Stendal l Türtaster und taktile Bodenbeläge weisen den Weg dorthin. Hier werden seit März Bildungsfachkräfte zum Thema Inklusion qualifiziert und die sechs Auszubildenden wissen ganz genau, worüber sie da reden. Denn sie alle haben selbst sogenannte geistige Behinderungen, sind zum Teil auch körperlich beeinträchtigt und gelten demnach als nicht voll leistungsfähig. Bald werden sie möglicherweise Workshops für große Unternehmen leiten.

Wer die Tür zum Klassenraum öffnet, der wird als erstes von einem jungen Mann mit blondem, gelocktem Haar begrüßt. Er hat offenbar eine Gehbehinderung, kommt freundlich auf die Besucher zu und reicht offensiv seine Hand: Claus Wowarra hat seinen Master in Sozialer Arbeit und unterrichtet in diesem Klassenraum im Wechsel mit seiner Kollegin Marleen Lüders. Er weist auf die sechs Arbeitsplätze an den PCs und stellt seine außergewöhnlichen Auszubildenden vor. Zwei von ihnen sitzen im Rollstuhl, ein Herr bewegt unruhig seine Augen und trägt einen gelben Anstecker mit drei schwarzen Punkten. Bei anderen könnte man nur raten, in welcher Weise sie beeinträchtigt sind.

Die meisten von ihnen haben zuvor in einer Werkstatt für behinderte Menschen gearbeitet. Eine erzählt, sie habe in ihrer Freizeit jahrelang in Magdeburg Theater gespielt. Ein anderer ist stolz, dass er jetzt endlich so mutig war, allein von Genthin nach Stendal überzusiedeln. Dass diese sechs irgendwann wieder Körbe flechten oder Duschköpfe zusammenschrauben und nicht selbst entscheiden, wofür sie ihr sauer verdientes Geld ausgeben dürfen – das ist für alle Beteiligten ausgeschlossen.

"„Ich will einfach raus aus der Werkstatt und auf dem ersten Arbeitsmarkt einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nachgehen", sagt auch die Auszubildende Denise Schmidt bestimmt. Die Vision ihres blinden Mitschülers Mario Drogmann geht sogar noch weiter: "Ich will beweisen, dass ein Miteinander möglich ist. Menschen mit Behinderung können und sollen arbeiten wie andere Leute auch."

"Inklusive Bildung Sachsen-Anhalt" ist der etwas bürokratisch anmutende Name des Projektes. Er verschleiert das Revolutionäre, das dahintersteckt. Der Begriff "Inklusion" wird ja mittlerweile auf jeder Baustelle diskutiert: Alle Menschen sollen ohne Einschränkungen gemeinsam lernen, arbeiten und am öffentlichen Leben teilhaben. Wie kann man sich das denn vorstellen? Manch einen überfordert dieser Gedanke. Andere entwerfen dafür fleißig Förderprogramme, die noch viel zu wenig bekannt sind, oder sie schreiben jede Menge Regeln und Anregungen dafür auf, wie Gleichberechtigung aussehen soll. Was bisher vernachlässigt wurde, ist eigentlich das Offensichtlichste: Nämlich jene Menschen nach ihrer Meinung zu fragen, um die es bei den Diskussionen geht.

"Ich will für mich selbst entscheiden. Alle denken, sie wissen besser als ich, was gut für mich ist", bringt es Denise Schmidt wieder auf den Punkt. Ihre Wangen werden rot beim Sprechen. Es ist deutlich zu spüren, wie lange es schon in ihr gekribbelt hat. Die Hochschule hatte die Pläne für die neue Ausbildung in den Werkstätten für behinderte Menschen vorgestellt und für Denise Schmidt war sofort klar, dass sie sich bewerben will. Aus 33 Werkstätten in Sachsen-Anhalt bewarben sich insgesamt 29 Interessierte. "Mir kam ein Lachen, als ich davon erfahren habe. Denn ich habe mich richtig darauf gefreut", erinnert sich auch ihr Mitschüler Sven Gräbner an diese Zeit. Ihm ist es ebenfalls gelungen, bei den Aufnahmegesprächen zu überzeugen.

Seit März 2019 kommt die Klasse nun in den Genuss einer drei Jahre dauernden Vollzeitausbildung von 36 Stunden in der Woche. Auf dem Stundenplan stehen unter anderem Methodik in der Bildungsarbeit und dialogisches Arbeiten auf Augenhöhe. Die Gruppe kann auch eigene Wünsche und Interessen einbringen. Behandelt werden im Grunde alle Lebensbereiche, von Bildung und Arbeit über Gesundheit und Wohnen bis hin zu Freizeit und Kultur.

