Kriminalität

Halle gedenkt der Opfer des Terroranschlags

Jana L. und Kevin S. kamen beim Terroranschlag am 9. Oktober 2019 ums Leben. Das Leid der Hinterbliebenen und Betroffenen der Tat ist bis heute unfassbar groß. Rechtsextremismus und Antisemitismus müsse gemeinsam bekämpft werden - jeden Tag, hieß es am Gedenktag.

Von dpa 10.10.2021, 13:53 • Aktualisiert: 10.10.2021, 15:49
Blumen zum Gedenken an die Opfer des Halle-Attentats liegen vor der Synagoge in Halle/Saale.
Blumen zum Gedenken an die Opfer des Halle-Attentats liegen vor der Synagoge in Halle/Saale. Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

Halle - Zwei Jahre nach dem Terroranschlag auf die Synagoge in Halle ist mit Kränzen, Blumen, persönlichen Worten, Gebeten und Aktionen der Opfer und Hinterbliebenen gedacht worden. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sagte, der 9. Oktober 2019 sei eine Zäsur für das Bundesland und ganz Deutschland gewesen. Er warnte wie auch Vertreter des Bundes und der Stadt vor dem Vergessen und der Verharmlosung von Antisemitismus, Rechtsextremismus und Rassismus.

„Ziehen wir gemeinsam eine rote Linie des Anstands. Diffamierungen des Anderen müssen wir konsequent entgegentreten, Rechtsextremisten gemeinsam die Stirn bieten“, sagte Haseloff vor der Synagoge im Beisein des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Max Privorozki. Der 9. Oktober 2019 unterstreiche, wie wichtig es sei, die Erinnerung an die Shoa wachzuhalten und von Generation zu Generation weiterzutragen, sagte Haseloff. Hierfür hätten nicht nur die Schulen Sorge zu tragen, sondern auch Familien, Freundeskreise, Vereine, Verbände und Parteien.

Am zweiten Tatort, einem damaligen Döner-Imbiss, wurden ebenso Kränze und Blumen niedergelegt. In großen Buchstaben standen an den Scheiben des Geschäft die Namen der beiden Todesopfer und „Kein Gedenken ohne Betroffene“. Vertreter von Initiativen, die sich für Hinterbliebene einsetzen, forderten mehr Unterstützung von Politik und Gesellschaft.

Der Beauftragte der Bundesregierung für die Anliegen von Opfern und Hinterbliebenen von terroristischen Straftaten im Inland, Edgar Franke, sicherte Hilfe zu. Es gelte, das Geschehene zu verarbeiten - heute und noch in vielen Jahren. Bei dem Attentat standen viele Menschen über Stunden hinweg Todesängste aus, laut Opfervertretern sind sie bis heute schwer traumatisiert.

Hunderte Menschen hielten am Samstagmittag auf dem Marktplatz in Halle minutenlang inne, um der Opfer des Attentats zu gedenken. Ab 12.04 Uhr läuteten dazu die Glocken der Marktkirche und des Roten Turms. Zu dieser Uhrzeit hatte der schwer bewaffnete rechtsextreme und antisemitische Attentäter am 9. Oktober 2019 versucht, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur in der voll besetzten Synagoge der Jüdischen Gemeinde zu Halle ein Blutbad anzurichten.

Als ihm dies nicht gelang, erschoss er auf der Straße die 40-jährige Jana L.. Wenig später tötete er den 20-jährigen Kevin S. im Döner-Imbiss. Auf seiner Flucht verletzte er mehrere Menschen schwer. Das Oberlandesgericht Naumburg verurteilte Stephan Balliet 2020 zu lebenslanger Haft mit Sicherungsverwahrung.

Außenminister Heiko Maas (SPD) twitterte am Samstag: „Antisemitismus & rechter Terror sind bittere Realität in Deutschland. Es ist die Aufgabe des Staates, das Leben aller zu schützen - und die Aufgabe aller, sich jeglichem Rassismus & Antisemitismus entgegenzustellen.“

Bundesinnenminister Horst Seehofer sagte der Deutschen Presse-Agentur, Angriffe auf Jüdinnen und Juden in Deutschland seien „Angriffe auf unsere Demokratie, unsere Freiheit und unsere Werte. Wir werden Antisemitismus mit der vollen Härte des Rechtsstaates bekämpfen“.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sieht großen Handlungsbedarf. „Die Verbreitung von Hass und Hetze, zum Beispiel in Form von antisemitischen Verschwörungsnarrativen in den sozialen Medien, ist ein massives Problem“, sagte er der dpa. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz sei ein erster wichtiger Schritt gewesen. Es zielt darauf ab, Hasskriminalität, strafbare Falschnachrichten und andere strafbaren Inhalte auf Plattformen sozialer Netzwerke zu bekämpfen. Das Internet dürfe kein rechtsfreier Raum werden, sagte Schuster.

Die Veränderung und Verrohung der Sprache sei ein Warnsignal, sagte Ministerpräsident Haseloff. Der Anschlag von Halle zeige, Wort und Tat seien nicht weit voneinander entfernt. Ein Sprecher des Landesnetzwerkes für Migranten (Lamsa) sagte der dpa, von der Stadtgesellschaft werde das Attentat bisher nicht aufgearbeitet. „Man muss die Erinnerung immer wieder wach halten, nicht nur heute.“

In Halle gab es auch Kundgebungen gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus, Diskriminierung und Rassismus. Laut Polizei protestierten am Samstagabend rund 500 Menschen gegen eine Versammlung eines Rechtsextremen, an der etwa 20 bis 40 Menschen teilgenommen hätten. Rund 350 Beamte seien im Einsatz gewesen.