Magdeburg l Im Prozess gegen den Halle-Attentäter haben Dienstag die letzten Nebenkläger ihre Schlussvorträge gehalten. Zu Wort kamen an diesem 24. Prozesstag auch eine Reihe von Überlebenden. Eine Kurzfassung gibt es im Video.

Einer von ihnen ist der Vorsteher der jüdischen Gemeinde Max Privorozki. Er meinte in seinem Schlusswort, dass aus seiner Sicht weder das Internet noch die Flüchtlingskrise vor fünf Jahren Ursache des Hasses war. Er glaubt: „Die Quelle des Hasses liegt in der Familie des Attentäters“. In Richtung der Bundesanwaltschaft sagte er, dass die Rolle des Elternhauses nicht hinreichend beleuchtet wurde. Die Eltern und seine Schwester hatten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht. Anwälte der Nebenklage hatten immer wieder kritisiert, dass die Eltern den Angeklagten nicht von der Tat abgehalten hätten.

Andere Überlebende bewerteten die Hintergründe der Tat anders. So sagte eine junge Amerikanerin, dass der Halle-Attentäter ein Teil einer größeren Gemeinschaft im Internet sei, die auch eine eigene Sprache hat und den Worten auch Taten folgen lässt. Als Teil dieser Gemeinschaft habe er gemordet. „Es sind keine isolierten Einzelfälle, auch wenn sie als solche behandelt werden“, sagt sie.

Christina Feist, eine der Überlebenden aus der Synagoge, glaubt: „Das Narrativ vom irren Einzeltäter ist widerlegt.“ Der Angeklagte sei kein Einzeltäter und auch kein Einzelfall. Deutschland habe ein Antisemitismus- und Rassismus-Problem. Eine andere Nebenklägerin kritisierte die Arbeit des Bundeskriminalamtes. Sie sagte, es könne zum Beispiel nicht sein, dass eine Beamtin ohne jede Kenntnis von Computerspielen das Spielverhalten des Angeklagten untersucht. Nebenklage-Anwalt David Herrmann sprach sogar von „bemerkenswerten Wissenslücken des Bundeskriminalamtes." Mit Blick auf die Internetaktivitäten meint Rechtsanwalt Andreas Schulze: „Die Infrastruktur des Bösen benötigt eine größere Beachtung, als es bisher der Fall war."

Rechtsanwalt Jan Siebenhüner, der zwei Polizisten vertritt, sagt zum Schluss: „Wir haben ein souveränes und faires Verfahren erlebt.“ Der Prozess wird am Mittwoch mit dem Plädoyer der Verteidigung und dem letzten Wort des Angeklagten fortgesetzt. Das Urteil folgt am 21. Dezember.