. In welcher Höhe diese Anpassung erfolgen wird, ist derzeit noch offen.

Volksstimme: Warum nennen Sie keine Details, das interessiert Ihre Kunden am meisten.

Birgit Münster-Rendel: Wir müssen die steigenden Kosten kompensieren. Das muss detailliert berechnet werden.

Volksstimme: Es soll aber unabhängig von dem Tarifabschluss bereits eine beantragte Fahrpreiserhöhung geben.

Birgit Münster-Rendel: Dazu kann ich derzeit noch keine Auskunft geben.

Volksstimme: Unabhängig vom Streik sind in den vergangenen Monaten immer wieder Linien aus Fahrermangel eingestellt oder in längeren Taktzeiten gefahren. Wann stellen Sie mehr Fahrer ein?

Birgit Münster-Rendel: Sofern ein Personalbedarf besteht, werden durch unser Haus entsprechende Einstellungen angestrebt. Die von Ihnen genannten Beispiele waren aber auf einen plötzlich erhöhten Krankenstand zurückzuführen. Ende Februar hatten wir von einem Tag auf den anderen doppelt so viele Krankmeldungen wie sonst. Das hat nichts mit einem Fahrermangel an sich zu tun.

Volksstimme: Warum suchen Sie dann permanent Studenten als Aushilfsfahrer?

Birgit Münster-Rendel: Das ist nichts Neues. Studenten fahren bei uns so wie in anderen Verkehrsbetrieben auch schon seit 50 Jahren als Aushilfskräfte. Sie decken Spitzen durch Sonder- oder Veranstaltungsverkehre ab.

Volksstimme: Also nicht mit Stammpersonal. Es heißt, sie hätten ihren ausgelernten Auszubildenden keine Anschlussverträge angeboten.

Birgit Münster-Rendel: Das stimmt, leider. Normalerweise bilden wir für unseren Bedarf aus. Zu diesem Zeitpunkt gab es aufgrund diverser Umstände leider keinen Bedarf.

Volksstimme: Zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat schwelt seit Monaten ein Streit, unter anderem über Dienstpläne und Pausenzeiten. Deshalb war unter anderem die Bedienung der Strecke nach Reform in Gefahr. Warum können Sie sich nicht einigen?

Birgit Münster-Rendel: Zunächst würde ich das nicht als Streit bezeichnen. Wir arbeiten mit dem Betriebsrat vertrauensvoll zusammen. Naturgemäß ist es aber so, dass eine Geschäftsführung und ein Betriebsrat zu manchen Fragen unterschiedliche Ansichten haben. Grundsätzlich genügen alle Dienstpläne in den MVB allen geltenden gesetzlichen Vorgaben, stehen im Einklang mit dem Tarifvertrag oder Betriebsvereinbarungen.

Volksstimme: Gibt es in der Sache über Dienstpläne und Pausenzeiten nun eine Einigung oder nicht?

Birgit Münster-Rendel: Ja, wir haben uns geeinigt mit Hilfe der Einigungsstelle.

Volksstimme: Die Verkehrsbetriebe stehen auch immer wieder in der Kritik, weil ihre Kontrolleure in Bahnen und Bussen bisweilen unangemessen auftreten. Wann wird sich das bessern?

Birgit Münster-Rendel: Zunächst zur Erklärung: Die Fahrscheinkontrollen führt in unserem Auftrag und nach unseren Vorgaben eine Fremdfirma aus. Die meisten Verkehrsunternehmen in Deutschland verfahren nach diesem Muster. In diesem Jahr wollen wir die Arbeit unseres Dienstleisters genauer unter die Lupe nehmen. Insbesondere geht es um die Auswertung von Beschwerden. Daraus ist dann abzuleiten, ob es Handlungsbedarf gibt.

Volksstimme: Kontrollen sind unbestritten notwendig, um Gerechtigkeit für die zahlenden Fahrgäste herzustellen. Welcher Schaden entsteht den MVB durch Schwarzfahrer?

Birgit Münster-Rendel: Nach Erhebungen des Verbandes deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) gibt es deutschlandweit eine Schwarzfahrerquote von 3,5 Prozent. Auch deshalb unterstützen wir das Ansinnen des VDV, das erhöhte Beförderungsentgelt von 40 Euro auf 60 Euro zu erhöhen.

Volksstimme: Der Stadtrat hat Ihnen jüngst 2 Millionen Euro aus Ihrer Rücklage entnommen. Haben Sie zu viel Geld?

Birgit Münster-Rendel: Nein, natürlich nicht. Das Geld wurde der Kapitalrücklage entnommen. Auswirkungen hat dies unmittelbar keine, reduziert jedoch unsere Liquidität. Auswirkungen hätte die Entnahme nur dann, wenn wir uns stattdessen kurzfristig am Kapitalmarkt Geld besorgen müssten.

