Gewalt gegen Frauen

Deutschland: Laut Bundesamt für Familie ist jede 3.  Frau von sexueller und/oder körperlicher Gewalt betroffen. 25 Prozent aller Frauen erleben die Gewalt in ihrer Partnerschaft. Fast ein Viertel aller Frauen in Deutschland werden Opfer von Stalking. 42 Prozent erleben Formen von psychischer Gewalt. Nur 20 Prozent der betroffenen Frauen nutzen die bestehenden Beratungs- und Hilfsangebote.

Sachsen-Anhalt: 2017 wurden 3 145 Frauen im Land Opfer von Gewalt in engen sozialen Beziehungen. Hier ist gegenüber 2016 ein leichter Anstiegt von 0,5 Prozent zu verzeichnen (3 130 Opfer). 415 Frauen wurden Opfer von Stalking – gegenüber 2016 ist ein deutlicher Anstieg von 36,5 Prozent zu verzeichnen (304 Opfer).

Hilfe, Beratung, Begleitung vor Ort: In Sachsen-Anhalt gibt es 19 Frauenhäuser mit 121 Plätzen (plus 157 Plätze für Kinder) sowie acht ambulant tätige Beratungsstellen, die sich bei den Frauenhäusern befinden. Im Vorjahr wurden hier 1 303 Beratungen in Anspruch genommen. Insgesamt fanden 614 Frauen mit ihren Kindern in einem Frauenhaus professionelle Hilfe und Schutz. 2016 waren es 689. Weitere Ansprechpartner sind die vier Beratungsstellen für Opfer sexualisierter Gewalt und die vier Interventionsstellen. (jb)

Magdeburg l Anfangs war es die große Liebe. Er war ihr Traummann, trug sie auf Händen. Jahre später, im grauen Alltag angekommen, lief die Firma schlecht. Existenzängste machten sich breit. Der Mann suchte ein Ventil für seinen Frust: Alkohol. Eifersucht. Die Wutausbrüche enden eines Tages in Tätlichkeiten.

Gewalt wurde zur Gewohnheit

Danach wurde Gewalt bei ihm zur Gewohnheit. Sie schwieg und ertrug die Pein. Lange. Irgendwie. Die blauen Flecke ließen sich wegschminken oder verdecken, die Angst nicht. Sie suchte nach Erklärungen und die Schuld vor allem bei sich selbst. Er schwor, sie zu lieben. Zu sehr vielleicht. Deshalb raste er ja so aus, rechtfertigte er sich. Er brauche sie, wolle sich ändern. Aber sie konnte es ihm immer seltener recht machen. Als er sie eines Tages so heftig schubste, dass sie stürzte, mit dem Kopf auf den Stubentisch knallte und blutete, packte sie eilig ein paar Sachen zusammen und schloss die Tür hinter sich ...

Was Anna R., die aus Scham aber auch aus Angst vor ihrem Noch-Ehemann anonym bleiben will, unter Tränen berichtet, hört sich an wie die klassische Geschichte über häusliche Gewalt – eine traurige Geschichte, die Zehntausende von Frauen in Deutschland erzählen können. 147 können es nicht mehr. Sie starben im Jahr 2017 durch die Hand des Partners. Doch eines unterscheidet die junge Frau aus der Altmark von vielen anderen: Bevor sie Schutz, Hilfe und Rat in einem der 19 Frauenhäuser in Sachsen-Anhalt gesucht und gefunden hat, ist sie zur Polizei gegangen. Anna R. nahm all ihren Mut zusammen und zeigte ihren Mann an. Damit gehört sie zu den 3145 Frauen, die im Vorjahr in die Polizeistatistik als Opfer von Gewalt in engen sozialen Beziehungen eingingen. 2016 waren es etwas weniger (3130).

Nur 20 Prozent der Frauen outen sich

Die Dunkelziffer, darauf verweisen Polizei sowie die Interventions- und Beratungsstellen in Sachsen-Anhalt  anlässlich des weltweiten Aktionstages für Gewalt an Frauen am 25. November, ist extrem groß. Nur 20 Prozent wagen den ersten Schritt, dem Martyrium ein Ende zu setzen und nutzen die Beratungs- und Hilfsangebote. Sachsen-Anhalts Justizministerin Anne-Marie Keding (CDU) erklärt dazu: „Dass Tausende von Frauen Opfer von häuslicher Gewalt werden, ist ein unerträglicher Zustand. Ich kann jeder Frau, die betroffen ist, nur raten, die Gewalt nicht hinzunehmen, weil sie dann aller Erfahrung nach nicht endet.“ Frauen würden oft dazu neigen, die Schuld zuerst bei sich selbst zu suchen, „aber nicht sie, sondern derjenige, von dem die Gewalt ausgeht, zerstört die Familie“, so Keding.

Aus Gesprächen mit Betroffenen wisse sie, dass es viel Mut und Selbstvertrauen braucht, um sich als Opfer zu „outen“ oder notfalls den Mann zu verlassen. „Auch weil oft Kinder mit im Spiel sind.“ Für diese Frauen ist das anonyme Hilfetelefon (08000116016) mit seinem bundesweiten Netzwerk eine Alternative, so die Ministerin: „Es ist wichtig, dass die Frauen Wege aus der Angst aufgezeigt bekommen und wissen, wie sie sich wehren können und wo sie Schutz und Hilfe bekommen.“

Stalking ist Straftat

Mit Blick auf die gegenüber dem Vorjahr gestiegene Zahl von Stalking-Opfern erklärt die 52-Jährige: „Hier macht sich zum einen bemerkbar, dass die Sensibilisierung in der Gesellschaft dafür gestiegen ist, dass Stalking ein Straftatbestand ist. Zum anderen schlägt sich nieder, dass der Paragraf geändert wurde und es jetzt leichter ist, eine Tat zur Anzeige zu bringen.“

In Sachsen-Anhalt wurden 2017 nach polizeilichen Angaben 3145 Frauen Opfer von häuslicher Gewalt. Die Zahl der Stalking-Opfer stieg gegenüber 2016 um 36,5 Prozent (304/415).