Magdeburg l Es gibt wohl kaum ein Geschäft – und sei es noch so klein – in dem nicht in einer Ladenecke Schwarzrotgold dominiert. Alles, von dem der deutsche Fußball-Fan glaubt, damit die Truppe um Joachim Löw ins Endspiel und vielleicht noch einen Schritt weiter peitschen zu können, liegt in den Regalen.

Eine repräsentative Deutschland-Umfrage der Stuttgarter Universität Hohenheim bestätigt, dass die Kauflaune der Fußball-Fans im Vergleich zur WM in Brasilien vor vier Jahren „deutlich größer“ geworden ist. Marketing-Professor Markus Voeth stellt fest, dass die WM 2014 „dem Thema Fußball in Deutschland insgesamt einen generellen Schub verpasst hat“.

Das spiegele sich auch in der Kaufbereitschaft der Fans wider. „Gut die Hälfte der Deutschen ist bereit, Geld für Fan-Artikel auszugeben“, bestätigt auch Umfrage-Co-Chef Benjamin Zimmermann. „Im Schnitt sind die Fans bereit, 22,75 Euro für WM-Devotionalien auf den Ladentisch zu legen.“ In Brasilien seien es nur 11,26 Euro gewesen. „Das Geld sitzt also doppelt so locker.“

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Kevin Pattas, Filialleiter von Intersport Hübner im Magdeburger Flora-Park, freut sich über den Umsatz und ist sich sicher, dass „je weiter das deutsche Team im Turnier kommt, desto höher die Nachfrage“ sein wird.

„Bei der kleinsten Größe 72 des Nationalmannschaftstrikots müssen wir jetzt schon nachbestellen. Ebenso bei gängigen Größen des sogenannten Heimtrikots.“

Schals, Basecaps, kurze DFB-Hosen und Sportbeutel gehören zum Angebot des Sport-Geschäfts. „Besonders die Sportbeutel, heute Gym Bags genannt, mit den vier Sieger-Sternen sind begehrt.“

Startschuss war die WM 2010

Beim Original-WM-Ball für 150 Euro ist das Interesse allerdings etwas verhaltener. „Die Käufer greifen dann doch eher auf preiswertere Replikate zurück“, so Pattas.

Dass sich die Fans in puncto Lieblingsartikel „eher konservativ“ verhalten, geht ebenfalls aus der Stuttgarter Studie hervor. Voeth: „Ganz vorn liegen die Trikots der Nationalmannschaft, gefolgt von Deutschlandfahnen für Hand, Haus und Auto, Kopfbedeckungen, Bälle, Schals und Bier.“ Aber auch einige Flops hat das Umfrage-Team herausgefiltert: Uhren und Bettwäsche gingen eher schleppend, verrät das Ergebnis.

Karstadt Magdeburg hat die Fanartikel im Erdgeschoss aufgebaut. Ein kleiner Junge zieht seine Mutter zu den WM-Lutschern. „Aber Hannes geht es dabei gar nicht um das WM-Logo und die Deutschland-Fahne“, verrät die Magdeburgerin. „Wenn das Biene-Maja-Lutscher wären, würde er die genauso mögen – Hauptsache süß.“

Filialgeschäftsführer Andre Tworowski zählt auf: „Tröten, Hüte und Schals, Süßwaren haben wir im Angebot. Ebenfalls WM-Sammelhefte, Sticker und Spiele.“

Und wenn jemand ein Trikot einer anderen Mannschaft haben möchte (aber, wer will das schon?), könne er das online bestellen, so Tworowski. Innerhalb weniger Tage werde es zugeschickt.

Zum National-Trikot hat die Umfrage ein klares Ergebnis gebracht: Trotz der Kritik am Design kommt das 2018er Oberteil überraschend gut an. Voeth: „Die Zustimmungswerte liegen über den Trikots von 2006 und 2010. Nur das Weltmeister-Trikot von 2014 wird höher bewertet.“ Doch könne sich das schnell ändern, wenn Deutschland beim Turnier in Russland den fünften Stern schafft.

