Magdeburg l Nach den Winterferien nehmen die Schülerstreiks für Klimaschutz wieder Fahrt auf. Am Freitag wird die schwedische Initiatorin der Proteste Greta Thunberg in Hamburg erwartet. Bildungsminister Marco Tullner (CDU) wirbt dafür, Klimaschutz im Unterricht aufzugreifen. Streikenden drohen weiter Sanktionen.

Herr Tullner, Hunderte Schüler aus Sachsen-Anhalt werden am 15. März auch während des Unterrichts wieder für mehr Klimaschutz demonstrieren. Tanzen Ihnen die Schüler nicht so langsam auf der Nase herum?
Marco Tullner:
Das ist mir zu grob interpretiert. Mir leuchtet allerdings nicht ein, warum man für den Klimaschutz Bildungsverweigerung betreiben muss. Schule wurde ja nicht eingeführt, um Kinder und Jugendliche zu bestrafen, sondern um Menschen Zugang zu Bildung zu ermöglichen.

Worauf wollen Sie hinaus?
Schulpflicht und das Engagement für Klimaschutz lassen sich zusammenbringen: Es gibt zahllose Möglichkeiten aktuelle politische Themen im Unterricht aufzugreifen. Die Berufsbildenden Schulen Salzwedel etwa arbeiten seit vergangenem Jahr am Projekt „Globales Lernen“. Schüler halten Bienen auf dem Schulgelände und vermarkten selbst produzierten Honig. An der Sekundarschule Campus Technicus in Bernburg setzen sich Schüler mit der Wiederverwertung von Rohstoffen zum Beispiel aus Handys auseinander. So etwas ergibt für mich mehr Sinn, als freitags auf dem Marktplatz Schulstreiks zur Machtprobe zu erklären.

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Die Schüler demonstrieren ja nun trotzdem. Sie sind für die Einhaltung der Schulpflicht zuständig. Wie wollen Sie reagieren – setzen Sie darauf, dass die Demos sich irgendwann im Sande verlaufen oder wollen Sie klare Kante zeigen?
Ich werde jedenfalls nicht Sheriff spielen. Den großen Showdown mit Polizisten, die Schüler vom Domplatz führen, wird es nicht geben. Ich will dazu einladen, den Impuls der Schüler so einzusetzen, dass er hilfreich ist: im Unterricht. Noch mal: Schule ist in dieser Frage kein Gegner, den man bestreiken müsste.

Die Schulleitungen haben Sie mit einem Schreiben dennoch angewiesen, streikende Schüler dem Schulamt zu melden und im Einzelfall auf Sanktionen zu verweisen ...
Ja, denn Schulpflicht ist Schulpflicht. Wir haben die Schulen nur auf Regeln hingewiesen, die es einzuhalten gilt. Sanktionen stehen dabei am Ende einer langen Kaskade aus Gesprächen. Aber: Angenommen, jemand würde der Schule nach einem Dreivierteljahr immer noch regelmäßig fernbleiben, dann würden unentschuldige Fehltage auf dem Zeugnis erscheinen. Und ja, dann kämen irgendwann auch Bußgelder infrage.

Wie fiel die Bilanz nach den ersten Schüler-Streiks aus?
Wir hatten am ersten Streikfreitag am 1. Februar knapp rund 180 Fehlmeldungen aus den Gymnasien im Land, am 8. Februar waren es dann landesweit nur noch sieben.

Das war der Freitag vor den Winterferien. Der Streik fand auch wegen der Zeugnisausgabe erst am Mittag statt.
Ja, aber ich habe auch registriert, dass es ganz bewusst verschoben wurde, um nicht immer die gleichen Stunden zu versäumen. Ich unterstütze zudem ausdrücklich, dass die aktuelle Demonstration nach Schulende um 15.30 Uhr stattfindet. Sicherlich wird die Resonanz stark sein.

Was wurde erfasst – Zahlen oder auch Namen?
Die Schulen erfassen die Namen, das Landesschulamt aber nur Zahlen. Uns ging es in erster Linie darum, einen Überblick zu erhalten, wie hoch die Beteiligung ist und wie sich die Demonstranten zusammensetzen. Denn es waren ja beileibe nicht nur Schüler beteiligt. Es waren auch viele Studenten dabei. Auch die Organisatoren sind vielfach Studenten.

Verfasser der Shell-Jugendstudie bezeichnen die „Fridays for Future“-Demos als bemerkenswert. Sie sprechen von der ersten ernst zu nehmenden Jugendbewegung nach Jahren politischen Desinteresses ...
Ob es eine Jugendbewegung wird, werden die kommenden Monate zeigen. Wenn sich die Jugend in konstruktiver Weise politisiert, ist das sehr positiv. Genau das wollen wir doch. Aber es ist beides möglich, Engagement und Schulpflicht. Dass in den Winterferien nicht gestreikt wurde, spricht aber auch ein wenig für sich.

Die SPD hätte sich von Ihnen eine „unaufgeregtere Haltung“ zu den Streiks gewünscht. Es war von einem „1a-Lernerfolg“ durch die Demos die Rede ...
Ich weiß gar nicht, warum ich als aufgeregt wahrgenommen wurde. Wir haben uns vollkommen sachlich verhalten. Im Übrigen kann ich alle politischen Akteure nur davor warnen, Schule parteipolitisch zu instrumentalisieren. Das kann einen schnell einholen – dann nämlich, wenn einem die Stoßrichtung des Engagements nicht mehr gefällt. Es gibt die Schulpflicht. Und Parteien müssen anerkennen, dass diese unabhängig von ihren aktuellen Zielsetzungen gilt.

Der Reiz von Jugendbewegungen liegt auch darin, Grenzen auszutesten. Haben Sie nicht auch Verständnis?
Natürlich kann man verstehen, dass es für Jugendliche einen gewissen Reiz hat, Regeln zu brechen. Gleichzeitig gilt: Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn es einen Konsens gemeinsamer Regeln gibt, auch das gehört zum Lernprozess im Leben.