Sandau l David Heller hat einen malerischen Namen. Doch während dieser auf mehr und mehr Licht hindeutet, fühlt sich der 45-Jährige vor allem im Dunkeln wohl. Seit etwa sechs Jahren stellt er sich in der kleinsten Stadt in Sachsen-Anhalt nachts den Wecker und macht sich auf den Weg, um an der Elbe den Himmel zu fotografieren. Direkt am Deich in Sandau (Elbe) nahe Havelberg oder auch im näheren Umland.

Am liebsten zieht er bei Neumond los, denn da ist es am dunkelsten und man kann besser erkennen, was dort oben sonst noch so los ist. „Ein bisschen was habe ich mit der Zeit gelernt”, sagt er knapp und zählt kurz ein paar Beispiele auf: „Andromeda, Plejaden und die wichtigsten Sternbilder”. Er ist kein Mann großer Worte, aber jemand, der gut sehen kann. Mit einer guten Kameratechnik kommt vieles zum Vorschein, das vorher gar nicht aufgefallen ist, und dann schaut man eben auch ohne Kamera ein bisschen genauer hin. In einer klaren Nacht, wenn sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, kann man sogar den Verlauf der Milchstraße erkennen – unsere eigene Galaxie. Dazu gehört auch der auffällige offene Sternhaufen der Plejaden, der sich augenscheinlich wie ein „Riss” im Gewebe des Himmelszeltes zeigt. Die Andromedagalaxie aber ist das Fernste am Himmel, das wir mit bloßem Auge erkennen können und zugleich mit unserer Milchstraße verbunden.

Es gibt auch Nebensonnen und andere Haloerscheinungen. Das sind Lichteffekte wie Flecken oder „Heiligenscheine“, die entstehen, wenn sich Licht in Eiskristallen bricht. Auch leuchtende Nachtwolken sind nichts als Eiskristalle in der Erdatmosphäre. „Ich wusste vorher nicht, dass es so etwas überhaupt gibt”, sagt Heller. Eine ganz neue Erfahrungswelt dort oben.

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So viele Sterne, so viel Raum

Doch auch auf der Erde entdeckt Heller viel Neues im Dunkeln. Zum Beispiel Tiere und Geräusche, die er sonst nie wahrgenommen hat. „Manchmal frage ich mich schon, was das sein soll. ” Doch er geht ja ohnehin davon aus, dass er „da draußen” nicht allein ist. So viele Sterne, so viel Raum ... Er kann sich nicht vorstellen, dass es Leben nur auf der Erde geben soll.

Für David Heller eröffnete sich die Welt der Nacht nur Stück für Stück. Alles begann vor vielen Jahren mit einem Tick für Temperaturen. Er entwickelte die Gewohnheit, jeden Tag die Höchst- und Tiefstwerte zu notieren. „Da ist einfach ein kleiner Statistiker in mir durchgekommen”, erzählt der Trockenbauer. Irgendwann war ihm die Sache mit dem Stift und dem Zettel aber zu dumm und 2008 kaufte er sich eine eigene Wetterstation. Temperaturfühler aus dem Fenster, Regenmesser aufs Dach und alles mit einem Computer verbinden. Auch Luftdruck, Luftfeuchtigkeit und Windstärke werden seither jeden Tag erfasst.

Alles speichert der Computer automatisch ab. Nächster Schritt: Die Daten veröffentlichen. Warum? Gegenfrage: Muss es für alles einen Grund geben? Es ist interessant, es macht Spaß, es ist möglich – Beweggrund genug. David Heller erstellt sich also die Internetseite und lässt seinen Computer rund um die Uhr laufen. Im kleinen Zimmerchen mit ebendiesem Rechner hängt auch ein großes Poster zur Bestimmung von Planeten. Neben einem verstaubten Teleskop liegen zwei pinke Cowboyhüte mit glitzernder Oberfläche. Hellers Frau hat hier ebenfalls einen Schreibtisch, nahe der Anzeige der Wetterstation. Darüber sind Kinderzeichnungen befestigt. Die beiden erwachsenen Söhne leben nicht mehr mit im Haus.

