Magdeburg l Das Interesse am Prozess gegen Anja D. (41) ist so groß, dass der Saal überfüllt ist und mehrere Zuschauer am Mittwoch sogar draußen bleiben müssen. Die angeklagte zierliche Blondine soll ihren Ex-Mann Hans D. (62) in den Jahren zwischen 2015 und 2018 um knapp eine Million Euro gebracht haben. Ihr wird Untreue und Betrug im besonders schweren Fall vorgeworfen. Sie soll ohne sein Wissen einen Maserati, einen Mini und einen Mercedes der G-Klasse (106.000 Euro) gekauft haben. Letzteren habe sie dem Magdeburger Gastronomen Olaf B. überschrieben.

Zwei weitere Männer standen nun im Zeugenstand. Zunächst sagt Oliver B. (48), Immobilienmakler, dass Anja D. sich auch ihm bereits beim Kennenlernen im Jahr 2001 als Voll-Juristin vorgestellt habe. Sie erklärte ihm, dass sie an der Universität ihr Jura-Studium erfolgreich abgeschlossen habe und in der Chefetage bei VW als selbständige Juristin arbeite. Als sie eine Grundstücksangelegenheit für ihn klären wollte, war das Eis gebrochen. Doch offensichtlich stimmte von all dem nichts: Anja D. brach ihre Ausbildung in einer Rechtsanwaltskanzlei ab und verfügte zu diesem Zeitpunkt wohl auch über kein Geld. Die Beziehung dauerte dennoch knapp elf Jahre. Sie habe immer wieder neue Lügen erfunden und „konnte auch plastisch alle Widersprüche nachvollziehbar erklären“. Es habe viele „Merkwürdigkeiten“ gegeben, die sich aber erst später erklärten. Der 48-Jährige: „Ich bekam plötzlich keine Post mehr, nur noch komische Werbung. Da habe ich im Haus die Nachbarn angesprochen und auch eine Beschwerde an die Post geschickt.“ Erst als Anja D. auszog, kam die Post wieder normal. Dafür stand der Immobilienmakler mehrfach vor der Situation, dass finanzielle und später sogar gerichtliche Forderungen bei ihm nie ankamen und er Schlimmeres erst im letzten Moment abwenden konnte. Er habe zunächst nie etwas geahnt. Sie sei schließlich erfolgreiche Anwältin gewesen. Ähnliches hatte auch der Arzt Hans D. berichtet. Nach der Trennung fand er in seinem Haus in zahlreichen Säcken zurückgehaltene Post, wie Mahnungen und Zahlungsaufforderungen. Wie sich herausstellte, waren darunter auch ungeöffnete Briefe seines „Vorgängers“ Oliver B. Der trennte sich im Mai 2012 von ihr. Zuvor war Oliver B. mit Anja D. noch wegen der Lügen bei einem Psychotherapeuten. „Wegen der ärztlichen Schweigepflicht habe ich aber nie erfahren, was da rauskam“, sagt er. Außerdem: In seinen damaligen Videotheken fehlte häufig Geld. „Damals hatten wir leider das Personal in Verdacht“, so Oliver B. Er sagt: „Das Schlimme ist, dass ihre Eltern offensichtlich von den Lügen wussten und nie was sagten.“ Am 12. Dezember 2012 heiratete Anja D. dann den Arzt Hans D. und bekam mit ihm zwei Töchter.

Aus Wohnung geworfen

Auch René L. (50) lernte Anja D. als angebliche Rechtsanwältin im Februar 2019 kennen. Obwohl sie damals von Hans D. noch nicht offiziell geschieden war und mit dem Gastronomen Olaf B. bis Juni 2019 eine außereheliche Beziehung führte, zog Anja D. bei dem Erzieher ein. René L.: „Sie sagte mir, sie verfüge über 520 Eigentumswohnungen in Potsdam und arbeite bei der Strabag.“

Und auch ihm bot sie einen Mercedes G-Klasse an. Zu Weiterem kam es aber nie. Am Ostermontag, 22. April, warf René L sie aus der Wohnung. Er habe Anja D. dabei erwischt, wie sie ihm 50 Euro aus einem Ostergeschenk stibitzte. Später bemerkte er auch, dass 1950 Euro aus einer Schublade fehlten. Nur weil er ihr vorlog, alles auf Video zu haben, gestand sie. Er ließ sich das schriftlich von ihr geben und erhielt sein Geld zurück. Ein Fahrlehrer übergab ihm später ein Geldbündel. René L.: „Sie wollte auch mich heiraten und Kinder von mir.“ Da war Anja D. längst Mutter von zwei Töchtern.

Auf die Frage der Polizei, was die Frau denn Besonderes habe, dass so viele auf sie reinfallen, antwortete er auch vor Gericht: „Angenehm war, sie war nie stressig. Glauben Sie mir, ich war schon zweimal verheiratet.“ Der Prozess wird am 29. Januar fortgesetzt. Am 4. Februar soll der Gastronom Olaf B. seine Aussagen machen.