Magdeburg l Manfred Bammel, Rolf Horn und Ortsbürgermeister Ulf Kamith hatten eigentlich gedacht, dass der Kampf der Anwohner gewonnen sei. Dass die Giftschlammgrube vor den Toren ihrer Dörfer Kakerbeck und Brüchau bald ausgehoben würde. Dass die Grube damit endlich der Vergangenheit angehört, statt nur abgedichtet zu werden. – So hatte es der Landtag im Juni zumindest beschlossen.

An diesem Augustmorgen aber stehen sie nun wieder vor der hohen Zauneinfahrt zur Anlage. Und wie so oft in den vergangenen Jahren müssen sie erklären, warum die Grube so gefährlich ist. Grund ist der Einspruch einer Landesbehörde gegen die beschlossene Aushebung, deren Aufsicht ausgerechnet das grün geführte Umweltministerium hat.

Drüben, hinter dem Tor, sieht es an diesem Morgen fast idyllisch aus. Sanft geht der Wind über hohes Gras, Vögel steigen über der Oberfläche eines Gewässers auf, das aus der Ferne wirkt wie ein Tümpel.

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Der Eindruck aber täuscht. Tatsächlich lagert in der einstigen Mergelgrube zu Füßen der Besucher eine der schlimmsten Umweltsünden Sachsen-Anhalts. Ab 1972 wurde hier Giftmüll aus der gesamten DDR verklappt, erzählt der 73-jährige Rolf Horn: Medikamente, Abfälle aus der Filmindustrie, Benzol, Unkrautvernichter, Paraffin, Teere.

Er selbst habe – damals als LPG-Mitarbeiter – Fässer mit Arsenverbindungen in die Grube fahren müssen, sagt Horn.

Quecksilber, Säuren, Arsen, Cyanide

Bis 1990 wurde vieles gar nicht erst dokumentiert. „Die wussten, warum“, sagt Horns Bekannter Manfred Bammel.

Die beiden älteren Männer berichten von flimmerndem Benzol auf dem „Silbersee“ genannten Gewässer, von Frauen, die mit Kopfschmerzen von den Feldern zurückkehrten. Von Pförtnern, die an Krebs erkrankten und später verstarben.

Nach der Wende kamen noch bis 2012 Abfälle aus dem Bergbau hinzu. In Summe entstand eine Halde mit rund 100 000 Kubikmetern Giftmüll, heute teils verfüllt, teils bedeckt von einem schmalen Wasserfilm.

Die Aufstellung der eingelagerten Stoffe liest sich dabei wie die Inventarliste einer Giftküche: mindestens 250 Tonnen Quecksilber, 9000 Tonnen Säuren, 930 Tonnen Cyanide aus der DDR-Chemieproduktion, 1,4 Tonnen Arsen-Verbindungen, Benzol, radioaktive Isotope.

Der Knackpunkt: Die Grube ist nach unten undicht. Die Sperrschicht aus Geschiebemergel, die die Halde vom tiefer liegenden Grundwasserspiegel trennen soll, hat an mindestens einer Stelle ein Leck. – Vielleicht auch an weiteren, es gab nur Probebohrungen.

Fest steht, die Sperrschicht ist auf einem Teil der Fläche auch viel dünner, als sie es sein sollte. Die Anwohner vermuteten das seit Jahren, auch Untersuchungen legten das früh nahe. Ein Abschlussbericht des Betreibers Neptune Energy vom Mai räumte nun aber auch die letzten Zweifel aus.

Schadstoffe im Grundwasser

„Ein Eintritt von Schadstoffen (Chlorid, untergeordnet Cadmium, Arsen, Chrom und Barium) in das Grundwasser hat bereits stattgefunden“, heißt es im Bericht. Die Schlussfolgerung der Experten: Die lange bevorzugte Variante, die Grube von oben her abzudecken, bleibe eine Möglichkeit, aber: Dazu sollte dann auch die löchrige Sperrschicht nach unten abgedichtet werden – ob nur am bekannten Leck oder flächenhaft, wird im Bericht nicht ganz klar.

Als Alternative empfehlen die Verfasser neben der Errichtung einer neuen Deponie auf dem Gelände vor allem auch die komplette Aushebung der Giftstoffe.

Der Befund verschob die Position der Landesregierung – zumindest im Wirtschaftsministerium und der ihm unterstehenden Fachbehörde, dem Landesamt für Geologie und Bergbau (LAGB) – im Mai dramatisch: Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD) legte sich im Juni im Landtag fest: Da nun unzweifelhaft geklärt sei, dass die Grube undicht ist, sei die Aushebung die einzig tragfähige Lösung.

Staatssekretär spricht von Kochsalzlösung

Der Landtag beauftragte die Landesregierung danach in seltener Einstimmigkeit, einen Plan für die Aushebung auf den Weg zu bringen. Der Grubenbetreiber, Neptune Energy, erhielt den Auftrag, den Plan zu erstellen.

Alles klar also? Mitnichten. Denn Wirtschaftsminister und LAGB hatten die für die Altlastensanierung zuständige Behörde im Land – die Landesanstalt für Altlastenfreistellung (LAF) – nicht mitgenommen. Dabei spielt die Behörde für sämtliche Lösungen, die die Grube betreffen, eine Schlüsselrolle. Denn: Die LAF unter Aufsicht des grünen Umweltminsteriums soll die Sanierung aus einem Altlastenfonds hauptsächlich bezahlen.

