Huysburg l Noch eine Woche dauert die Fastenzeit. Mit ihr üben Christen von Aschermittwoch bis zur Osternacht Verzicht. Sie sehen darin in erster Linie eine Zeit der Buße und Besinnung zur Vorbereitung auf das Osterfest. In den insgesamt 40 Tagen soll an die Entbehrungen von Jesus in der Wüste nach seiner Taufe erinnert werden. Wer nachzählt, der kommt schnell auf 46 Tage. „Das hat einen einfachen Grund“, sagt Bruder Jakobus vom Benediktinerkloster Huysburg nahe von Halberstadt. „Die sechs Sonntage werden nicht mitgezählt“, erläutert er diese Rechnung.

War die Fastenzeit im Mittelalter stark vom Verzicht auf Fleisch, Fett, Eier und milchhaltige Produkte geprägt, spielen in der Gegenwart zahlreiche andere Gewohnheiten eine Rolle. Das Surfen im Internet, Fernsehen, Computerspielen oder das Rauchen sind Gewohnheiten, die durchaus zur Belastung werden können und den Menschen quasi fest im Griff haben.

Das betrifft nicht nur Christen. Zunehmend gehen Frauen und Männer auch ohne religiösen Hintergrund auf die Chance eines erlebten Verzichts ein, der Raum für Neues schaffen kann. Obwohl solche Einschnitte in den Lebensalltag durchaus ihre Wurzeln in der Vergangenheit haben. Das belegt die Regel des heiligen Benedikt. In ihr heißt es unter anderem als Anweisung an die Mönche: „Er entziehe seinem Leib etwas an Speise, Trank und Schlaf und verzichte auf Geschwätz und Albernheiten. Mit geistlicher Sehnsucht und Freude erwarte er das heilige Osterfest. Was aber der Einzelne als Opfer bringen will, unterbreite er seinem Abt.“

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Im späten Mittelalter mit seiner aufkommenden Frömmigkeit war die Fastenzeit im allgemeinen Verständnis von großer Bedeutung, entfaltetet nahezu so etwas wie eine Gruppendynamik, aus der gesellschaftliche Normen erwuchsen, die bis heute Bestand haben. So seien am Karfreitag Tanzveranstaltungen untersagt, um das Gedenken an die Kreuzigung Jesu nicht zu stören. Ostern stehe keinesfalls nur für dessen Auferstehung, sondern auch für sein Sterben.

Bruder Jakobus berichtet von den positiven Auswirkungen des bewussten und freiwilligen Verzichts. Man werde in vielen Dingen sensibler, es schärften sich die Sinne. Der Konvent auf der Huysburg mit seinen gegenwärtig sieben Mönchen übt sich auf seine Weise in einer Zeit des Überflusses in Zurückhaltung. Das klingt in seinen Auswirkungen auf den ersten Blick banal, unterstreicht aber das Anliegen. „Das wird augenfällig bei unseren Mahlzeiten. In der Fastenzeit gibt es bei uns keine Wurst zum Frühstück, an den Freitagen essen wir mittags Pellkartoffeln mit Quark.“ Er selbst lasse außerdem Alkohol und Süßigkeiten links liegen.

Aus dem Glauben wachsen

Ist ein Mönch also ein Experte in puncto Fasten? Jakobus muss lachen. Nein, so will er es nicht sehen, aber viele Aspekte dabei seien aus dem Glauben erwachsen. Mit 23 Jahren habe er sich selbst für ein Leben in klösterlicher Gemeinschaft entschieden, kam 2005 auf die Huysburg. Dort wie in anderen Klöstern gehören Angebote für Menschen, die Besinnung suchen, zunehmend zur Normalität. Erstmals bot man vor fünf Jahren einen Kurs zum Fasten an. Das stieß auf Interesse, Nachfragen kamen schon damals aus allen Teilen Deutschlands. Inzwischen sind die 14 Plätze jeweils im Frühjahr und im Herbst schnell vergeben. Für gut eine Woche können die Teilnehmer in der beschaulichen Ruhe des uralten Klosters ganz sie selbst sein, sich dem oft stressbelasteten Beruf entziehen, Gedanken in der Ruhe und Stille sammeln, im gemeinsamen Gespräch neue Impulse finden. „Bei uns gibt es kein klassisches Heilfasten, sondern letztlich eine Auszeit, die vom Verzicht geprägt ist“, erläutert Bruder Jakobus.

Diese Mischung kommt an, macht es zudem leichter, lediglich mit Getränken und klarer Brühe zum Mittag über den Tag zu kommen. Längst gebe es „Wiederholungstäter“, die in jedem Jahr ihren Aufenthalt inmitten des wildromantischen Huywaldes schon als „Muss“ empfinden. Aus Nienburg an der Weser reist Monica an. Seit gut einem Dutzend Jahren fastet die 64-Jährige bereits. Einfach „weil es mir guttut“, erzählt sie. Solche Verzichtszeiten kennt sie aus Bayern, wo sie wohnte und die ganze Familie in diesen sieben Wochen Enthaltsamkeit übt. Mindestens zehn Leute habe sie schon in diesem Sinne „missioniert“, berichtet Monica, die Fasten in Begleitung für eine tolle Erfahrung hält. Es bleibe Gelegenheit zum Lesen, für Spaziergänge in die Umgebung des Klosters.

Ähnlich geht es Martin aus Nordrhein-Westfalen. Zum zweiten Mal auf der Huysburg lobt er die totale Entspannung. Der Unternehmer vertraut darauf, dass seine 40 Mitarbeiter auch einmal ohne Chef sein können. Und Fasten im Kloster, hat das für ihn auch religiöse Wurzeln? Ein klares Nein kommt von dem 44-Jährigen. Er hätte sich nie vorstellen können, „nette und weltoffene Mönche“ kennenzulernen. Für ihn ist die eine Woche die Chance, weitgehend auf das Handy verzichten zu können, Fasten sieht er in dieser Zeit als Teil eines Gesamtpakets. Als Beispiel für den Kontrapunkt zum Beruf steht für ihn ein fast dreistündiger Spaziergang mit Teilnehmern des Kurses, bei dem konsequent geschwiegen wurde. Zum Einstieg allerdings ging es Martin wie den anderen.

Der Verzicht auf Essen fiel schwer. Man freut sich schon auf das gemeinsame Fastenbrechen kurz vor der Abreise, wenn ein gedünsteter Apfel den Körper auf die Rückkehr ins „normale Leben“ signalisiert. Der Frucht bringe es zu einer regelrechten Geschmacksexplosion, durch die man den Wert der Nahrung schätzen lernt.

Mund-zu-Mund-Propaganda brachte Christa aus Berlin ins Kloster. Die Großstadt mit ihrem Trubel einmal hinter sich zu lassen, tue Körper und Geist gut. „Ich liebe den Frieden und die Ruhe hier, es gibt ausreichend geistige Nahrung und gute Gespräche mit meinen Fastenbrüdern und Fastenschwestern“, bringt es die 61-Jährige auf den Punkt. Nach der einen Woche fühle sie sich leichter und voller Energie. Dieses Entfliehen aus dem Berufsleben mache sich bezahlt.