Sprache der Gehörlosen

Die Gebärdensprache ist als vollwertige Sprache in Deutschland seit dem Jahr 2002 offiziell anerkannt.

Die Gebärdensprache verfügt über zahlreiche Gesten, nutzt aber auch die Mimik und den ganzen Körper. Die Tempora (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) drückt man zum Beispiel aus, indem man den umgebenden Raum mit einbezieht. Ein Blick über die Schulter etwa weist auf Vergangenes hin.

Die Sprache der Gehörlosen ist nicht international. Sie unterscheidet sich von Land zu Land und es gibt viele Dialekte. Weltweit sind gut 140 Gebärdensprachen anerkannt.

Kultur: In Deutschland leben etwa 80 000 Gehörlose, die sich ihre eigene Infrastruktur und ihre eigene Kultur aufgebaut haben – die „Gehörlosenkultur“. Die Gebärdensprache als Kommunikationsmittel ist ein Teil davon. Teil der Kultur sind u.a. Pantomime, Tanz, Gehörlosen-Witze, Theaterstücke in Deutscher Gebärdensprache und Gebärdensprach-Poesie.

Gebärdendolmetscher ist ein Beruf, der in Deutschland an sieben Unis und Hochschulen in einer etwa vierjährigen Ausbildung erlernt werden kann – u.a. an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Gehörlose Menschen haben durch die UN-Behindertenrechtskonvention einen Rechtsanspruch auf einen Gebärdensprachdolmetscher. Die Anträge bewilligt zu bekommen, ist dennoch oft ein Kampf. Grundsätzlich haben aber alle Ämter und Behörden die Möglichkeit, Dolmetschereinsätze zu bezahlen. (jb)

Magdeburg l Auf dem Campus der Hochschule im Herrenkrug pulsiert das Leben. Im Haus 1 dagegen, wo der kleine Kreis der angehenden Gebärdensprach-Dolmetscher zu Hause ist, ist der Flur verwaist. Und verdammt hellhörig. Die Schritte klingen überlaut. Hinter der Tür des Seminarraums 2.40 ist es mucksmäuschenstill. Lauschen, um zu hören, ob der Raum überhaupt besetzt ist – zwecklos.

Nicht ohne Grund: Wer hier dem Vortrag folgen möchte, muss nicht die Ohren spitzen, sondern genau hinsehen. Und so blicken also die Studenten des dritten Semesters gebannt auf Okan Kubus. Der Professor nutzt zum Dozieren die Gebärdensprache – die Muttersprache der Gehörlosen. Die jungen Frauen und Männer, im Schnitt 16 pro Studienjahr, werden von Kubus und vier weiteren Lehrkräften zu Gebärdensprachdolmetschern ausgebildet. Vier Jahre dauert das Vollzeitstudium an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

80.000 Gehörlose in Deutschland

Taub sein. Nicht hören können. Kein Liebeslied am Piano. Kein Vogelgezwitschern im Frühling. Kein Meeresrauschen – allein die Vorstellung jagt einem Hörenden einen Schauer über den Rücken. In Deutschland leben schätzungsweise 80.000 Gehörlose ein Leben in ewiger Stille. Von 16 Millionen hörbehinderten Menschen haben 140.000 einen Behinderungsgrad von über 70 Prozent und sind auf Gebärdensprachdolmetscher angewiesen.

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Aber was bedeutet das, nichts oder nur sehr wenig zu hören? Der Fall der Fälle lässt sich im Selbstversuch nur schwer simulieren. Das Zuhalten der Ohren, ein Aufenthalt in schalldichten Räumen, Ohropax, das Abtauschen unter Wasser oder ein Hörsturz bringen die heile Welt eben nur temporär aus den Fugen.