Eine sonst übliche Einigung der Behörden LAGB und LAF auf ein gemeinsames Vorgehen hatte es ausgerechnet diesmal nicht gegeben.

Strittiger Punkt: Die Aushebung der Grube würde viel teurer als eine Abdichtung. Schätzungen gehen von 100 Millionen Euro aus, vielleicht 150 Millionen. Die Abdichtung dagegen würde mit 15 bis 20 Millionen Euro nur einen Bruchteil kosten.

Die LAF wehrte sich, indem sie dem Grubenbetreiber Neptune Energy einen seit Bekanntwerden hoch umstrittenen Brief schrieb, Aussage: Falls Neptune dem Auftrag, einen Plan zur Aushebung der Grube zu erstellen, folge, werde es die Kosten für die Grubenräumung möglicherweise selbst zahlen müssen. Die LAF riet Neptune außerdem, sich anwaltlich beraten zu lassen.

Die LAF sieht es so: Eine Abdeckung der Grube mit Abdichtung des bekannten Lecks im Mergel wäre ebenso sicher wie die Aushebung (s. Infokasten), das entspräche auch bundesweiten Standards. Die viel aufwändigere Aushebung dagegen wäre unverhältnismäßig teuer. Das Geld aus dem Altlastenfonds - zuletzt 660 Millionen Euro - werde noch für viele weitere Sanierungsvorhaben gebraucht.

Umweltstaatssekretär Klaus Rehda (Grüne) wurde zwei Wochen nach dem Landtagsbeschluss noch deutlicher: Aus der Grube seien vor allem Chloride, also Salze, ins Grundwasser, ausgetreten; giftige Stoffe nur in „vernachlässigbaren Spuren“.

Die Grube - eine nachrangige Altlast?

„Wegen einer Kochsalzlösung in 30 Metern Tiefe wollen wir hier eine Auskofferung vornehmen ...“, so Rehda in einer Sitzung des Wirtschaftsausschusses.

Und: „Wenn ich es vergleiche, dann ist Brüchau eher eine nachrangige Altlast. Wenn wir eine Priorisierung vornehmen würden, dann würden wir uns mit Brüchau wahrscheinlich nicht unter den Top 50, sondern eher bei Nummer 100 wiederfinden.“

Der Staatssekretär ergänzte: Er fürchte, der Grubenbetreiber werde letztlich gar nicht anders können, als sich gegen die Aufforderung, einen Plan zur Aushebung zu erstellen, zur Wehr zu setzen. „Das heißt, es wird vor Gericht landen. Dann werden wir die Aktendeckel zumachen und können uns in fünf Jahren wieder unterhalten.“

Rehdas Vorgesetzte, Ministerin Dalbert, sah sich bei einer Landtagsbefragung Tage später zwar genötigt, die Aussagen ihres Staatssekretärs einzuordnen: Vermutungen Rehdas über eine Klage des Grubenbetreibers gegen den Auftrag, einen Plan für die Aushebung zu erstellen, seien nur eine persönliche Prognose gewesen, stellte sie etwa klar. – Vom Brief der LAF an Neptune Energy hatte die grüne Ministerin laut ihrem Haus indes erst erfahren, nachdem dieser bereits verschickt worden war.

In der Sache teilte Dalbert im Übrigen aber ohnehin die Auffassung Rehdas: Im Gutachten stehe, wenn man die Grube abdeckt und den Eintrag von Wasser unterbricht, werde die Salzfahne im Boden immer kleiner. Belastungen durch andere Stoffe würden ohnehin als unerheblich eingeschätzt. Dalbert: „Ich kann mich nur nach diesem Gutachten richten.“

Die Bürgerinitiative „Saubere Umwelt und Energie Altmark“, die seit Jahren für die Räumung der Giftgrube kämpft, ist über all das empört: Mit ihrem Schreiben an den Grubenbetreiber habe die LAF nicht nur den Landtagsbeschluss, die Grube auszuheben, für unsinnig erklärt, sondern auch das Abschlussgutachten selbst, sagte Sprecher Christfried Lenz.

Im Fall einer Klage würde die Aushebung nun weiter verzögert. Die Sicherheit einer Abdichtungslösung zweifelt Lenz an, denn: Die LAF plane, nur das bekannte Leck in der Mergelschicht zu versiegeln, völlig unklar bleibe, ob es weitere Löcher gebe.

Auch die grüne Landtagsfraktion erhöht den Druck auf Dalbert und ihr Haus: „Wir haben ein Gutachten, das sagt, die Grube ist undicht und einen klaren Landtagsbeschluss, die Aushebung zu planen“, sagte Abgeordnete Dorothea Frederking. Dieser Auftrag sei jetzt abzuarbeiten.

Der gebürtige Brüchauer Rolf Horn sieht das ähnlich: „Der Landtag hat die Aushebung beschlossen“, sagt er. „Wenn die Politik jetzt nicht Wort hält, dann brauchen wir hier künftig auch nicht mehr wählen zu gehen.“