Magdeburg/Halle l Es ist eine stille Arbeit. Sie findet meist in den eigenen vier Wänden statt. Gesehen und geschätzt wird das Ausmaß der Nächstenliebe oft nicht. Erst wenn pflegende Angehörige zusammenbrechen, wird die immense physische, aber auch psychische Belastung sichtbar. In den Burnout getrieben, kommt Unterstützung meist zu spät ...

Auf diese oder ähnliche Schilderungen des Alltags ist die Barmer im Rahmen ihrer repräsentativen Befragung von rund 1900 pflegenden Angehörigen zuhauf getroffen. Der daraus resultierende „Pflege-Report 2018“, der von der Krankenkasse am Donnerstag in Halle vorgestellt wurde, zeichnet ein dunkles Bild zur Situation der pflegenden Angehörigen in Sachsen-Anhalt.

Dem Report nach steht jede 14. Person, die Angehörige zu Hause umsorgt, kurz davor, ihren „Pflege-Dienst“ zu quittieren. 6,6 Prozent wollen nur mit mehr Hilfe weiter pflegen. Knapp ein Prozent will dies auf keinen Fall länger tun. Allein in Sachsen-Anhalt sind damit nach Hochrechnung der Barmer 5500 Angehörige von der Pflege erschöpft – sie stehen kurz davor, das Handtuch zu werfen. „Wir laufen Gefahr, dass sich der Pflegenotstand dadurch noch einmal massiv zuspitzt“, warnt Axel Wiedemann, Landesgeschäftsführer der Barmer. „Viele pflegende Angehörige sind an der Grenze der Belastbarkeit angekommen.“ Es sei höchste Zeit, dass sie schon frühzeitig besser unterstützt, umfassend beraten und von überflüssiger Bürokratie entlastet werden, so Wiedemann bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse.

Wunsch nach weniger Bürokratie

Danach wünschen sich fast 60 Prozent weniger Bürokratie bei der Beantragung von Leistungen. Als Reaktion darauf wolle die Krankenkasse den Hauptantrag für Pflegeleistungen künftig unkompliziert online stellen, so Wiedemann. Doch der bürokratische Aufwand ist nur eine Form der Belastung. Fast 40 Prozent fehlt Schlaf.

Die aufopferungsvolle Arbeit fordert ihren Tribut: Pflegende Angehörige sind vergleichsweise häufiger krank als andere. So leiden laut Barmer in Sachsen-Anhalt mehr als die Hälfte (59 Prozent) von ihnen unter Rückenbeschwerden. Nur in Brandenburg und Thüringen (60 Prozent) ist dieser Wert noch höher. Häufig sind auch Depressionen: Der Anteil der Erkrankten unter pflegenden Angehörigen im Land liegt bei 22 Prozent.

Hilfe für pflegende Angehörige

Umso wichtiger ist eine umfassende Beratung durch Pflegeexperten. Aber auch ein niedrigschwelliger Zugang zu den Unterstützungsleistungen sei nötig und dass Pflegende nicht nur für ihren Angehörigen, sondern auch für sich selbst Hilfe bekommen, so Wiedemann.

Welche technischen Hilfsmittel pflegenden Angehörigen im Alltag helfen können, wird an der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle erforscht. Ein Ergebnis wurde am Donnerstag vorgestellt – ein Tablet mit fahrbarem Untersatz, das per Fernsteuerung durch die Wohnung bewegt werden kann. So können Angehörige den Pflegebedürftigen von unterwegs im Blick behalten. Im Test befindet sich zudem eine Tablettendose, die zu jeder Tageszeit die passenden Medikamente ausgibt und per SMS mit den Angehörigen kommuniziert. Angehörige seien „gegenüber technischen Assistenzsystemen sehr aufgeschlossen“, so die Erfahrung von Dr. Patrick Jahn, Leiter der Stabsstelle Pflegeforschung an der Uni Halle. Vielen würde aber das Wissen und die Kompetenz zum bedarfsgerechten und sinnvollen Einsatz fehlen. Ziel müsse es sein, in künftigen Bildungsangeboten Pflegeassistenztechniken zu integrieren und zu vernetzen.