Harz-Gebirgslauf

Der 40. Harz-Gebirgslauf beginnt am Sonnabend, den 14. Oktober, ab 8.15 Uhr an der Himmelpforte in Hasserode, ein Stadtteil von Wernigerode. Die Läufer des Marathons starten 9 Uhr, die Läufe der weiteren Strecken folgen etwa im Viertelstundentakt.

Die Sportler können zwischen verschiedenen Streckenlängen wählen: 2 (Kinderlauf), 5, 11, 21,0975 (Halbmarathon) oder 42,195 Kilometer (Marathon). Außerdem gibt es zwei Wanderstrecken von 11 und 25 Kilometern.

Jeder Läufer hat einen kleinen Chip am Schuh, der die Zeit misst. Der Streckenrekord für den Marathon, der über den Brocken führt, liegt bei den Männern bei 2,39 Stunden, bei den Frauen bei 3,15 Stunden. Start und Ziel befinden sich an der Hasseröder Himmelpforte. Die Veranstaltung beginnt traditionell am freitagabends mit einer Nudelparty auf dem Marktplatz vor dem Rathaus und endet sonntags mit dem Frühstückslauf zum Schloss.

Seit 1978 kommen tausende Läufer nach Wernigerode, um sich beim Harz-Gebirgslauf zu messen. 1986 etwa liefen 4766 Frauen und Männer durch die Wernigeröder Umgebung. Nach dem Mauerfall schrumpfte die Zahl und pendelte sich in den vergangenen Jahren bei etwa 3000 Teilnehmern ein. Der Harz-Gebirgslauf zählt bis heute zu den größten Volksläufen im Land.

Magdeburg l Ein Jahr zurück. Herbst 2016. Joachim Engelhardt zieht am Start zum 39. Gebirgslauf seine Sportschuhe fest, rückt sein Stirnband zurecht. Trotz pochender Schmerzen im Arm und wackliger Beine. Fünf Kilometer durch den Harz liegen vor – acht Wochen Klinikaufenthalt liegen hinter ihm.

Es geschah vier Monate vor dem Harz-Gebirgslauf. Ein Unfall. Doppelter Hüft-, Schulter-, Ellenbogenbruch. Es folgten vier Wochen Krankenhaus, vier Wochen Kur. Drei Wochen Pflegebett zu Hause. „Das war schlimmer als alles, was ich zuvor erlebt hatte“, sagt er.

Doch nun, den Lauf vor Augen, zählt nur noch, nicht aufzugeben. Der letzte Kilometer wird der härteste sein, das weiß er. Er führt bergab. Der Körper wird schmerzen. Egal, er muss laufen. Gestützt erst von seinem Enkel, dann vom Sohn erreicht er die Ziellinie. Zum ersten Mal in seinem Leben wird er in seiner Altersklasse Siebenter – von sieben teilnehmenden Sportlern.

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Keinen Wettkampf verpasst

Sonnabend werden wieder tausende Läufer an der Himmelpforte in Wernigerode ungeduldig mit den Turnschuhen scharren und darauf warten, neue Bestzeiten zu erreichen. Auch Joachim Engelhardt tritt, wie immer, beim Harz-Gebirgslauf an. Keinen Wettkampf hat er verpasst, geht morgen bei vierzigsten Harz-Gebirgslauf zum vierzigsten Mal an den Start. Er hofft auf eine kleine Trophäe für seine Ausdauer.

Vor einem Jahr im Juni stürzte er aus fünf Metern Höhe von einer Leiter auf den Asphalt der Hopfengartenstraße in Magdeburg. Mit einem Bekannten wollte er ein Transparent für den bevorstehenden Hopfengartenlauf über die Straße spannen. Eine Taxifahrerin fuhr über das noch auf dem Boden liegende Plakat und Joachim Engelhardt, der die Spannseile fest in der Hand hielt, stürzte hinab. Er flog. Er sagt nicht, er stürzte, fiel oder wurde hinuntergerissen. Er sagt „fliegen“.

Schicksalsschläge überwunden

Es war nicht der einzige Schicksalsschlag, den der 75-Jährige in den vergangenen Jahren überwinden musste. Prostatakrebs, Totaloperation. Oder den Hautkrebs am Ohr, an dessen Stelle Ärzte ein Stück Haut aus seinem Oberschenkel nähten. Den schweren Unfall empfand er als schlimmer als die Krebserkrankungen. „Es war das Ungewisse.“ Vor den anderen Klinikaufenthalten wusste er, was auf ihn zukommt. Er konnte sich belesen, sich ein Einzelzimmer organisieren, sich einen Arzt aussuchen, seinen Koffer packen.

Nach dem schweren Sturz im vergangenen Jahr hatte ihn seine Frau Brunhilde gebeten, kürzer zu treten. Sich mehr um die Familie zu kümmern, die Enkel, den Garten, um sie.

