Magdeburg l Sie heißen „Dum Bum“, „Nitrobomb“, Super Explosion“ oder „Viper 12“. Und so gefährlich, wie sich die Namen anhören, sind die „geballten Ladungen“ aus Polen, Tschechien, der Slowakei, aus Holland und inzwischen immer häufiger aus Italien. Mehr als 5000 illegale Böller wurden 2018 in Sachsen-Anhalt sichergestellt. In diesem Jahr waren es bis Anfang Dezember bereits 27.850. Nicht mitgezählt die Knallkörper, die vom Zoll eingezogen wurden.

Sprengstoffexperte Bernhard Gronau vom Landeskriminalamt hat die Palette des Schreckens vor sich liegen. „Königin“ unter den Trommelfellknackern ist eine fast bowlingkugelgroße „Feuerwerksbombe“, die aus einem Rohr abgeschossen wird. 800 Gramm Sprengmittel machen sie zum unberechenbaren Geschoss. Wobei abgerissene Finger noch das Geringste sind. 225 Einsätze fuhr das LKA 2018, bei denen es um solcherart Böller ging. Bis Anfang Dezember dieses Jahres waren es 223.

In Deutschland sind Böller der Klassen F1 – Kleinfeuerwerke – das ganze Jahr (ab 12 Jahre) frei und legal zu kaufen. F2-Feuerwerke dürfen von Erwachsenen (ab 18) abgebrannt werden.

Für mit F3 und F4 gekennzeichnete Pyros benötigt man eine besondere Genehmigung. Wer dagegen verstoße, begehe eine Ordnungswidrigkeit, die mit bis zu 50.000 Euro geahndet werden könne, sagt Gronau. F4-Verstöße seien gar Straftaten, die im Gefängnis (bis zu drei Jahre) enden könnten.

Produzenten setzen auf Täuschung

Waren es in der Vergangenheit zumeist illegale Böller ohne jegliche Kennzeichnung, die im Ausland vertrieben wurden oder online gekauft werden konnten, setzten viele kriminelle Produzenten heute auf Täuschung. „Sie versehen die Böller mit gefälschten CE-Kennzeichen, durch die Hersteller und Händler erklären, dass das Produkt allen gesetzlichen Anforderungen entspricht“, sagt Gronau. Im Gegensatz zu den in Deutschland hergestellten Böllern, die maximal 0,5 Gramm Sprengmittel enthalten dürfen, haben selbst kleine illegale Böller bereits zwei Gramm. Sogenannte Telefonzellenknacker 40 Gramm. „Bei uns wird weniger gefährliches Schwarzpulver verwendet“, sagt Gronau, „bei den nichtzugelassenen Böller ist die Wirkladung ein sogenannter Blitzknallsatz, mit viel höherer Sprengkraft“. Hinzu komme, dass die Zündschnüre unberechenbar seien. „Selbst meterlange Schnüre brennen in Sekundenbruchteilen herunter. Schwerste Verletzungen sind das Ergebnis.“

Dr. Senat Krasnici, Chefarzt der Unfallchirurgie im Stendaler Johanniterkrankenhaus, kennt die Verletzungen, die durch leichtsinniges Hantieren mit Böllern entstehen. „Vor allem sind es schwere Handverletzungen. Deshalb ist in der Silvesternacht auch ein versierter Handchirurg im Einsatz.“ Er erinnert sich an einen Fall, bei dem ein Zehnjähriger mit abgerissener Hand in die Klinik kam. Lediglich Daumen und Zeigefinger seien noch zu retten gewesen. „Der Junge hatte Blindgänger gesammelt und angezündet.“ Hauptaltersgruppen für Verletzungen seien Männer bis 25 Jahre und zwischen 50 und 60.

Augenärzte empfehlen Schutzbrillen

Professor Stefan Piatek, Vize-Direktor der Unfallchirurgie am Magdeburger Uniklinikum: „Wie rüsten für die Silvesternacht leicht auf.“ Jedes Jahr würden im Schnitt fünf Menschen mit schweren Handverletzungen eingeliefert. 2018 hatten die Handspezialisten einen Vierjährigen operiert, der seinem Vater einen Böller aus der Hand gerissen hatte. „Unsere Augenärzte empfehlen, Schutzbrillen zu tragen, um Hornhautverletzungen durch Böller-Splitter zu vermeiden“, sagt Piatek.