Die Fans vom „Kuhstall-Club“ Samswegen (Bördekreis) werden sich ab heute – wie bei jedem großen Turnier seit dem Champions-League-Finale 2009 – treffen. „Mein Sohn wurde damals 18 und hatte Freunde eingeladen“, sagt Organisator Ulrich Pape. „Alles Fußballverrückte wie er selbst.“ Der Vater richtete im alten Stall eine Gemeinschaftsecke zum Fußballgucken ein. Damit gefeiert und zugleich geguckt werden kann.

Ein Jahr später bei der WM ging es richtig los. Dort, wo einst Kühe muhten, trafen sich Fans zum gemeinsamen Anfeuern.

Auch für die Russland-WM steht die Gemeinschaft Gleichgesinnter in den Startlöchern – in diesem Zusammenhang wohl besser: am Anstoßpunkt. Pape geht zu den Sofas, die etwas erhöht stehen und den besten Blick auf die große, weiße Wand bieten, über die ab heute die Beamer-Bilder flimmern. „Unsere Ü-60-Lounge“, sagt er. Die Jungen sitzen davor an einem langen Tisch auf weniger gesäßschonenenden Stühlen.

Schals, Hüte, Südafrika-Tröten – die Vuvuzelas – gehören zum Schmuck des ehemaligen Kuh-Stalls.

Pape deutet auf einen Pokal und sagt: „Den bekommt unser bester Wetter.“ Die Tipp-Scheine liegen bereit. Manche sind schon ausgefüllt. „Drei Punkte gibt es bei einem Volltreffer – das torgenaue Ergebnis, zwei Punkte, wenn die Tendenz und die Tordifferenz stimmen und einen Punkt, wenn lediglich der Sieger richtig getippt wurde.“ Schon 2010 bei der WM in Südafrika war der Wettkönig gesucht worden. Doch Pape hatte kein Glück. Bisher trafen seine Vorhersagen fast immer neben das Schwarze.

Auf dem Tisch schaut das Club-Maskottchen „Elsa“ mit ihren großen Kuhaugen auf den Wahlspruch des Privat-Clubs: „Uns reizen nicht die materiellen Werte, sondern das Beständige, der sportliche Ruhm und die Ehre.“

„Club-Chef“ Pape muss schmunzeln, als er vom 7:1 gegen Gastgeber Brasilien vor vier Jahren erzählt: „Es ist Brauch bei uns, dass bei jedem deutschen Tor ein Wunschgetränk gereicht wird. Bei der Toreflut sind wir überhaupt nicht nachgekommen. Ich habe dann nach dem 3:0 die Notbremse gezogen und gesagt: Lasst uns die Tore sammeln und die Getränke nach dem Spiel austeilen.“

Restaurant schwimmt gegen Strom

Auch einige Bäcker in Sachsen-Anhalt haben sich auf das größte Fußballfest der Welt eingestellt. So bietet die Landbäckerei Stendal ein spezielles Mischbrot an – bestäubt mit Mehl, sieht es einem Fußball ähnlich. Auch die Halberstädter Bäcker und Konditoren GmbH lockt die Fans mit solch einem Brot, außerdem mit WM-Brötchen, „Fußballtor--Muffins“ und „Lattenkracher-Baguettes“.

Zwar ist das WM-Fieber gegenwärtig noch im unteren kritischen Bereich, aber die Gradzahl wird sich von gewonnenem Spiel zum nächsten erhöhen, sind sich alle Experten einig.

Aus dem Rahmen fällt in Halle „Lujah“. Die Restaurant-Lounge-Bar wirbt mit „WM on the Rocks – wir legen Fußball auf Eis. Feierabend ohne WM-Trubel. Unvorstellbar? Nicht bei uns.“ Meinung

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