Magdeburg l Die Umweltminister sehen bei Privatgärtnern Aufklärungsbedarf. In den letzten Jahren sei „eine beunruhigende Entwicklung“ zu beobachten, heißt es in der Abschlusserklärung ihrer Konferenz Ende Mai in Hamburg. „Arten- und blütenreiche Gärten verschwinden auf Kosten steriler insektenfeindlicher Stein- und Schottergärten.“ Deshalb fordern die Minister ein zeitnahes Aktionsprogramm des Bundes „zur Förderung insektenfreundlicher Privatgärten in Deutschland“.

In Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gehen erste mit harter Hand gegen Steinwüsten vor. Dort haben bereits einige Städte ein Schotter-Vorgarten-Verbot ausgesprochen. Als erste Stadt mit über 500.000 Einwohnern hat Bremen jetzt ein Begrünungs-Gesetz beschlossen: Große Steinbeete sind nicht mehr erlaubt.

Und wie sieht es in Sachsen-Anhalt aus? Auch hier breiten sich die toten und im Sommer extrem aufgeheizten „Steinwüsten“ immer mehr aus – vor allem in Siedlungen mit neugebauten Eigenheimen. Auch auf Freiflächen öffentlicher Wohnungsbaugesellschaften oder bei Kreisverkehren greift die neuzeitliche Unart um sich.

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Der Kreisel in Barleben, mit dem Kunstwerk „Drive“ obendrauf und den großen, grauen Schottersteinen drumherum, ist vielen Naturliebhabern schon seit Jahren ein Graus. Trotz der neu aufgeflammten Debatte wird sich an der Öde nichts ändern, wie Barlebens Gemeinde-Sprecher Thomas Zaschke erklärt: „Das ist so gewollt. Eine Renaturierung ist nicht geplant.“ Als plakatives Negativbeispiel will er den Kreisel dennoch nicht sehen: „Das Ganze war ein Wettbewerb; und ein wichtiges Kriterium der Jury war damals auch mit Blick auf die Kosten das Thema Pflegeleichtigkeit.“

In Sachsen-Anhalt sind Schottergarten-Verbote nicht in Sicht. Auf Anfrage heißt es aus dem Umweltministerium: „Ein Landesgesetz dazu ist nicht geplant.“ Es bestehe jedoch auch in Sachsen-Anhalt die Möglichkeit, dass Städte und Gemeinden Festlegungen für die Gestaltung von Vorgärten in eigener Verantwortung treffen. „Dies würde fachlich mit dem Blick auf den Erhalt der heimischen Artenvielfalt vom Ministerium begrüßt werden.“ Konkret auf der Agenda hat dies nach Volksstimme-Informationen aber noch keine Stadt oder Gemeinde in der Region.

Zauberwort: pflegeleicht

Umweltministerin Claudia Dalbert (Grüne) unterstützt Initiativen, die sich gegen die „Gärten des Grauens“ richten. Ihr Appell richtet sich an Vernunft und ökologischen Weitblick: „Gärten, egal ob klein oder groß, sind Lebensoasen für Pflanzen und Tieren. Schottergärten dagegen sind einfach tot.“ Es gebe viele, einfache Maßnahmen wie Nistplätze, Unterschlupfmöglichkeiten oder Futterstellen für Insekten und Vögel, damit es im Garten blüht, summt und brummt. Dalbert: „Dabei gelten am besten die Grundsätze: einheimische Pflanzen fördern, auf Herbizide verzichten, mehr Wildnis wagen.“

Damit spricht die Ministerin Christine Appelt, Geschäftsführerin des gleichnamigen Gartenmarktes in Haldensleben, aus dem Herzen. „Der Trend zu solchen Steinwüsten ist tatsächlich zu beobachten, vor allem in den neuen Wohngebieten“, so die Chefin. Das sei ein trauriger Anblick. „Ich finde es fürchterlich.“

Aber ein bisschen kann sie die Argumente der Befürworter auch nachvollziehen: „Das Zauberwort heißt ,pflegeleicht‘, und Freizeit ist heute kostbar. Die jungen Leute wollen nicht das Wochenende im Garten herumpusseln und Unkraut hacken.“

Sebastian Krakow, der „Pflanzenflüsterer“ des Familienunternehmens, versucht die Kunden von Alternativen zu überzeugen: „Wenn schon wegen des Unkrauts abdecken, dann mit Rinden- oder noch besser mit Pinienmulch, der verrottet nicht so schnell.“ Zu seiner Freude gebe es aber auch einen Gegentrend: „Es kommen immer öfter Leute, die explizit nach insektenfreundlichen Pflanzen fragen.“

Solche Kunden sind auch Fabian Voß die Liebsten. Gärten mit Eisenbahnschotter, einem Alibi-Bäumchen und zwei Metallkugeln drauf sind ihm dagegen ein Graus. Der 30-Jährige, aufgewachsen in Ursleben, ist Landschaftsgärtner mit Leib und Seele. Bei seinem Arbeitgeber, Grewe & Jäger Magdeburg GmbH, ein Unternehmen im Garten- und Landschaftsbau, kann und darf er seine grüne Seele ausleben und auch konsequent sein. Wenn zu ihm jemand kommt und sagt, er möchte einen Schottergarten haben, dann sage er: „Nicht mit mir. Das ist wider die Natur, arten- und klimafeindlich. Da müssen Sie sich wen anders suchen.“ Sein Tipp ist ein natürlicher, lebendiger Präriegarten mit robusten und langlebigen Ziergräsern und Blütenstauden, die ohne viel Pflegeaufwand und zusätzliches Wässern oder Düngen auskommen. „Richtig angelegt“, so Voß, „kann das ein Paradies sein.“