Magdeburg l „Das ist eine schlechte Nachricht“, sagt Kerstin Bilkenroth. Gerade eben hat der Bundestag das Abstimmungsergebnis verkündet. Eine Zäsur des Organspenderechts wird es in Deutschland nicht geben. Dabei hatte sie sich das so sehr gewünscht. Die 52-jährige Frau aus dem Harz weiß, worüber sie redet. Sie liegt derzeit im Uniklinikum Magdeburg. Im Dezember bekam sie eine neue Leber. Zwei Jahre hat sie darauf gewartet. Nun hofft sie noch auf Spender-Nieren. Seit fünf Jahren steht sie auf der Warteliste. „Es kann jeden treffen“, sagt Kerstin Bilkenroth am Telefon.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wollte den großen Wurf, um die Zahl der Spenden zu erhöhen. Seine Widerspruchslösung sah vor, dass jeder ab 16 Jahren nach einem Hirntod ein Organspender ist. Wer das nicht möchte, müsste aktiv widersprechen. Hauptargument: Fast jeder will im Notfall die Spende, also sollte auch jeder selbst bereit sein, zu spenden. Die Hoffnung: mehr Organe und weniger Tote. Unterstützer hatte er quer durch fast alle Fraktionen: Linke, SPD, FDP, Grüne. In einer Umfrage sagten 60 Prozent befragter Bürger, dass sie diese Lösung gut finden.

Im Bundestag durchgesetzt hat sich jedoch eine andere, moderatere Reform: die Zustimmungslösung. Wer Organe spenden will, muss aktiv seine Bereitschaft bekunden. An der Spitze der Abstimmungsgewinner steht Annalena Baerbock, die Fraktionschefin der Grünen. Hauptargument: Nicht der Staat, sondern jeder selbst bestimmt über seinen Körper. Auch sie hatte – bis auf die AfD – Fürsprecher aus allen Parteien. Einen Fraktionszwang gab es nicht.

Über das Ergebnis gehen in Sachsen-Anhalt die Meinungen weit auseinander. „Furchtbar“ nennt es Professor Roland Croner. Der Medziner leitet die Transplantationschirurgie an der Uniklinik Magdeburg. „Wir sehen die Warteliste – das ist eine humanitäre Katastrophe.“ Allein bei ihm warten 67 Kranke auf eine gesunde Leber. Gut 20 dieser Organe werden jährlich eingepflanzt. An der Uni Halle – dem zweiten Landeszentrum auf diesem Fachgebiet – werden Nieren transplantiert. In ganz Deutschland stehen fast 10.000 Kranke auf den Wartelisten. Nur 932 Menschen spendeten in Deutschland nach ihrem Tod Organe. Das waren 23 weniger als 2018.

Enttäuscht sind auch die CDU-Abgeordneten Tino Sorge (Magdeburg) und Kees de Vries (Anhalt-Bitterfeld). „Ich habe große Zweifel, ob wir jetzt zu mehr Spenden kommen“, sagte Sorge. Sollte sich die Lage nicht bessern, müsste das Thema in zwei, drei Jahren erneut aufgerufen werden. Anders sieht das Friedrich Kramer, Landesbischof der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland. „Das Wesen einer Spende liegt in der freiwilligen Bereitschaft des Spenders.“

Spahn will zügige Umsetzung

Minister Spahn will trotz der Niederlage das neue Gesetz zügig umsetzen. Jetzt soll ein Onlineregister aufgebaut werden, in dem jeder freiwillig angeben kann, ob er spenden will oder nicht. Darauf können Ärzte zugreifen. So soll bei Angehörigen der Entscheidungsdruck gelindert werden. Bereits seit 2019 gilt ein Gesetz, das die Bedingungen für Organspenden in Kliniken verbessern soll.