Denise Schmidt hat das Gefühl, dass sie vieles bereits weiß. Die Geschichte der Bildung ist aber eher neu für sie. "Doch am meisten interessieren mich Gesetze, Verträge und wie ich lerne, frei zu sprechen", sagt sie. Denn die geltenden Gesetze seien schon ganz gut, findet die Klasse. Nur an der Umsetzung hapere es oft.

"Ich komme von einer Schule, an der es immer hieß: ‚Du kannst alles werden. Du musst es nur wirklich wollen." Diese eher traurige Wortmeldung kommt von einem jungen Mann aus Tangerhütte. Nach seiner Schulzeit sei er von einer Maßnahme in die andere gestolpert, ohne jemals beruflich irgendwo Fuß zu fassen. Dabei habe er es doch wirklich, wirklich gewollt.

Solche Geschichten seien typisch, bestätigen die anderen in der Klasse. Wer es doch irgendwie auf den ersten Arbeitsmarkt schaffe, der bekomme im Berufsalltag immer wieder Steine in den Weg gelegt. "Ständig muss man beweisen, dass man mehr kann, als andere denken."

An der Hochschule fühlen sich die sechs Auszubildenden aber zum ersten Mal wirklich ernst genommen. Hier sei die Frage nicht "Was könnt ihr nicht?", sondern vielmehr "Was könnt ihr noch? Und könnt ihr vielleicht noch mehr?"

Die Herausforderungen bei dieser Art der Ausbildung sind neu und komplex und die Hochschule Magdeburg-Stendal leistet Pionierarbeit. Doch sie ist nicht die allererste, die diesen außergewöhnlichen Ansatz verfolgt. Das Konzept stammt ursprünglich aus dem Institut für Inklusive Bildung in Kiel. Dort gibt es auch erste Erfahrungen damit. An die hiesigen Hochschulen ging dann eine Umfrage des Landes Sachsen-Anhalt: Wer könnte sich vorstellen, dieses Konzept zu übernehmen?

Professor Matthias Morfeld reagierte prompt und dachte, er muss schneller sein als die anderen Einrichtungen im Land. Er begleitet eine Professur im Fachbereich Angewandte Humanwissenschaften und engagiert sich auch politisch zu Themen wie Selbstbestimmung und Inklusion. Am Ende war Stendal die einzige Hochschule, die sich um die Fördergelder für diese Mammutaufgabe bewarb. Morfeld gehört zur Projektleitung. Die Idee, dass Menschen mit Behinderung selbst zu Botschaftern der Inklusion werden, begeisterte ihn sofort. Im Grunde fragte er sich, warum er nicht von allein darauf gekommen war.

Bildung und Arbeit seien erklärte Menschenrechte der Vereinten Nationen, erläutert er und unterstreicht: "Die buntesten und vielfältigsten Gesellschaften sind die, die am besten funktionieren." Bei den ersten Ansätzen von Inklusion in den 1970er Jahren sei es gar nicht darum gegangen, Nachteile auszugleichen. Vielmehr wollte man das Zusammenleben mit mehr Vielfalt bereichern. Zu dieser Art der Bereicherung sollen die angehenden Bildungsfachkräfte bald aktiv beitragen. Zunächst arbeiten sie mit den Studierenden der Rehabilitationspsychologie zusammen. Sie referieren zum Beispiel in Seminaren oder beteiligen sich an wissenschaftlichen Untersuchungen zu Arbeitsbedingungen für Menschen mit Behinderung.

Doch dies ist nur der Anfang. "Bald verlässt uns kein Studierender mehr ohne eine Hochdosis Inklusion", wünscht sich Morfeld. Über die Hochschule hinaus hat er schon Bildungsangebote für Unternehmen und externe Einrichtungen im Blick. Er träumt von Tetra Packs in Brailleschrift und Diversity-Kursen für die Automobilbranche. "Letztlich werden diese Themen überall gebraucht – von der Buchhaltung bis zur Konstruktion für die Raumfahrt", sagt er.

Außerdem dürfe man den Kreis der Menschen mit besonderen Bedürfnissen nicht zu klein denken. "Unsere Gesellschaft verändert sich. Wir haben nicht nur immer mehr alte Menschen, sondern auch dramatisch ansteigende Zahlen von Drogenkranken, Computerspiele-Süchtigen oder Menschen mit Burnout, ADHS oder anderen psychischen oder emotionalen Problemen. Das kann jeden treffen."

Von Lebensbedingungen, die für alle möglichst gleich gut sind und niemanden ausschließen, profitieren am Ende also wirklich alle. Auch Touristen oder Migranten, die der hiesigen Schrift nicht mächtig sind. Sie freuen sich ebenfalls über eine Taste an der Bushaltestelle, mit der sie sich den aktuellen Fahrplan einfach vorlesen lassen können. Die Busse, in die alle Menschen einsteigen können, sind schon unterwegs.