Dem aufkommenden Mitleid nimmt Okan Kubus sofort den Wind aus den Segeln: „Es ist, wie es ist. Ich bin erblich bedingt taub geboren, und ich habe von klein auf gelernt, damit zu leben.“ Wie bei dem in Ankara geborenen Akademiker ist bei Gehörlosen generell der Sehsinn besonders stark ausgeprägt: „Ich bin ein visueller Mensch, nehme meine Welt also vornehmlich durch die Augen wahr.“ Trotz der ihn umgebenden Stille gebe es so vieles, das sein Herz berühre. Seine Welt ist also nicht weniger bunt, aufregend und schön als die der hörenden Mitmenschen. Dadurch, dass er erblich bedingt taub geboren wurde, sieht er sich eher im Vorteil gegenüber jenen, die durch ein Trauma oder eine Erkrankung ertaubt sind: „Ich weiß ja nicht, wie das Plätschern eines Baches oder Musik klingen – und was man nicht kennt, kann man nicht vermissen.“

Wie viele Gehörlose empfindet sich Okan Kubus nicht als behindert. Darauf lege er großen Wert, übersetzt Gebärdensprachdolmetscherin Jördis Eichler, die das Gespräch zwischen zwei Sprachen ermöglicht. Vielmehr fühlt sich der Professor einer „sprachlichen und kulturellen Minderheit zugehörend“ – einer Community von weltweit zig Millionen Menschen mit vielfältigen Aktivitäten, Möglichkeiten und einer eigenen Kultur. Die Türkische Gebärdensprache ist seine Muttersprache und die Deutsche Gebärdensprache eine von fünf Fremdsprachen, die er inzwischen beherrscht.

Mit der Gebärdensprache untereinander zu kommunizieren, ist für taube und stark hörbehinderte Menschen das Natürlichste von der Welt, erklärt Kubus. Um ein Vielfaches schwieriger ist es indes, sich gegenüber Hörenden mitzuteilen, Gedanken auszutauschen und sie an der Welt der tauben Menschen teilhaben zu lassen. Als Tauber in der Schule gemobbt, gesellschaftlich ausgegrenzt oder gar diskriminiert zu werden, ist Okan Kubus nicht fremd. Er weiß, dass viele Menschen Gehörlosen bis heute mit Vorurteilen begegnen. Frei nach dem Motto: Taub gleich stumm gleich dumm. Das zu widerlegen war und ist sein Antrieb, genauso, wie Verständnis für das „Anderssein“ einzufordern.

Da auch beide Eltern taub auf die Welt gekommen sind, wurde Okan Kubus die Gebärdensprache mit in die Wiege gelegt. „Es war mein Glück, dass ich durch sie von Anfang an die Türkische Gebärdensprache gelernt habe.“ Mit den hörenden Großeltern war die Kommunikation weitaus schwieriger, berichtet das Einzelkind: „Wir haben uns auf der Basis von Gesten verständigt.“ Bis zum fünften Lebensjahr nahm er in Eskisehir an einem speziellen Programm für Kinder mit Hörbehinderung teil. Das beinhaltete auch ein intensives Artikulationstraining der türkischen Lautsprache. Für den Knirps mitunter ein Kampf.

Auf Drängen der Großmutter wurde Okan Kubus – anders als seine Eltern, die eine Schule für Gehörlose besuchten – integrativ an einer Regelschule unterrichtet. Die Oma war überzeugt davon, dass hier das Bildungsniveau höher ist und das geistige Potenzial des Enkels gefordert und gefördert wird. „Da ich das einzige taube Kind neben allen anderen hörenden Kindern war, kann man schon sagen, das war eine Art Einzelintegration.“ Beileibe kein leichtes Unterfangen, denn während der gesamten elf Jahre auf dem Weg zum Abitur wurden keine Gebärdensprachdolmetscher eingesetzt. Die Vermittlung des Lehrstoffes erfolgte vorwiegend durch Lesen und Schreiben. Kommuniziert wurde mit den Mitschülern durch die Lautsprache, Lippenlesen oder über Gesten. „Das ging oft mehr schlecht als recht, aber es funktionierte doch irgendwie.“ Er könne sich nicht mehr genau daran erinnern, wie er sich in der Zeit gefühlt habe. „Rückblickend war es sicher eine harte Zeit. Aber ich habe von vielen Seiten Unterstützung erfahren. Nur so bin ich heute da, wo ich bin.“

Ein übersetztes Referat veränderte alles

Die zentrale Prüfung, um zur Uni zugelassen zu werden, bestand Okan Kubus mit Bravour. Sowohl während des Bachelorstudiums (Lehramt) als auch während des Masters (Kognitionswissenschaften) an der Technischen Universität des Nahen Ostens in Ankara war kein Gebärden-Dolmetscher tätig. Doch Kubus kämpfte sich durch. Die Mitschriften der Kommilitonen waren Gold wert, Selbststudium und der Besuch der Uni-Bibliothek der graue Studentenalltag.

