Magdeburg (dpa) l Der Angeklagte im Prozess um den rechtsterroristischen Anschlag von Halle hat auf seinem Rechner zahlreiche rassistische, faschistische und antisemitische Bilder und Videos gespeichert. Das sagten am Mittwoch mehrere Gutachter des Bundeskriminalamtes (BKA), die in den vergangenen Monaten die elektronischen Beweismittel gegen den Mann ausgewertet haben.

Neben den Dateien, die der Angeklagte vor der Tat ins Internet stellte, wie sein Manifest oder ein Selbst-Interview, fanden die Beamten auch Auszüge aus sogenannten Imageboards, bestimmten anonymen Internetforen. Die BKA-Beamten fanden auf den Computern und Speichermedien des Angeklagten auch zahlreiche Comic-Bilder, teilweise mit faschistischen Symbolen, sowie gewaltverherrlichende Bilder, Videos und Links ins sogenannte Darknet.

Der Prozess gegen den Sachsen-Anhalter Stephan Balliet läuft seit dem 21. Juli vor dem Oberlandesgericht Naumburg. Die Verhandlung findet aus Platzgründen im Landgericht Magdeburg statt. Der 28 Jahre alte Angeklagte hatte zu Prozessbeginn eingeräumt, am 9. Oktober 2019 schwer bewaffnet versucht zu haben, in der Synagoge von Halle ein Massaker anzurichten. Dort feierten zu dem Zeitpunkt 52 Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Nachdem er nicht in die Synagoge gelangt war, erschoss der Mann eine zufällig vorbeikommende 40 Jahre alte Passantin und später einen 20-Jährigen in einem Dönerimbiss.

Die Comic-Bilder und die gewaltverherrlichenden Videos sind laut Experten ein typischer Bestandteil rechtsextremer Online-Communitys, die sich oft auf Imageboards austauschen. "Das sind sehr einfach designte Foren, in denen sich Menschen anonym austauschen können", sagte Extremismus-Forscher Jakob Guhl, der zu Radikalisierung und Extremismus im Internet forscht. "Die Imageboards sehen ziemlich aus der Zeit gefallen aus, die meisten großen sind zu Anfang der 2000er Jahre gegründet worden", erklärte Guhl.

Ursprünglich seien die Foren für den Tausch von Comic-Bildern gegründet worden. Im Unterschied zu anderen Plattformen werde auf solchen Boards kaum moderiert oder sonst irgendwie inhaltlich eingegriffen, da sich die Betreiber stark in der Tradition der amerikanischen Meinungsfreiheit sähen. "Seit Anfang der 2010er Jahre kam auch deshalb immer mehr rechtsextremes Gedankengut auf solchen Seiten auf, weil es dort so ungestört gedeihen konnte", sagte der Extremismus-Forscher.

Dadurch habe sich auf manchen dieser Plattformen eine bizarre Community gebildet. "Das ist eine ganz kuriose Mischung aus Jugendkultur, Comics, Ironie, Anspielungen auf Videospiele und grenzüberschreitenden Humor, die sich über die Zeit mit rechtsextremem Gedankengut, mit Frauen-, Muslimen- und Judenfeindlichkeit gemischt hat", sagte Guhl. "Auf diese Online-Kultur hat sich der Attentäter von Halle und auch einige andere rechtsextreme Attentäter der vergangenen Jahre, explizit bezogen." Viele hätten ihre Livestreams und ihre sogenannten Manifeste eindeutig auf das Publikum aus den Boards zugeschnitten.

Eine zentrale Rolle dabei würden "Witze" spielen. "Das Thema Humor ist für diese Szene absolut zentral", sagte der Wissenschaftler. Wenn eine Äußerung den anderen Nutzern mal doch zu extrem sei, könne man immer nicht sagen, es sei nur ein "Witz" gewesen. Außerdem würde Humor, etwa in Gestalt von Memes, helfen, extremistische Botschaften und Einstellungen zu normalisieren. Der Humor sei so zum verbindenden Element der Szene geworden, sagte Guhl. So sei der Humor sowohl bei der Radikalisierung als auch bei den Taten, etwa durch Scherze in den von den Tätern verfassten Manifesten, fest verankert. "Das ist völlig abstrus, Al-Kaida hätte niemals Witze in ihre Manifeste geschrieben, dafür war ihnen die Sache viel zu ernst."

Im Halle-Prozess sorgt der Angeklagte oft für Fassungslosigkeit bei Beteiligten und Beobachtern, weil er an den unangebrachtesten Stellen lacht. Das passe in die Szene der Online-Rechtsextremisten, sagt Experte Guhl, und sei eine der vielen Parallelen des Halle-Attentäters zum Rechtsterroristen von Christchurch. "Das ganze Video des Halle-Attentäters ist ja quasi dem aus Christchurch nachempfunden", sagte Guhl. "Es bezieht sich auf bestimmte Boards, der Attentäter macht dafür typische Witze", so der Forscher. "Er ist eindeutig von diesen Boards inspiriert und er "performt" sehr eindeutig für dieses Publikum."