Magdeburg l Mit der ganzen Kraft ihres Oberkörpers stützt sich Viktoria Wilkens gerade auf das Stück Leder, das vor ihr liegt. Mit der linken Hand hält sie es an einem Ende fest, mit der rechten zieht sie das Naturprodukt immer wieder in die Länge und dehnt es. „Das ist wichtig“, sagt die 37-Jährige. „Leder muss man ziehen, ansonsten leiern die Handschuhe später aus.“ Und sitzen im schlimmsten Fall so locker wie die Modelle, die es überall zu kaufen gibt und die in Asien produziert werden. Massenware. Damit will und hat Wilkens nichts zu tun, denn bei ihr ist jeder Handschuh ein Einzelstück.

Jeder Handschuh ist ein echtes Unikat

Als eine der Letzten ihrer Zunft betreibt Wilkens in Magdeburg noch eine Handschuh-Manufaktur. Vor mittlerweile sieben Jahren hat sie den 1955 gegründeten Betrieb „Handschuhschmidt“ von ihrem Opa Claus Schmidt übernommen. Zwar wuchs Wilkens mit dem Handwerk ihres Opas auf, nach ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau wollte die heutige Handschuhmacherin aber eigentlich im Wirtschaftsingenieurwesen durchstarten.

Doch kurz vor dem Uni-Abschluss entschied sich Wilkens für einen anderen Weg und stieg beim Familienbetrieb mit ein. „Das war anfangs gar nicht so einfach, weil da schon zwei Generationen aufeinanderprallen.“ Wilkens verwandelte das Atelier in einen modernen Verkaufsladen mit Nähwerkstatt, kreierte eine neue Webseite. „Irgendwann hat mein Opa gesehen, dass es läuft.“ Und das bis heute.

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Gerade steht Wilkens an der Werkbank und nimmt Maß. Neben ihr liegt ein Stück Papier mit dem Umriss einer Hand. „Es ist wichtig, die Daumenposition zu messen, denn die ist bei jedem Menschen anders“, sagt die Handwerkerin und legt den Zollstock am Leder an. Mit einer großen Handschuhmacherschere schneidet die Magdeburgerin das Schnittmuster anschließend zurecht und reibt es mit Talkum ein, „damit das Leder nachher auch schön glänzt“. Anschließend wird mit Hilfe eines passenden Kalibers der Handschuhrohling ausgestanzt. Der Kunde kann aus sechs verschiedenen Lederarten und sechs Innenfuttern wählen. Die Handschuhe kosten je nach Lederart und Spezialwunsch zwischen 130 und 220 Euro. „Das Schöne im Handwerk ist, dass man etwas erschafft und die Wünsche der Kunden sind immer anders“, sagt Wilkens. „Es wird also nie langweilig.“

Mehr als zwei Stunden benötigt die 37-Jährige für ein Paar Handschuhe. Echte Handarbeit, die selten geworden ist. Gab es 1998 noch 22 Handwerksbetriebe, sind heute bundesweit nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks nur noch elf Handschuhmacher tätig. Bereits seit 2011 zählt der Handschuhmacher nicht mehr zu den anerkannten Ausbildungsberufen. Deshalb sind Handwerkerinnen wie Wilkens besonders wichtig.

„Handwerker in seltenen Berufen erhalten wichtige Kulturtechniken, die sich nicht oder nur unzureichend in Büchern verschriftlichen und erhalten lassen und die daher nur von Generation zu Generation adäquat weitergegeben werden können“, sagt Burghard Grupe, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg. Wirtschaftlich profitiere seltene Handwerkskunst von der Rückbesinnung auf regionale, handgefertigte, nachhaltige und qualitativ hochwertige Produkte, wie zum Beispiel Handschuhe, Hüte, Korbwaren oder auch Bier.

Auch Wilkens profitiert normalerweise von der Exklusivität ihres Handwerks und hat bundesweit, aber auch in der Schweiz und in England Kunden. Das sind mal Studenten, die sich Wilken‘s Unikate extra zum Geburtstag wünschen, und mal Frauen oder Männer, die Wilkens Handarbeit schätzen. Die Handwerkerin hatte auch schon mal einen Star-Wars-Fan als Kunden, der sich Lederhandschuhe im Stil von Darth Vader hat anfertigen lassen.

Eben wegen dieser speziellen Wünsche ist sich die Handwerkerin sicher, werde ihr Handwerk auch nicht aussterben, „weil meine Kunden die Individualität schätzen“, sagt sie.

Mutter und Oma helfen im Winter mit

Doch wie bei vielen kleinen Handwerksbetrieben im Land, waren auch Wilkens Auftragsbücher zuletzt alles andere als gut gefüllt. Zwar habe sie vom Sofort-Hilfsprogramm des Landes profitiert, aber die Flaute halte noch immer an. „Die Lage ist nicht bedrohlich, aber es bleibt angespannt, weil ich keine Messen besuchen kann.“ Fertigt sie sonst im Jahr zwischen 600 und 800 Paar Handschuhe an, sei es in diesem Jahr nur rund die Hälfte.

An einem dieser Paare arbeitet Wilkens gerade hier in der Nähwerkstatt. Stich für Stich näht die Handwerkerin den Handschuhrohling zusammen, jedes kleine Lederteil findet seinen Platz an dem roten Handschuh aus Lammleder. Dafür sitzt sie an einer speziellen Handschuhnähmaschine, die ebenso wie die großen Handschuhmacher-scheren nur noch schwer zu bekommen seien.

So reiste die Magdeburgerin im Sommer extra zu einem Handschuhmacher nach Osterwieck, der seinen Betrieb geschlossen hat, um dessen Maschinen zu übernehmen. Das war nur möglich, weil sich Wilkens während der Corona-Krise erstmals seit Übernahme des Betriebes vier Wochen Urlaub gönnte. „Als Unternehmer macht man das selten, weil man denkt, was ist, wenn jetzt ein Kunde kommt“, erzählt Wilkens. „Aber man muss es einfach machen und sich das auch mal gönnen.“

Derzeit arbeite sie noch allein im Laden. Im Winter, wenn die Hauptsaison ansteht, beschäftigt Wilkens noch eine Angestellte. Auch ihre Mutter und die Oma helfen dann mit aus. „Wir sind eben ein richtiger Familienbetrieb.“