Erst als er auf der Zielgeraden zum Master mit der deutschen Kognitionswissenschaftlerin und Professorin Annette Hohenberger in Kontakt kam, änderte sich seine Sicht der Dinge grundlegend: „Da habe ich zum ersten Mal erfahren und begriffen, dass die Gebärdensprache eine vollwertige Sprache ist – mit einer eigenen Grammatik und Dialekten.“

Ein durch einen Gebärdensprachdolmetscher übersetztes Referat in Psychologie – und der angehende Doktorand war „angefixt“, erzählt er und lacht. Es habe ihn begeistert zu sehen, wie hilfreich und wertvoll solche Dolmetscher sind: „Der Funke ist sofort übergesprungen.“ Fortan wollte er sich der Gebärdensprache als wissenschaftlichem Gegenstand widmen und auf dem Gebiet forschen.

Im Jahr 2008 ergab sich für Kubus die Möglichkeit, am Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser (IDGS) der Uni Hamburg zu promovieren. Sein „Lehrmeister“ war kein Geringerer als Professor Christian Rathmann. Der Erfurter hat in Deutschland Pionierarbeit auf dem Gebiet der Gebärdensprache geleistet und ist der erste taube Professor überhaupt an einer Universität.

In Hamburg blühte auch Okan Kubus auf. Er erlernte die deutsche Gebärden- und Schriftsprache. An dem Institut gab es viele gehörlose und hörbehinderte Studenten in verschiedenen Fächern. „Es fand ein reger Austausch statt. Und ich bekam für die deutsche Sprache – auch durch das Erlernen der Schriftsprache – ein besseres Gefühl. Ich hatte unheimlich viel Spaß an allem.“ Die Zeit als Doktorand, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Gebärdensprachdolmetscher, promovierter Sprachwissenschaftler und Projektleiter sowie ab 2017 als Vertretungs-Professor am IDGS war lehr- und arbeitsreich.

Vor einem Jahr kam schließlich der Ruf aus Magdeburg. Hier waren seine Kompetenzen und Fähigkeiten als Vertretungsprofessor gefragt, denn Jens Heßmann, Professor und Studiendekan, wollte sein Lehrkräfte-Team rund um das seit 1997 in Magdeburg angebotene Studium zum Gebärdensprachdolmetscher erweitern. Für den Wahl-Hamburger Kubus, im Herbst schließlich zum ordentlichen Professor berufen, war es Liebe auf den ersten Blick: „Ich bin schnell in Magdeburg angekommen und fühle mich hier sehr wohl. Der Campus ist wunderschön im Grünen gelegen. Und das Team, in das ich gekommen bin, ist wirklich toll und sehr familiär. Ich habe mich schnell wohlgefühlt und die Berufung zum Professor ist eine große Chance und Ehre.“

Seine Mission als Mittler zwischen den Welten der tauben und hörenden Menschen hat damit erst richtig begonnen. Okan Kubus will weiter aufklären und für die Sprache und Kultur der tauben Menschen werben. Vor allem will er für deren Bildungschancen kämpfen. „Wer taub geboren wird, sollte die Gebärdensprache erlernen und auf seinem Bildungsweg angeboten bekommen“, macht der Professor auf den Missstand aufmerksam, dass gerade mal 5 Prozent der 80 Millionen Gehörlosen weltweit die Chance auf eine inklusive Bildung durch Gebärdensprache haben. Seine Botschaft, die er nun von Magdeburg in die Welt tragen möchte, liegt buchstäblich auf der Hand: Einander-Verstehen ist nicht eine Frage des Hörens, sondern in erster Linie eine Frage des Wollens.