Entdeckung bei Sanierungsarbeiten auf Gut Lüben bei Burg

Grundstein gibt Volksstimme von 1913 frei

Von Steffen Reichel

Originale Volksstimme-Ausgaben, die fast 100 Jahre alt sind, haben Seltenheitswert, weil zwei Weltkriege und andere Umbrüche die Archive stark gelichtet haben. Ein Exemplar der damaligen Arbeiterzeitung von 1913 fiel jetzt Bauleuten in Burg im Jerichower Land bei Sanierungsarbeiten in die Hände.
Burg. "Damit dürfte feststehen, dass auch die Bauarbeiter von 1913 in ihrer Frühstücks-pause die Volksstimme gelesen haben", sagt Marcel Böttge und hält seinen Mitstreitern von einer Biederitzer Baufirma eine etwas vergilbte und an den Rändern ausgefranste, aber noch gut lesbare Zeitungsseite unter die Nase. Sie fiel ihm zusammen mit einem Mauerstein beim Abtragen einer Wand in der ehemaligen Krankenstation des Gutes Lüben bei Burg in die Hände. Der hohle Stein hatte die Zeitung, die unter anderem mitteilte, dass sich in Burg der Sozialdemokratische Verein ausgerechnet im "Hohenzollernpark" trifft, fast 100 Jahre lang wohl verwahrt.
"Der Handwerker von 1913 hat mit dem Vermauern der Volksstimme-Seite wohl ein zeitgeschichtliches Dokument für die Nachwelt hinterlassen wollen. Wir betrachten den Stein und seinen Inhalt als eine Art Grundstein", so Stefan Böhme, Bereichleiter des Corneliuswerkes, das seit 1992 auf dem Gut Lüben Einrichtungen der Jugend- und Altenhilfe unterhält. Und deshalb soll der Stein mit einer Kopie der Zeitungsseite von 1913 und einem aktuellen Volksstimme-Exemplar an der alten Stelle erneut vermauert werden.
Erziehungsanstalt der Provinz Sachsen
1912/1913 war die Flur Lüben eine Großbaustelle. Der Staat Preußen errichtete am Rande von Burg eine weitere Landeserziehungsanstalt in der Provinz Sachsen, die ihr Vorbild in Bad Lauchstädt hatte.
In weniger als zwei Jahren entstanden etwa 20 Gebäude, die nicht nur die Unterbringung von Jugendlichen und Betreuern, sondern auch die völlige Selbstversorgung ermög- lichten. Zu diesen Gebäuden aus der Gründerzeit gehört auch die ehemalige Krankenstation, die aktuell als Hort der Evangelischen Grundschule Burg hergerichtet wird, die sich seit 2010 auf dem Gelände des Gutes Lüben befindet.
Nun kann die historische Volksstimme-Seite zwar von Ereignissen des Jahres 1913 berichten, aber nicht davon, was sich in knapp 100 Jahren um ihr Versteck herum abspielte.
Das übernimmt Stefan Böhme: Die Krankenstation der Landeserziehungsanstalt wird zum Beispiel nach Kriegsende 1945 von der Roten Armee als Lazarett genutzt. Und als Gut Lüben zu DDR-Zeiten Jugendwerkhof war, hatten in der früheren Krankenstation Jugendliche ihre Aufenthalts- und Schlafräume.
Jugendwerkhof "August Bebel"
Das bestätigt Rolf Burkert (73) aus Ziepel bei Möckern, der Landeserziehungsanstalt und Jugendwerkhof Burg als Insasse kennengelernt und darüber im Buch "Mich hat der Esel im Galopp verloren" (Dorise-Verlag 2010, 12,90 Euro) geschrieben hat. Als Burkert als Achtjähriger wegen Landstreicherei 1946 erstmals kurzzeitig nach Gut Lüben kam, seien fast alle Häuser von den Russen besetzt gewesen, erinnert sich der Ziepeler, der dann noch einmal von 1952 bis 1955 auf Gut Lüben war, als Zögling des Jugendwerkhofes. "Auch damals war uns das Lazarett noch ein Begriff, auch wenn dort bereits eine Mädchengruppe untergebracht war", so Burkert.
Der Jugendwerkhof "August Bebel" bestand bis 1990. Heute unterhält das Corneliuswerk auf dem Gut Lüben unter anderem vier Wohngruppen für Jugendliche. Das "Lazarett", ab Herbst Hort, ist den Bewohnern von heute kein Begriff mehr. Dennoch oder gerade deshalb sieht es Stefan Böhme als seine Aufgabe an, die Geschichte des Gutes Lüben weiter zu erforschen und zum 100-Jährigen der Einrichtung 2013 entsprechende Ergebnisse zur präsentieren. Einen zentralen Platz in einer geplanten Ausstellung soll dann die Volksstimme-Seite vom 5. Juni 1913 erhalten.