Magdeburg l Drei große Holzpyramiden thronen im Wohnzimmer, kleine Tannenzweige schlängeln sich an Fensterrahmen und Aquarium entlang. Warmes Licht, viel Holz. Weihnachtsstimmung herrscht in dem kleinen Reihenhaus von Birgit Schneider in Klein Wanzleben bereits seit einer Weile. Zum ersten Mal seit knapp vier Jahren wieder. Zum ersten Mal, seit ihr Sohn Christopher gestorben ist.

Je näher der 23. Dezember rückt, desto näher kommt auch die Erinnerung, die Konfrontation. „Auf Bitten meiner Familie habe ich in diesem Jahr wieder geschmückt, aber es fiel mir schwer“, sagt Schneider. „Ich habe früh angefangen mit der Deko, weil es emotional sonst nicht mehr möglich gewesen wäre. Je näher Weihnachten rückt, desto schwerer wird es.“

Christopher, 25 Jahre jung, litt an der Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose. Im Dezember 2015 will er sich vor Weihnachten im Krankenhaus noch einmal behandeln lassen, 2016 will er eine neue Ausbildung beginnen, „dafür wollte er fit sein“, erzählt sie. Doch ihr 25-jähriger Sohn infiziert sich mit einem Keim. Einen Tag vor Heiligabend verliert er den Kampf. Schneider packt alle Weihnachtssachen in Kisten, liegt tagelang im Bett. Gelähmt vom Schmerz. Monate vergehen.

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Gedenktag der verstorbenen Kinder

Freunde und Familie sind besorgt, fordern sie auf, Hilfe zu suchen. Sie besucht eine Trauerbegleiterin, eine Psycholgin, eine Tagesklinik. Irgendwann lernt sie Katrin Hartig und damit den Bundesverband für verwaiste Eltern und trauernde Geschwister kennen. Hartig koordiniert und leitet teilweise selber die Selbsthilfegruppen des Verbands in Sachsen-Anhalt. Rund 500 Gruppen gibt es mittlerweile bundesweit, zehn davon in Sachsen-Anhalt. Im Land finden somit aktuell mehr als 150 Eltern, Geschwister und Angehörige Halt, oder wie Schneider sagt, „einen geschützten Raum“.

Als die heute 55-Jährige Ende 2016 zum ersten Mal ein Treffen besucht, hat sie Angst. „Aber das war schnell weg, weil ich mich sofort verstanden gefühlt habe. Ich darf weinen, schreien. Emotionen zeigen und trauern um mein verstorbenes Kind.“

Am Sonntag – dem Gedenktag der verstorbenen Kinder – soll weltweit an Christopher und alle anderen verstorbenen Kinder erinnert werden. Auch in Magdeburg. Einige Eltern werden Gedichte vortragen, Trauertänze aufführen. Andere werden einfach nur da sein und im Stillen gedenken. Trauer kommt in vielen Facetten. „Es ist sehr emotional“, sagt Schneider. „Aber wir sind alle zusammen, jeder trauert an diesem Tag auf seine Art und Weise.“ Nach der Gedenkzeit stellen weltweit Eltern um 19 Uhr Kerzen in die Fenster. „Eltern und Angehörige können ins Gespräch kommen, sich austauschen“, sagt Hartig. Sie verlor ihren Sohn 2002 nach einem Sport- unfall. Ihr Weg zu trauern, er wurde irgendwann auch zu einem Weg, der vielen anderen Eltern und Angehörigen Kraft gibt. Hartig ließ sich zur Trauerbegleiterin ausbilden, wurde zur Koordinatorin des Bundesverbands in Sachsen-Anhalt. Zusammen mit Birgit Schneider und anderen Frauen hat sie auch in diesem Jahr den morgigen Gedenktag organisiert. Jedes Jahr gibt es ein tragendes Symbol für diesen Tag. In diesem Jahr ist es die Brücke. „Sie sind sozusagen die Krücken, die uns durch den Alltag und auf dem Trauerweg tragen“, sagt Hartig.

Die Brücke symbolisiert den Trauerweg. Auf die Frage, an welchem Ende der Brücke sie gerade steht, sagt Schneider: „Ich befinde mich auf ihr.“ Vor der anderen Seite hat sie noch zu viel Angst. Denn die andere Seite, das ist das Leben danach. Aber ein Leben danach, nach dem Tod des eigenen Kindes, das ist eben nur schwer vorstellbar. „Ich habe Angst, denn ich will ja nicht loslassen“, sagt Schneider. Es ist ein Gefühl, das alle trauernden Eltern eint. Und ein Gefühl, das andere Menschen nur schwer nachvollziehen können.

Das mussten auch Uwe und Anett Most erfahren. Ihre Frieda, fünf Jahre jung, starb im Februar nach zehnmonatigem Kampf an einer Krebserkrankung. „Das ist mit keinem anderen Verlust vergleichbar. Ab diesem Zeitpunkt gibt es ein Leben davor und danach“, sagt Anett Most. Doch Außenstehende haben oft ein Problem damit, zu verstehen, dass diese Trauer nie aufhört und die Erinnerung an das eigene Kind aufrechterhalten werden soll. Kollegen, Freunde und auch Angehörige sind hilf- und ratlos, wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. „Das ist auch oft ein Thema in der Selbsthilfegruppe“, sagt Hartig. „Dabei geht es vielen Eltern so, dass sie über ihr Kind reden wollen.“ Auch Familie Most sagt: „Uns haben die Freunde gut getan und tun es noch, die die Initiative ergriffen haben, die nachfragen und zuhören.“ Schweigen, das helfe am Ende am wenigsten.

Im Dezember ist es besonders schwer

Im Dezember, wenn Kinder mit leuchtenden Augen auf Karussellpferden ihre Runden drehen, wenn es früher dunkel wird, „das ist eine besonders schwere Zeit“, sagt Katrin Hartig. Für sie, für Familie Most, für Birgit Schneider, für alle Betroffenen. Auch darüber wird in den Selbsthilfegruppen gesprochen.

Doch nicht nur das. Die Angehörigen tauschen sich auch über Rituale aus, die beim Trauern helfen. „Bevor ich die Gruppe besucht habe, hätte ich mir nicht annähernd vorstellen können, wie viele Wege und Möglichkeiten es gibt, an Christopher zu erinnern“, sagt Schneider.

Ein Beispiel: An Heiligabend sägen auch Schneider und ihre Familie einen Ast vom Weihnachtsbaum ab. Die Lücke symbolisiert das Fehlen von Christopher. Der Ast wird anschließend gemeinsam zum Grab getragen. „So ist er immer noch irgendwie dabei.“