Doch er kann nicht lassen vom Laufen. Es sind die Wettkämpfe, die ihn reizen. Mann gegen Mann. Bestzeiten bringen, Serien nicht abreißen lassen. Sportsfreunde, wie er sie nennt, treffen und sich von Lauferfolgen oder Sportverletzungen erzählen. Joachim Engelhardt ist Abteilungsleiter der Sparte Laufen im Magdeburger Verein „HSV Medizin“. Jährlich organisiert er mit dem Verein den Hopfengarten-Pokallauf. Hinzu kommen über 20 Wettkampf-Läufe, bei denen er im Jahr antritt, unzählige Trainings-Stunden, die Nachbereitung. Unter den Pappdeckeln dicker Aktenordner erzählen hunderte Fotos, Urkunden, Notizen die Geschichte eines Lebens, das zu einem Drittel aus Sport besteht, wie er sagt.

Er hat im Krankenhaus, tagelang über die Bitte seiner Frau nachgedacht, erzählt er. „Ich kam zu dem Schluss: Nein, diesen Wunsch kann ich ihr nicht erfüllen.“ Es sitzt zu tief in ihm drin, das gute Gefühl, das er hat, wenn er im Verein gebraucht wird oder er bei Wettkämpfen einen nach dem anderen hinter sich gelassen hat.

Auch seinen erwachsenen Sohn hat beim Harzgebirgslauf besiegt, damals 1985, erinnert sich. Joachim lief 42,42 Minuten, Sohn Conrad kam acht Sekunden später ins Ziel. Dabei wollte Conrad doch das Duell gewinnen.

Trotz Unfall, trotz Schmerzen – vor einem Jahr beim Harz-Gebirgslauf schien eigentlich alles irgendwie in Ordnung zu sein. Ein Trugschluss, wie sich herausstellte.

Ende 2016 wird bei Ehefrau Brunhilde Bauchspeicheldrüsenkrebs festgestellt. Ihre Lebenserwartung: vielleicht ein Dreivierteljahr. Für die Frau, mit der er im vergangenen Jahr Goldene Hochzeit gefeiert hat, begann ein Kampf, den sie nur verlieren konnte. Im Frühjahr dieses Jahres verstarb sie. „Sie hat schon im Konfirmandenunterricht meine Aufmerksamkeit erregte, weil sie sich mit rot lackierten Fingernägeln direkt vor den Pfarrer setzte“, erzählt er schmunzelnd. Brunhilde, die mit ihrer Tochter nach Indien reiste, sich in die exotischen Gewürze und bunten Kleider verliebte. Brunhilde, der Sport im Laufe ihres Lebens immer unwichtiger wurde, die Zeit mit den Kindern, Enkeln und im Garten immer wertvoller.

Joachim Engelhardt ist im thüringischen Sonneberg aufgewachsen. Später studierte er in Freiberg Tiefbohrtechnik. Er entdeckte den Sport schon damals für sich. 1967 stand in der Hochschulzeitung: „Joachim Engelhardt bestätigen wir gern, dass er immer seinen Mann stand, wenn es galt, die Hochschule (…) zu vertreten. Das sei all denen vor Augen geführt, die Freitag für Freitag ihr Ränzlein schnüren und heimwärts streben.“

Mit Akribie Fotos versteckt

Ehrgeizig und ordnungsliebend ist er bis heute, schreibt Chroniken, führt Statistiken, füllt Terminplaner. Seine Frau hatte immer gestöhnt, mit welcher Akribie er Fotos in Schächtelchen versteckte, andere in Ordner klebte, verschiedene Zeitungstexte ausschnitt und dazu klebte und allem mit geschwungener Druckschrift einen Namen gab.

Als er 1986 des Berufs wegen nach Magdeburg zog, lagen noch viele Wettkämpfe vor ihm. Sein größter Erfolg ist mit 60 Jahren der dritte Platz für einen Mittelstreckenlauf bei den Europameisterschaften der Senioren in Schweden. Auch an Weltmeisterschaften hat er teilgenommen, war in Puerto Rico. Insgesamt vierzehn Mal startet er international. In der DDR war er einmal Meister.

Am Sonnabend, beim Harzgebirgslauf, will er fünf Kilometer in einer halben Stunde schaffen. Den letzten Kilometer, bergab bis zur Ziellinie in Himmelpforte, wird sein Sohn Conrad an seiner Seite sein, falls er einen stützenden Arm braucht. Vier, fünf Läufe sollen in diesem Jahr noch folgen.

Joachim Engelhardt hat seiner Frau versprochen, den heimischen Garten in Magdeburg zu pflegen. Der war ihr ganzer Stolz. Er hält sein Versprechen, alles blüht, sogar noch im Herbst. Der Blick durch das riesige Glasfenster in der Küche, das seine Frau hat einziehen lassen, ist der Beweis dafür. Auch die Marmeladengläser, die sich im Abstellraum aneinanderreihen. „Meine erste Himbeermarmelade“ steht auf den Etiketten.