Wenn sich David Heller mitten in der Nacht den Wecker stellt, dann stört das seine Frau nicht. Und er geht raus in die kühle Luft, ist allein, hat seine Ruhe und die Hoffnung, aus der Landschaft noch etwas herauskitzeln zu können, was die vielen Fotografen am Tage noch nicht entdeckt haben. Am liebsten ist er im Frühling unterwegs, wenn die Nächte noch schön lang sind und die Temperaturen nicht mehr so eisig. „Früher bin ich angeln gegangen. Heute gehe ich fotografieren”, sagt er. Eine Zeit lang hat er beides zusammen versucht. Irgendwann fand er es nicht mehr witzig, von der Kamera weglaufen zu müssen, wenn die Glocke an der Angel einen Fang meldete. Und nach dem Ausnehmen mit den Fischhänden wieder an die Kamera fassen – lieber nicht.

Neue Möglichkeiten mit der Spiegelreflex

Zunächst waren es nur Handyfotos von Sonnenuntergängen und Morgenröte, die er aufnahm – das Wetter auch mit der Kamera erfasst. 2013 kaufte sich David Heller schließlich eine gute Spiegelreflex-Kamera. Heute spricht er von „Slidern” (Das sind Kameraschienen. Seine eigene hat er sich extra anfertigen lassen.) und „Nodalpunktadaptern” (Kurz gesagt: Man braucht sie für Panoramaaufnahmen), als ginge es um sein Frühstücksei. Oder in eigenen Worten: „An Ausrüstung habe ich jetzt eigentlich alles, was ich brauche.”

Apropos Frühstück. Dafür dürfte morgens lange Zeit sein. Zum Beispiel zwischen 5 und 7. Denn so eine Fotonacht gestaltet sich folgendermaßen: David Heller schaut sich abends den Wetterbericht an und entscheidet spontan, ob er heute noch losziehen will. Ein Handyprogramm zeigt ihm an, um welche Uhrzeit die Milchstraße an welcher Stelle steht. Dann stellt er den Wecker, zum Beispiel auf halb drei, und schaut dann aus dem Fenster, wie freundlich sich das Wetter tatsächlich zeigt. Am liebsten geht er einfach ein paar Meter vor die Tür, hinaus zum Deich in Sandau. Auf jeden Fall aber „irgendwohin, wo es schön dunkel und ruhig ist.”

Die besten Stellen sucht er sich an den Tagen davor aus, fährt die Gegend einfach ab. Sonst ist ein Teich, den er auf der Karte sieht, bei heißem Wetter vielleicht ausgetrocknet und Heller findet nicht die Reflexionen, auf die er eigentlich im Wasser hofft. Bis um fünf ist er dann gut und gern unterwegs und morgens um sieben geht es schließlich zur Arbeit. „Wenn es mal nur vier Stunden Schlaf sind, ist das auch nicht schlimm.”

David Heller ist ein bescheidener Mensch. Wenn er seine eigenen Fotos beim MDR als Hintergrundbild für die Wettervorhersagen sieht, dann freut er sich eben. Sein Lieblingsbild – die Milchstraße über der Fährstraße in Sandau – wird bald zur Fototapete in seinem Partyraum. Irgendwann fing er an, für sich selbst Wandkalender zu drucken und verteilt diese auch unter Bekannten, die sich für seine Fotos interessieren. Seine Facebook-Seite „Wetter und Landschaftsfotografie - David Heller” hat inzwischen etwa 500 Abonnenten und auch sein Instagram-Kanal ist sehr beliebt.

Ein Gruß aus der alten Heimat

Viele seiner Fans leben nicht mehr in der Region und freuen sich über einen schönen Gruß aus der alten Heimat. So bringt Heller auf seine Weise ein bisschen mehr Licht aus Sandau in die Ferne.