Halle l Gelsa und Magdalena gehen gerne zur Schule. Aber noch lieber gehen die Hallenserinnen, wenn sie ehrlich sind, ins „Abenteuerland“. So heißt ihr Hort. Sie können es kaum erwarten, dass der Unterricht zu Ende ist und sie „endlich rüber dürfen in den Hort“, verraten die Freundinnen und schauen mit strahlenden Augen zu Shauna Shanmugan hoch, an die sich die Mädchen links und rechts kuscheln.

Die junge Britin ist ganz offensichtlich der Grund für die Begeisterung, mit der viele Dritt- und Viertklässler der Neumarktschule seit Beginn des neuen Schuljahres in den Hort gehen. Dieser befindet sich in Trägerschaft des Deutschen Roten Kreuzes und betreut in zwei Häusern in unmittelbarer Nachbarschaft 400 Kinder von der 1. bis zur 4. Klasse. Seit 2014 gehört das „Abenteuerland“ zu den geförderten Projekten des Europäischen Freiwilligendienstes (EFD) in Sachsen-Anhalt. Den zwölfmonatigen Einsatz der Volonteers, die sich um ein Projekt ganz offiziell bewerben müssen, koordiniert der DRK-Landesverband in Kooperation mit dem britischen Roten Kreuz. Sie erhält 450 Euro Taschengeld, Kost und Logis sind frei.

Seit 2012 sind bereits über 80 ausländische Freiwillige in Sachsen-Anhalt zum Einsatz gekommen. Im Rahmen des EFD-Programms 2019/20 haben im September neben Shauna zehn weitere britische Freiwillige ihren Dienst angetreten - fünf in verschiedenen pädagogischen oder sozialen Einrichtungen in Halle, sieben in den Behinderten-Einrichtungen der evangelischen Stiftung in Neinstedt im Harz, wie die stellvertretende Landesgeschäftsführerin und Leiterin der Freiwilligendienste bei DRK, Katja Fischer, erklärt.

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Hort-Chefin Jana Sturm freut sich über ihr glückliches Händchen bei der Bewerberauswahl. Denn die 27-jährige Shauna, die in Winsor beheimatet ist, hat in Windeseile die Herzen ihrer neun- und zehnjährigen Schützlinge erobert. Auch das Feedback der Eltern sei durchweg positiv. „Shauna ist ein Sonnenschein. Sie hat tolle Ideen und sofort einen Draht zu den Kindern gefunden – obwohl sie anfangs nur sehr wenig Deutsch konnte.“

Sprachbarrieren brechen

Das Sich-irgendwie-Verständigen – zuerst mit Händen und Füßen und einzelnen Wörtern – ist Teil des Projektes. Heißt: Shauna spricht Englisch mit den Kindern, und die kommunizieren in Deutsch mit ihr. „Das ist ein Geben und Nehmen, ein von- und miteinander Lernen“, erläutert die Hortleiterin die Herangehensweise, die sich bereits im Hort-Alltag von Shaunas Vorgängern bewährt hat. Die Erfahrung zeige, dass die Kinder offen für Muttersprachler sind. Sie tasten sich langsam heran, bauen den Kontakt auf und brechen die sprachlichen Barrieren, sagt Jana Sturm: „Das Lernen erfolgt auf spielerische Art und Weise. So trauen sich die Kinder schneller englisch zu sprechen.“

Und Shauna Deutsch. „I’am so happy im Hort“, sagt sie und lacht. Und: „Halle ist super.“ Dann wechselt die junge Frau in ihre Muttersprache und erzählt aus ihrem Leben. Bereits im Kindesalter folgte sie dem Beispiel ihrer Mutter und engagierte sich ehrenamtlich im Britischen Roten Kreuz. Seit 2017 – nach dem Abschluss des Masterstudiums in der Friedens- und Konfliktforschung – ist sie dort hauptamtlich im Katastrophenschutz angestellt und war in Afrika und Asien im Einsatz. Als das Rote Kreuz 2018 für die EFD-Projekte in Halle warb, war sie sofort Feuer und Flamme: „Ich wollte schon immer über Grenzen hinweg helfen und mit Kindern arbeiten.“ Jetzt oder nie, habe sie sich gesagt und für ein Jahr von der Arbeit freistellen lassen.

Gut möglich, dass ihre Kollegen vergebens auf ihre Rückkehr warten, denn Shauna fühlt sich in Halle bereits „wie zu Hause“. Sie hat schnell Freunde gefunden, steht mit vielen Freiwilligen in Kontakt. „Wir verstehen uns alle super und sind eine große Familie.“ Seit 2012 ist fast jedes Jahr ein Brite in Deutschland geblieben, weiß sie zu berichten. Und auch sie scheint ihren Platz gefunden zu haben: „Die Arbeit mit den Kindern gibt mir so viel. Ich bin glücklich damit und möchte hier nicht mehr weg.“