Magdeburg l Telefoninterview mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad: Beim Gespräch mit Daniel Wetzel wird die Verbindung stets nach höchstens zehn Minuten getrennt. Nicht etwa, weil einer verärgert auflegt. Schuld sind die vielen Funklöcher. Wetzel sitzt an jenem Morgen im Zug von Potsdam ins hessische Marburg. Fünf Stunden Fahrt, um dann kurz nach Mittag wieder in die Bahn Richtung Potsdam zu steigen. Alles ehrenamtlich. „Das gehört im Moment nun mal dazu“, sagt er gelassen. „Wir wollen ja in jeder Stadt dabei sein, wenn es losgeht.“

Mit „es“ meint der 36-Jährige den Anschluss an das Internet-Netzwerk „Help To“. Auf dem Portal führt der Verein „Neues Potsdamer Toleranzedikt“ Angebote und Gesuche von Flüchtlingshelfern einer Stadt oder eines Landkreises zusammen. Vor zwei Monaten wurde in Potsdam die erste regionale Seite online gestellt. Nach und nach hat man acht weitere brandenburgische Kommunen ans Netzwerk angeschlossen, dann Berlin und vorige Woche – an jenem Tag des umständlichen Interviews – Marburg. Seit Donnerstag ist mit Magdeburg nun auch die erste Stadt in Mitteldeutschland dabei.

Sachspenden und Bildungsangebote

Das Grundprinzip von „Help To“ ist dasselbe wie bei einem Schwarzen Brett im Supermarkt: Wer etwas sucht oder anzubieten hat, hinterlässt öffentlich einen kurzen Text. Die Organisation des Internet-Netzwerks ist dann aber doch ausgeklügelter als im Laden. Hier sind Angebote und Gesuche nach Kategorien unterteilt. Sie reichen von Sachspenden, über Sprache, Bildung bis hin zum Wohnen. Außerdem muss niemand seine Kontaktdaten ans Brett schreiben. Angemeldete Nutzer können sich über einen internen Nachrichtendienst austauschen – zum Beispiel darüber, wann man sich wo zur Übergabe von Winterschuhen trifft.

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Auf allen regionalen Seiten zusammen haben sich bisher 1200 Nutzer registriert. Dort unterwegs sind aber deutlich mehr: rund 35.000 Menschen. „Die Einträge ansehen kann man nämlich auch, wenn man nicht angemeldet ist“, erklärt Wetzel vom „Toleranzedikt“.

Genutzt wird die Seite von Flüchtlingsinitiativen, Vereinen, Betreibern von Unterkünften, Firmen und vor allem einzelnen Helfern, die zum Beispiel Kleidung spenden oder wissen wollen, wo sie Deutsch-Stunden geben können. „Es sind aber auch Flüchtlinge auf ‚Help To‘ unterwegs“, berichtet der Potsdamer. Ihretwegen ist die Seite mit vielen Symbolen und in leicht verständlicher Sprache gestaltet. Denn bisher gibt‘s nur eine deutsche und eine englische Version. „Je einfacher die Texte, desto besser können Flüchtlinge sie mit Hilfe von Internetprogrammen in ihre Sprache übersetzen.“

Kommunen eingebunden

Aus dem Boden gestampft wurde „Help To“ mit einer Menge unbezahlter Arbeit. „Unser Verein hat damals beschlossen, dass wir Flüchtlingshelfern und Kommunen mit einer Plattform unter die Arme greifen möchten“, erzählt der Projektleiter. „Weil wir nicht auf Fördermittel warten wollten, haben wir erstmal allein losgelegt.“

Wetzel, der sein Geld mit einer Software-Firma verdient, übernahm ehrenamtlich die Projektleitung. Mit einem harten Kern von rund 15 Vereinsmitgliedern konzipierte er die Seite. Die Umsetzung spendierte eine Potsdamer Medienagentur. Sie räumte auch gleich noch zwei kleine Büroräume für Wetzels Team leer.

Welche Bereiche der Flüchtlingshilfe wichtig für solch eine Seite sind, erfragte der Verein vorab bei Kommunen, Betreibern von Unterkünften, Firmen und bei Flüchtlingen, die man aus früheren Projekten kannte. „In den Gesprächen haben wir zum Beispiel erfahren, dass Sachspenden oft an falschen Orten landen“, erklärt Wetzel. So würden in Erstaufnahmestellen manchmal Schulranzen abgegeben. „Dabei dürfen die Kinder dort gar nicht zur Schule gehen.“ Auch bei der Vermittlung von Praktika gebe es Schwierigkeiten: „Firmen und Flüchtlinge wissen oft nichts voneinander.“

Stadt Magdeburg als Projektpartner

Inzwischen wird das Projekt mit Spenden, Fördergeldern und Mitgliedsbeiträgen gestemmt. Drei Frauen sind fest angestellt.

Sie kümmern sich vor allem darum, dass das Netzwerk weiter wächst – indem sie Flüchtlingsinitiativen, Unterkünfte, Firmen und Kommunen kontaktieren.

Die Verwaltung einer Kommune wird in der Regel mit ins Boot geholt. Auch in Magdeburg ist die Stadt Projektpartner. Wetzel erklärt: „Die Kommune verleiht unserem Projekt immer etwas Verbindliches. Außerdem kann sie mit Kontakten helfen, zum Beispiel indem sie Betreiber von Flüchtlings-Unterkünften auf das Angebot aufmerksam macht.“ Und die Kommune liefere in der Regel Infos zur Flüchtlingssituation vor Ort zu.

Flüchtlingshilfe schwer zu koordinieren

Der Vorschlag, eine bestimmte Stadt oder einen Landkreis an das Netzwerk anzuschließen, komme häufig von privaten Nutzern oder von Flüchtlingsinitiativen, berichtet Wetzel. In Magdeburg habe sich die ehemalige Staatssekretärin Beate Bröcker beim Verein gemeldet.

In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob vor allem die Magdeburger Flüchtlingsinitiativen das Angebot tatsächlich nutzen. „Aus der Erfahrung in den anderen Städten heraus bin ich da aber zuversichtlich“, erklärt Wetzel.

Jacqueline Brösicke vom Magdeburger Willkommensbündnis Südost zumindest ist von der Idee des Portals angetan: „Mittlerweile kommen wir mit der Koordination von Flüchtlingshilfe an unsere Grenzen der Belastbarkeit“, erklärt sie. „Wir können nicht mehr jedem Einzelnen sagen, wo er helfen kann. Die Seite könnte eine Entlastung sein. Wir werden sie uns auf jeden Fall anschauen.“

Wenn es gut läuft, werden demnächst womöglich weitere Städte in Sachsen-Anhalt ans Netzwerk angeschlossen. Wetzel: „Uns haben schon Initiativen und einzelne Nutzer aus anderen Landesteilen kontaktiert.“ Der Verein habe auch schon Vorgespräche mit Kommunen geführt. Details behält der Potsdamer aber noch für sich. Umso offener ist er, fragt man ihn nach seiner Zukunftsvision: „Ich glaube durchaus, dass sich ‚Help To‘ bundesweit etablieren kann.“ Wenn er recht hat, wird er sich wohl noch viele, viele Male über Funklöcher ärgern.