Magdeburg l Freitagmittag in Magdeburg-Stadtfeld. Jutta und Bernd Hartmann erledigen einen großen Teil ihres Wochenendeinkaufs bei „HiesigLecker“. Ein kleiner Laden, der viele seiner Waren unverpackt und in wiederverwertbaren Behältern anbietet. Ein Schälchen mit Beeren, Äpfel, Milch und Tomaten landen an der Kasse. Die Stammkunden haben die Behältnisse für ihren Einkauf selbst mitgebracht. „Wir achten schon darauf, so wenig Verpackungsmüll wie möglich zu produzieren. Und wir kaufen gern Produkte aus der Region. Deshalb kommen wir hierher“, sagt Jutta Hartmann.

Ehepaar Hartmann geht es wie vielen Verbrauchern. Bilder von Plastikmüllteppichen im Meer oder Berichte über Nanoplastik in Lebensmitteln: Die Vermeidung von Plastikmüll wird für immer mehr Menschen ein Thema. Traurige Realität dennoch: Noch immer produziert Deutschland so viel Plastikmüll wie kein anderes Land in der EU. 18 Millionen Tonnen sind es pro Jahr, 220 Kilogramm pro Kopf.

Produkte aus der Region

Neben der Vermeidung von Plastik setzt „HiesigLecker“-Geschäftsführerin Doreen Kröckel auf: Regionalität, Saisonalität und Öko-Anbau. Erhältlich sind Produkte, die bis auf wenige Ausnahmen von Klein- und Kleinsterzeugern aus einem Radius von 120 Kilometern um Magdeburg stammen. Ein reiner Unverpackt-Laden ist „HiesigLecker“ nicht, denn bezöge man Großgebinde von weither, würde auch Verpackungsmüll anfallen, sagt Kröckel. Beim saisonalen Angebot ist häufig Beratung nötig. Wer im Frühjahr frische Äpfel verlangt, wird bei ihr leer ausgehen. Denn die gibt es in diesem Zeitraum nur aus Lagerbeständen. Nicht jeder wisse heute noch, was wann wächst. Schlimm ist das nicht. Beratung gibt es in ihrem Laden ohne erhobenen Zeigefinger.

Menschen, die mit bewusstem Einkaufsverhalten ihren Teil zur Vermeidung von Plastikmüll beitragen möchten, haben es in Sachsen-Anhalt gar nicht so einfach – drei Läden mit entsprechendem Angebot gibt es. Kröckel war Anfang 2017 Vorreiterin. Im selben Jahr eröffnete mit „Frau Ernas loser Lebensmittelpunkt“ ein zweiter Unverpackt-Laden in Magdeburg. Erst kürzlich machte ein erstes Geschäft in Halle auf. „Abgefüllt“ heißt es. Das Startkapital wurde über Crowdfunding eingesammelt. Die Unterstützer erhalten für ihren Beitrag Einkaufsgutscheine, eine Bambus-Zahnbürste oder einen No-Waste-Kaffeebecher. Über 40.000 Euro kamen zusammen. Für den 12. August ist auch die Eröffnung eines Unverpackt-Ladens in Stendal angekündigt.

Nicht nur der Erfolg dieses Projekts unterstreicht: „Zero Waste“ (deutsch: kein Müll) ist für immer mehr Verbraucher ein Thema. Das Blog „Einfach Zero Waste leben!“ führt in Deutschland inzwischen rund 100 Geschäfte auf, in denen sich Kunden Produkte wie etwa Müsli, Hülsenfrüchte, Öle, Seife oder Kosmetik selbst abfüllen können. Bezahlt wird nach Stückzahl und Gewicht, Behältnisse werden selbst mitgebracht oder können gegen Pfand geliehen werden. Das Konzept geht vor allem in größeren Städten auf: Mehrere Läden gibt es in Köln, in München und Berlin.

Positive Resonanz

Laut einer repräsentativen Studie des Marktforschungsinstituts Splendid Research aus dem vergangenen Jahr können Verbraucher der Unverpackt-Idee viel abgewinnen. Für etwas mehr als zwei Drittel der Befragten ist das Konzept der Läden sehr positiv. Andererseits hatten auch erst acht Prozent der Befragten in Unverpackt-Läden eingekauft. Als Hemmschuh wird die noch fehlende Verbreitung genannt.

Bleibt häufig nur der Gang zur Filiale der großen Lebensmittelkette. Strategien zur Plastikvermeidung gibt es auch da. Über zarte Ansätze kommen die meisten jedoch nicht hinaus. So hat Rewe etwa Plastiktüten an der Kasse komplett verbannt. Die eingeschweißte Salatgurke gehört neuerdings bei Aldi Nord der Vergangenheit an. Einige Discounter versuchen, mit Mehrwegnetzen Alternativen zu den Knotenbeuteln in den Obst- und Gemüseabteilungen anzubieten. Meist hat der Kunde jedoch noch die Wahl.

Das Ehepaar Hartmann hat seine Einkäufe derweil bezahlt. Jutta Hartmann denkt beim Einkauf im kleinen Laden in Stadtfeld auch an früher. „In der DDR war es normal, nicht so viel wegzuschmeißen“, sagt sie. Und: Auch wenn sie nicht alle Einkäufe im Unverpackt-Laden besorgt, ein besseres Gefühl als beim Discounter hat sie allemal. Das unverbindliche Schwätzchen neben dem Einkauf – „das gibt es hier nämlich auch noch“.