Stendal (dpa) l Anja Bierhals rückt das Kissen der Bewohnerin zurecht, kämmt ihr das Haar und legt die Hände mit den rot lackierten Fingernägeln über die Bettdecke. "Wer schöner ist als ich, der ist geschminkt", bringt Ilsabe O. bei einem Besuch an ihrem Bett langsam hervor und lächelt breit. Bewegen kann sich die 67-Jährige aufgrund einer Nervenkrankheit schon lang nicht mehr – doch sie spürt jede Umarmung ihrer Pflegerinnen im Evangelischen Hospiz Stendal.

Anja Bierhals ist eine von 17 Pflegern, die in dem stationären Hospiz die Pflege und Betreuung schwerstkranker Menschen übernehmen und auch ihre Angehörigen in den letzten Lebenstagen begleiten. "Wir müssen den Familien Ängste und Schuldgefühle nehmen – oft machen sie sich Vorwürfe, weil sie ihre Angehörigen nicht zu Hause weiterpflegen können", sagt die Krankenschwester, die sich direkt nach ihrer Ausbildung für die Arbeit im Hospiz entschieden hat und sich zunächst an die vielen Fragen und Anliegen der Angehörigen gewöhnen musste.

Die Krankheit im Endstadium

Für Anja Bierhals waren zu Beginn auch die extremen Krankheitsverläufe der Bewohner eine Herausforderung: "Hier treten Krankheitsbilder in stärkerer Ausprägung auf als im Krankenhaus: Es kommt beispielsweise zu starker Geruchsbildung und man sieht Tumore, die nach außen wachsen." Im Gegensatz zu der Arbeit in Krankenhäusern und Pflegeheimen, sei der Faktor Zeit bei der Arbeit im Hospiz weniger problematisch. "Es ist wichtig, dass man nicht zu viel an die eigene Seele ranlässt und professionellen Abstand wahrt", erläutert die 37-Jährige. Doch nicht immer gelinge das – gerade bei Hospizgästen, die viele Monate im Hospiz wohnen und den Pflegern ans Herz wachsen.

Laut dem Deutschen Hospiz- und Palliativverband (DHPV) sterben etwa drei Prozent der Menschen in Deutschland in einem der 240 stationären Hospize. "Für uns gilt: ambulant vor stationär, denn die meisten Menschen wünschen sich dort zu sterben, wo sie ihr Leben verbracht haben – und leben ihre letzten Tage zu Hause oder in einem Pflegeheim", sagt Angela Hörschelmann vom DHPV. So begleiten bundesweit 1500 ambulante Palliativdienste in enger Vernetzung mit 120.000 Ehrenamtlichen sowie Palliativmedizinern sterbenskranke Menschen zu Hause.

Pfarrer Ulrich Paulsen, Vorsitzender des Hospiz- und Palliativverbands Sachsen-Anhalt, beobachtet mit Blick auf Sachsen-Anhalt, dass, je besser das Netz ambulanter Dienste ausgebaut ist, auch weniger stationäre Hospize von Nöten sind. "Wir haben mittlerweile 700 Ehrenamtliche für die Arbeit im palliativen Bereich geschult. Doch es braucht deutlich mehr Palliativfachkräfte – Ärzte wie Pfleger, die in dem Bereich ausgebildet sind", sagt Paulsen.

Seelsorge wird gut angenommen

Neben seiner Arbeit im Hospiz- und Palliativverband kümmert sich Paulsen auch um die Seelsorge im Evangelischen Hospiz Stendal. "Die spirituellen Angebote im Haus werden gut angenommen – auch wenn 80 Prozent der Bewohner eigentlich unreligiös sind." Die Gäste der Einrichtung ebenso wie Angehörige zeigten ihm und seinem Team an Mitarbeitern und Ehrenamtlichen große Dankbarkeit: "Angehörige, die die Pflege zu Hause nicht mehr leisten können, kommen zu mir und sagen "Wir hatten uns nie vorgestellt, welche Lebensqualität dies uns zurückgibt"", sagt Paulsen. "Doch auch viele Bewohner blühen in der Zeit hier nochmal richtig auf."

Im Durchschnitt werden die Schwerstkranken im Stendaler Hospiz 21 Tage versorgt – doch es gibt wie bei Ilsabe O. auch Ausnahmen. Vor zehn Jahren erkrankte die Bäuerin an der Nervenkrankheit ALS, wodurch nach und nach die ganze Muskulatur erschlaffte. Vor zwei Jahren konnte sie sich schließlich gar nicht mehr bewegen. Mit dem Einzug in das Evangelische Hospiz Stendal entstanden für sie und ihren Mann ganz neue Möglichkeiten: viel Besuch, Hörspiele hören, dank einer Logopädin noch langsam sprechen. "Ich bin hier schon 474 Tage", berichtete die 67-Jährige. Weihnachten sollte der 500. Tag für sie im Hospiz sein. Wenige Tage zuvor ist sie gestorben.