Klötze l Im ersten Raum des Labors steht eine Reihe großer Reagenzgläser – verschlossen mit Stopfen. In diesen Glasröhrchen wachsen nährstoffumwabert Algen. Jörg Ullmann, der Herr des Seetangs und Chef der Algenfarm in Klötze (Altmarkkreis Salzwedel), nennt diesen Bereich, wo die Teilung der Pflanzen beginnt, „Kinderkrippe“. Gleich daneben hängen schlanke Plastiksäcke. Dort hinein kommen die grünen „Schlieren“, wenn sie dem Babyalter entwachsen sind und von den Reagenzgläsern „abgekratzt“ wurden.

Im „Kindergarten“ rattern auf einem Tisch die gut gefüllten „Schüttelkolben“ – die Algen wachsen und wachsen. Bis sie in die 100-Liter-Photobioreaktoren gefüllt werden. Die drei „Tonnen“ sind mit einem durchsichtigen Röhrensystem verbunden, in dem die Photosynthese – also das Erzeugen von biologischen Molekülen mithilfe von Licht-energie – weiterläuft.

„Die ,Schule‘ ist danach das Gewächshaus mit den 1000- bis 5000-Liter-Becken“, sagt Ullmann. Dort werden die Algen dann auch geerntet. Das, was bei seiner Algen-Firma „Roquette“ im Großen für diverse Lebensmittel produziert wird, soll es demnächst auch im Kleinen geben – sozusagen Algen für den Blumentopf auf der Fensterbank, wie Kresse oder Basilikum, für jedermann. Wobei es sich bei Spirulina“, die einst Blaualge genannt wurde, eigentlich um ein Cyanobakterium handelt.

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Innovation zielt auf Sicherheit

„Abseits von der Groß-Produktion“, so „Roquette“-Chef Ullmann, der sich das Innovations-Projekt „als Privat-Mann“ auf seine Fahne geschrieben hat. Dabei sei das Problem nicht unbedingt die Algenproduktion selbst – „die ist in einer durchsichtigen Plastikflasche und entsprechender Beleuchtung auch für einen Laien machbar – sondern die geforderte Lebensmittelsicherheit.“ Und darauf ziele die Innovation hin.

Das viel beachtete Pilot-Projekt, für das es kein Vorbild gibt und das nächste Woche auf der Hannover-Messe vorgestellt werden soll, bezeichnet Ullmann als „Hand-und-Fuß-Projekt“.

Wie es überhaupt dazu gekommen ist, weiß Bernd Neutschel von der Otto-von-Guericke-Universität. „Den Kontakt gab es über die Agrarmarketinggesellschaft Sachsen-Anhalt.“ Es sei darum gegangen „zehn Leuchttürme“ zu entwickeln, deren Basis eine innovative Zusammenarbeit von Lehre und Produzenten ist. „Als Mutmacher für Unternehmen und als Impulsgeber“, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter im Institut für Maschinenkonstruktion.

Es entstand die Idee, einen Prototypen zu entwickeln, mit dem der Anbau der „Spirulina“ überwacht werden kann. Warum das so wichtig ist, erklärt Ullmann: „Schädliche Pilze sind auf der Alge nicht zu sehen. Es geht also um eine Anbautechnologie für eine saubere Alge.“ Der Mini-Photobioreaktor – etwa so groß wie eine Kaffeemaschine – mache es durch ein integ-riertes Bestandteil möglich, dass das Algenwachstum von außen durch Experten überwacht werden kann. Zum Beispiel per Smartphon. Selbst aus der Ferne.

Sauberkeit der Kultur

Die Möglichkeit bestehe dann sogar, dass er in Klötze die Sauberkeit der Kultur jederzeit überprüfen könne. Näher will der 44-Jährige nicht auf den Prototyp eingehen. „Bevor die Sache patentrechtlich abgesichert ist, muss man da vorsichtig sein.“

Das Projekt sei an der Uni ausgeschrieben worden, nimmt der promovierte Maschinenkonstrukteur den Faden wieder auf. „Nicht branchenspezifisch, sondern übergreifend.“ Und weil „die biotechnische Komponente fehlte“, habe er beim Studiengang „Biosystemtechnik“ nachgefragt. Hilfreich sei das Engagement des Max-Planck-Instituts, das seine Algenforschungslabore zur Verfügung gestellt habe. „14 Wochen reine Entwicklungszeit vom weißen Blatt Papier bis zum Prototyp haben gezeigt, dass die Sache ein funktionsfähiges Konzept ist“, so der 34-Jährige.

Sein Partner in der Altmark denkt schon weiter. Stichwort: „Doppelnutzung. Ich engagiere mich bereits seit mehreren Jahren bei einem Algen-Projekt in Kolumbien.“ Hintergrund sei, dass Algen eine Art „Superfood“ seien und bis zu 50 Prozent mehr Eiweiß in der Trockenmasse enthält als Eier, Schnitzel oder Soja.“ Untersuchungen hätten ergeben, dass ein Teelöffel Spirulina pro Tag innerhalb von vier bis sechs Wochen Mangelernährung ausgleicht. „Wenn wir unsere Minifarm mit Fernüberwachung in die Produktion überführen könnten, wäre das ein großer Schritt, um etwas gegen Hunger und Krankheit in Entwicklungsländern zu tun.“