Wanzleben/Magdeburg (rk/dpa) l Es ist schwer, Roland Achtzehn in diesen Tagen ans Telefon zu bekommen. Bei ihm stehen Kinder und Eltern Schlange in der Praxis in Wanzleben, täglich führt der Kinderarzt 30 bis 40 Abstriche auf das Coronavirus durch. Bisher war kein einziger positiver Test dabei. „Das ist viel Arbeit, aber wir können ja auch niemanden ablehnen“, sagt Achtzehn, der gleichzeitig auch Landesvorsitzender des Berufsverbands für Kinder- und Jugendärzte in Sachsen-Anhalt ist. Und die Arbeit wird wohl auch nicht weniger werden – eher im Gegenteil. Die Grippe-Saison und damit die Grippe-Schutzimpfung stehen vor der Tür. „Es droht eine Überlastung der Kinderarztpraxen“, sagt Achtzehn.

Zuletzt hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn dazu aufgerufen, in diesem Herbst möglich viele Kinder gegen Grippe zu impfen. „Gleichzeitig eine größere Grippewelle und die Pandemie kann das Gesundheitssystem nur schwer verkraften“, hatte Spahn gegenüber der „Welt am Sonntag“ gesagt. „Jeder, der sich und seine Kinder impfen lassen will, sollte und kann das tun.“ Kinder übertrügen den Influenza-Virus maßgeblich, sagte auch der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Pädriatische Infektiologie, Johannes Hübner, der „Welt am Sonntag“. In jedem Winter müssten viele Kinder wegen Grippe stationär aufgenommen und sogar mit Sauerstoff versorgt werden. Abgesehen von den Risiken für die Gesundheit der Kinder gebe es in Zeiten der Corona-Pandemie eine gesellschaftliche Verpflichtung zum Schutz anderer.

Auch Achtzehn empfiehlt die Grippeimpfung. Doch die rund 150 niedergelassenen Kinderärzte im Land arbeiten bereits jetzt an der Belastungsgrenze. Auch bei Kinderärztin Eva Schneckenhaus in Magdeburg treffen die 500 bestellten Impfdosen zum Grippeschutz erst in ein paar Tagen ein. Und dennoch: „Ich habe bereits jetzt zahlreiche Anfragen für Grippeschutzimpfungen, viel mehr als sonst“, sagt die Ärztin.

Trotz Schnupfen in die Kita

Laut des aktuellen Erlasses zur Wiederaufnahme des Regelbetriebs in den Kindertageseinrichtungen können „Kinder bis drei Jahre mit typischer laufender Nase ohne weitere Krankheitszeichen“ sowie „Kinder ab drei Jahren mit einer leichten banalen Erkältung, die kein Fieber, kein Krankheitsgefühl und insbesondere keinen trockenen Husten haben“ in die Kita.

Zeigen Kinder mit SARS-CoV-2-Erkrankungen einhergehende Krankheitssymptome, insbesondere Fieber in Kombination mit trockenem Husten, dürfen sie die Einrichtung nicht besuchen. Eine ärztliche Abklärung der gesundheitlichen Beschwerden wird den Eltern in diesem Fall empfohlen. Und das führt eben dann dazu, dass Kinderarztpraxen vor Patienten überlaufen. Was also tun, um den Kollaps in ein paar Wochen zu verhindern? Auch Achtzehn hat darauf keine Antwort, „da müssten sich die Politiker etwas überlegen“, sagt er. „Derzeit sind allein die Eltern die Entscheidungsträger.“

Konkrete Antworten gibt es dazu aus dem Gesundheitsministerium nicht. „Da sowohl COVID-19 als auch die Influenza eine ähnliche Symptomatik aufweisen, wird letztendlich ein kurzfristig hohes Aufkommen von Patienten in den Praxen nicht ganz auszuschließen sein“, erklärte Sprecher Andreas Pinkert. „Es bleibt daher abzuwarten und lageabhängig zu reagieren.“

Impfempfehlung für Grippe

In Sachsen-Anhalt gilt eine öffentliche Impfempfehlung für die Grippeschutzimpfung, das heißt: „Jeder, der sich impfen lassen will, kann das auch tun“, so Sprecher Andreas Pinkert. Bereits zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 sei auf die unter Umständen hohe Bereitschaft der Bevölkerung, sich gegen Influenza impfen zu lassen, reagiert worden. „Ärzte wurden sensibilisiert, genügend große Mengen an Grippe- impfstoffen für ihre Praxen zu bestellen.“

Durch die geltenden Hygiene- und Abstandsregeln haben es auch Influenzaviren schwerer. So hofft auch Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, dass die Grippewelle trotz Corona harmloser ausfallen wird als in den Jahren zuvor. „Durch die Corona-Routine, also durch häufiges Händewaschen, Maskentragen und Abstandhalten, werden Infektionen insgesamt reduziert“, sagte Reinhardt den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.