Volksstimme: Viele Magdeburger kritisieren nach wie vor den Nachtverkehr der MVB, der ab ca. 21.45 Uhr einsetzt. Warum schalten die MVB so früh auf Sparflamme?

Birgit Münster-Rendel: Wir sind eines der wenigen Verkehrsunternehmen, das die ganze Nacht durchfährt. Nach meiner Analyse müssen wir die Kommunikation unseres Angebotes verbessern. Immerhin haben wir neun Bus- und drei Straßenbahnlinien im Einsatz. Wir selbst sprechen übrigens nicht von Nacht-, sondern von Anschlussverkehr, weil sich zu festen Zeiten auf dem Damaschkeplatz Bahnen und Busse treffen, die dann den Anschluss in die wichtigsten Stadtbereiche herstellen. Viele Fahrgäste dachten beim Blick auf den Fahrplan, dass beispielsweise um 21.15 Uhr zum letzten Mal eine Bahn fährt, und danach nichts mehr. Daneben hängt dann der Fahrplan der Anschlusslinie mit einer anderen Nummer und Linienführung. Wir haben deshalb schon mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2012 auf allen Tagesfahrplänen einen entsprechenden Hinweis eingefügt. Ebenfalls zum letzten Fahrplanwechsel haben wir die Querverbindungen mit Bussen in den Abendstunden gestärkt, zum Beispiel von Olvenstedt nach Buckau und in der Gegenrichtung.

Volksstimme: Die MVB bauen an der Nord-Süd-Verbindung, stecken 134 Millionen Euro in ein riesiges Projekt. So schön es ist, dass dafür viele Fördermittel fließen und die Trassen vergleichsweise "preiswert" zu haben sind. Wer soll denn auf den Strecken zwischen Sudenburg und Buckau oder Kannenstieg und Neustädter Feld fahren?

Birgit Münster-Rendel: Die zweite Nord-Süd-Verbindung zwischen Reform und Kannenstieg ist sowohl betriebswirtschaftlich als auch aus Umweltgründen sinnvoll. Schließlich bietet die Straßenbahn zu 100 Prozent Elektromobilität. Die Wirtschaftlichkeit wurde und wird immer wieder untersucht, sonst gäbe es auch die Fördermittel nicht. Wenn das Gesamtprojekt realisiert ist, können wir 18 Busse einsparen, ohne mehr Straßenbahnen einsetzen zu müssen. Kannenstieg und Neustädter Feld gehören nach Stadtfeld mit zu den dicht besiedeltsten Bereichen in Magdeburg. Und das wird nach den Prognosen auch so bleiben. Deshalb ist es richtig, hier die Trasse zu bauen, die eine schnelle Verbindung in die Innenstadt ermöglicht. Zudem haben Straßenbahnen eine viel höhere Akzeptanz in der Bevölkerung und motivieren Autofahrer viel eher, auf den Nahverkehr umzusteigen als ein Busangebot.

Volksstimme: Busse können Sie aber jederzeit dort fahren lassen, wo Bedarf besteht. Eine Gleistrasse für Millionen können Sie nicht eben mal in einen anderen Stadtteil verlegen.

Birgit Münster-Rendel: Das stimmt, ist aber auch ein Argument für die Trasse. Die Einwohner an der Trasse erhalten Sicherheit, dass ihr Viertel dauerhaft mit Nahverkehr versorgt wird. Das führt dann in der Regel dazu, dass wir mehr Abo-Kunden binden können, weil die Bahn eben dauerhaft da ist und zum Dritten motiviert es Menschen, in diese Bereiche zu ziehen.

Volksstimme: Die MVB hatten sich in den 1990er Jahren auch an den riskanten und umstrittenen Leasinggeschäften mit US-Investoren beteiligt. Ein Teil ihrer Straßenbahnflotte wurde in die USA verleast und zurückgemietet. Welcher Schaden oder Nutzen ist eingetreten?

Birgit Münster-Rendel: Es gab zwei Geschäfte. Eines ist schon vor Jahren ausgelaufen. Das andere läuft noch. Wir haben das laufende Geschäft unter permanenter Kontrolle und werden es bei passender Gelegenheit beenden. Ein Schaden ist nicht entstanden. Einen Nutzen gab es in der Anfangszeit, als von dem Steuersparmodell beide Seiten profitierten.

Volksstimme: Noch eine aktuelle politische Frage. Die Verkehrsunternehmen in Deutschland sollen ebenso wie andere energieintensive Unternehmen nicht mehr von den hohen Energiekosten befreit werden. Was würde das für die Magdeburger Verkehrsbetriebe bedeuten?

Birgit Münster-Rendel: Wir hoffen, dass dieser Fall nicht eintritt. Unser Branchenverband arbeitet verstärkt an diesem Thema. Für uns wären das Zusatzkosten von 1,1 Millionen Euro jährlich. Und das für ein umweltfreundliches Verkehrsangebot. Ich glaube, dass das nicht zu der vielbeschworenen Energiewende passt.