Magdeburg (dpa) l Es zischt und dampft beim Backen, es kracht beim Stanzen. Bei der Qualitätskontrolle und dem Verpacken ist Mario Ulbrich vorsichtig. Was an Ostern auf den Zungen Tausender Gläubiger zergeht, kommt aus den Händen des 53-Jährigen. In weißer Arbeitskleidung steht er in der Hostienbäckerei der Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg und erklärt, was er tut – und warum gerade in einer Reha-Werkstatt für Menschen mit seelischer Behinderung.

Bis nach Schweden und Frankreich

Etwa 100.000 Hostien verlassen die Pfeifferschen Stiftungen jedes Jahr. "Wir verschicken sie ins ganze Bundesgebiet und bis nach Dänemark, Schweden und Frankreich", sagt Gruppenleiter Thomas Wehr. Der Kundenstamm sei historisch gewachsen. Immerhin werden hier in Magdeburg schon seit mehr als 60 Jahren Hostien gebacken.

Sieben Motive – vom Fisch bis zum Kruzifix – entstehen, wenn Mario Ulbrich den Teig aus Wasser und Mehl mit einer Kelle auf das heiße Eisen gibt. Er drückt die schwere Oberseite des Backeisens herunter. Wie viel Zeit der Hostienkuchen braucht, weiß Ulbrich genau. Vorsichtig nimmt er die dünne Teigplatte heraus und wirft einen prüfenden Blick darauf. "Hmm, sehen Sie, hier sind zwei Löcher. Die Erste ist immer Ausschuss." Für den Laien ist der Makel kaum zu sehen. Ulbrich unternimmt den nächsten Versuch – schließlich reihen sich die Hostienteller auf speziellen Ständern nebeneinander auf.

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Aus einem Hostienteller stanzt Ulbrich 48 Hostien aus – jede mit einem Durchmesser von 3,2 Zentimetern. Der große Stanztisch, an dem er sitzt, stamme noch aus dem Jahr 1957. Die mechanische Stanze nutzt er lieber als eine elektrische. Die ist mit einem Tuch abgedeckt. Und auch den nächsten Arbeitsschritt nimmt der 53-Jährige genau: die Verpackung. Die Hostien werden in Kartons mit 500 oder 1000 Stück verkauft. Ulbrich reiht dafür kleine Stapel mit je 25 Hostien vor sich auf. Mehr gehen nicht, die Grenze hat er ausgetestet. Stichproben kontrolliert er selbst noch einmal. Er geht gern auf Nummer sicher, betont aber: "Hier wird keinem der Kopf abgerissen."

Geregelte Arbeit ohne Druck

Ulbrich zögert nicht, zu erzählen, warum er in der Werkstatt für Menschen mit seelischen Behinderungen arbeitet. Angststörungen und Depressionen gehören zu seinem Leben. Vieles sei zusammengekommen, Trennungen, Verluste, Langzeitarbeitslosigkeit. Stress ertrage er nicht gut. Umso wichtiger sei die geregelte Arbeit ohne Druck. Hier kann Ulbrich sich die Arbeit einteilen, ganz nach seiner Verfassung. "Ich lebe gut damit", sagt der kräftige Mann mit einem freundlichen Lächeln.

Gruppenleiter Thomas Wehr hat die Organisation in der Hostienbäckerei umgestellt. Während früher nach Bestellungen gebacken wurde, gibt es jetzt immer einen gewisser Vorrat an Hostien. "Wir haben dadurch sehr kurze Lieferzeiten, und der Druck in der Hostienbäckerei sinkt", erklärt Wehr. Gerade in der Vor-Osterzeit gingen mehr Bestellungen ein, es gebe immer wieder verschiedene Phasen im Jahr. Wehr erinnert sich aber auch an den Notruf einer Gemeinde an einem 22. Dezember. Mäuse hatten sich an den Hostien-Vorrat herangemacht. Wehr konnte dank des Vorrats sofort eine Lieferung auf den Postweg schicken.

Auch neue Wege geht die Hostienbäckerei. Jährlich etwa 10 000 glutenfreie Hostien werden hier produziert. Und auch etwas dickere Brothostien sind seit eineinhalb Jahren im Angebot. Wehr will Neues ausprobieren. Direkte Konkurrenz zu anderen Hostienbäckereien sieht er aber nicht. Jeder habe seine gewachsene Kundschaft. Die Produktion in den Pfeifferschen Stiftungen sei auch über die Jahre konstant.

Toleranz und Respekt

"Ich werde hier gebraucht", sagt Ulbrich. "Ich gehe hier gern rein." Ernst wird er, wenn er von den Diskriminierungen im Alltag spricht. Er unterhalte sich normal mit Menschen – aber wenn es um seinen Arbeitsplatz in der Reha-Werkstatt gehe, nähmen viele Abstand. "Wenn ich sage, wo ich arbeite, gehen die Jalousien runter", sagt er.

Dabei lebt Ulbrich Toleranz und Respekt vor: Er produziert die Hostien, doch zum Abendmahl geht er als Konfessionsloser nicht. "Ich habe aber Respekt davor." Die Kirche sei zur Zeit der friedlichen Revolution ein Schutzraum für viele Menschen gewesen. Und mit Schutzräumen kennt sich Mario Ulbrich aus.