Im Auftrag der Menschen mit Behinderung

Zur Person: Christian Walbrach ist in Potsdam geboren und lebt seit 1984 in Magdeburg. Der 54-Jährige ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Über viele Jahre leitete Walbrach eine integrative Grundschule in Magdeburg. Von 2006 bis zu seinem Amtsantritt am 1.  Oktober war der promovierte Diplomförderschullehrer am Landesschulamt tätig.

In Sachsen-Anhalt waren Ende 2018 fast 200 000 anerkannte Schwerbehinderte registriert – das sind 9,0 % der Bevölkerung. Den größten Anteil im Land stellen Schwerbehinderte, deren Funktion von inneren Organen bzw. Organsystemen beeinträchtigt ist (54 760). Zudem gibt es rund 30 000 Sehbehinderte, darunter fast 3000 Blinde, sowie 1300 Gehörlose.

Magdeburg l Seit vier Wochen steht im Landessozialministerium ein neuer Name an der Tür zum Büro des Behindertenbeauftragten: Christian Walbrach. Der 54-Jährige hat, wie er sagt, „mit Respekt und Wertschätzung gegenüber der bislang geleisteten Arbeit“, die Nachfolge von Adrian Maerevoet angetreten, der nach 14-jähriger Amtszeit in den Ruhestand ging.

Auf dem Schreibtisch stapelt sich inzwischen die Arbeit ordnerweise. Und Walbrach, studierter Förderschullehrer und die letzten Jahre im Landesschulamt tätig, hat die Ärmel hochgekrempelt. Denn sein Vorgänger hat ihm eines mit auf den Weg gegeben: „Inklusion wird uns nicht geschenkt.“ Was nichts anderes heißt, als: Menschen mit Behinderungen müssen nach wie vor für ihre Rechte und für die Teilhabe kämpfen.

In Walbrach, der Inklusion nicht als Gnadenakt oder Modebegriff, sondern als zukunftsweisende gesamtgesellschaftliche Pflichtaufgabe für Deutschland und Sachsen-Anhalt bezeichnet, haben fast 200 000 Schwerbehinderte im Land künftig einen Interessenvertreter mit starker Stimme, wie er betont: „Ich bin willens und bereit, die Rolle des Streiters und Schlichters, des Vermittlers und Beraters mit Leben auszufüllen.“ Dabei setzt der Magdeburger auf ein partnerschaftliches Miteinander. „Ziel ist es, die Netzwerkarbeit auszubauen und alle in ein Boot zu holen – möglichst auch auf landespolitischer Ebene. Unkoordinierte Einzelaktionen helfen uns nicht weiter.“

Auf den Status Quo der Inklusion in Deutschland angesprochen, runzelt der promovierte Sonderpädagoge die Stirn. Er sei kein verklärter Sozialromantiker, sondern Realist mit konzeptioneller Vorstellungskraft. Als solcher habe er ein entsprechendes Problembewusstsein und konstatiere einen sozialen und gesellschaftlichen Klimawandel. Die Gesellschaft ist demografischen Verwerfungen ausgesetzt, wird exklusiver, statt inklusiver, sagt er. Das soziale Engagement nimmt ab. „Und ich beobachte mit Sorge Auflösungserscheinungen im sozialen Zusammenhalt sowie mitunter auch eine Verrohung der kommunikativen und ethischen Sitten.“ Dies alles habe negative Auswirkungen auf die Lebens- und Erfahrungswelt der Behinderten – auch in Sachsen-Anhalt.

Und so sieht der Wahl-Magdeburger sich und das Land einer Herkulesaufgabe gegenüber. Und was steht in seiner zunächst fünfjährigen Amtszeit ganz oben auf der Agenda? „Die Lebenswirklichkeit und die Bedürfnisse der Betroffenen in die gesellschaftliche Mitte zu tragen.“ Ein Kernstück dabei: Die Barrierefreiheit – „was für mich bedeutet: selbstbestimmte Teilhabe in allen Bereichen des Lebens“.