Herr Schorlemmer, was überwiegt heute Abend mehr: Die Freude, Gregor Gysi zu treffen oder die Angst, nicht zu Wort zu kommen?

Friedrich Schorlemmer: Zunächst einmal überwiegt die Freude, in Magdeburg sein zu dürfen. Das dürfte das neunte Mal sein, dass wir hier zusammen auftreten. Wir legen den Abend als Gespräch an, moderiert von Hans-Dieter Schütt. Und zu Gregor Gysi: Ich freue mich immer, ihn zu sehen. Natürlich muss ich bisweilen zusehen, dass ich auch zu Wort komme.

Nach mehreren gemeinsamen Auftritten sollten Sie wissen, wie das geht.

Ja. Ich höre aber auch gern zu. Gysi hat inspirierende Gedanken. Er versteht es, sie anschaulich auszudrücken. Er ist ein Schauspieler – der einen sehr guten Text hat. Das ist vergleichbar mit einem Erfolgsstück im Theater. Das wird auch wiederholt. Selbst die Superreichen finden ihn ja vergnüglich. Ich muss aber zugeben: Den einen oder anderen Satz von ihm kenne ich schon wörtlich. (lächelt.)

Und seine politischen Überzeugungen, teilen Sie die?

Ich sehe, dass er engagiert versucht, die europäische Linke zusammenzuhalten (seit 2016 als Vorsitzender, Anm. d. Red.). Seine Überzeugung ist: Wir müssen alles dafür tun, dass die Menschen vom Projekt Europa überzeugt sind. Damit die Entwicklung nach rechts gestoppt wird.

Schauen wir nach Deutschland: Lässt sich die Entwicklung dort stoppen? Die AfD hat es mit 10,2 Prozent der Stimmen in den bayerischen Landtag geschafft. Bei der bevorstehenden Wahl in Hessen erreicht die Partei bei den letzten Prognosen 13 Prozent.

Das ist natürlich ein starkes Stück in Bayern – 13 Prozent im Westen. Grundsätzlich ist es doch so: Es ist da etwas zum Vorschein gekommen, das es schon länger gibt, im Westen wie im Osten: Die schweigende Mehrheit, Zukurzgekommene, Unverstandene, die Unzufriedenen. Die wählen die AfD. Diese Menschen verkörpern eine Kultur des Unmuts.

Und die bricht sich etwa in Chemnitz Bahn.

Nicht nur dort. Erinnern Sie sich an Heidenau (dort kam es 2015 zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen vor einer Flüchtlingsunterkunft; Anm. d. Red.)? Dort zeigte sich die Feigheit der Masse. Wer in die Gesichter der aufgebrachten Masse in Heidenau geguckt hat, der sah, wie es brodelt. Das Problem ist: Die Unzufriedenen suchen immer nach einem Schuldigen. Das Ziel sind dann die „Kameltreiber“ und „Kümmeltürken“ und immer auch „Die da oben“. Siegmar Gabriel hatte ausnahmsweise recht, als er die Ausländerfeinde als „Pack“ bezeichnet hat.

Was ihm viel Kritik eingebracht hat.

All das steht aber in keiner Relation zu den Worten eines Alexander Gauland. Wenn der von einem „Vogelschiss der Geschichte“ spricht, verkennt er nicht nur die Gräuel der NS-Zeit, er suggeriert auch, dass 1000 Jahre lang alles in Ordnung gewesen sei. Im 12. Jahrhundert wurden Slawen weggemurkst. Und der Dreißigjährige Krieg war alles andere als ein Vogelschiss, würde ich meinen. Das ist eine Katastrophe gewesen.

Ist das gezielte Provokation durch Sprache?

Das ist es. Sehen Sie sich doch Björn Höcke an. So jemanden in einer demokratischen Partei zu dulden, das kann doch unmöglich sein. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer sagte, Dummheit ist schlimmer als Bosheit. Bei der AfD werden die Parallelen zur Spätphase von „Weimar“ immer offensichtlicher. Diese Inszenierung im Plural, als eine „Bewegung“. Das wird bedrohlich.

Sie selbst sind noch in der SPD?

Was heißt noch? Ich bin Sozialdemokrat aus Überzeugung. Mein Freund Klaus Staeck (Verleger, Grafiker, Staeck ist SPD-Mitglied; Anm. d. Red.) gibt es mit 80 Jahren immer noch nicht auf. Er schrieb mir, wir müssen den Thorsten Schäfer-Gümbel in Hessen jetzt unterstützen. Wenn die SPD aus dem Parteiengefüge rausfiele: Wer soll das Linksdemokratische übernehmen?

Kann Sarah Wagenknechts Sammlungsbewegung „Aufstehen“ am linken Rand etwas bewirken?

Wo Oskar Lafontaine und Sarah Wagenknecht an der Spitze stehen, gehöre ich nicht zum Fußvolk. Als Sozialdemokrat bin ich ganz klar ein Liberaler. Aber keiner, bei dem nicht mehr erkennbar ist, was gewollt ist. Ich bin Mitglied in einer „liberalen grünen Sozialpartei“. Das Freiheitsprinzip an erster Stelle, an zweiter das Grüne, an dritter Stelle steht das Liberale. Und über allem: sozialer Ausgleich hier und weltweit!

Haben Sie Sympathien für die Grünen?

Ich freue mich über die 17,5 Prozent in Bayern. Die haben in Robert Habeck eine charismatische Figur. Er hat die Begabung, wichtige Dinge einfach zu sagen. Beide Vorsitzende der Grünen verstehen ihr Geschäft. Auch weil sie den Reichen nicht den Eindruck vermitteln, Angst haben zu müssen.

Thema Umwelt- und Klimaschutz. Warum kommen wir nicht voran?

2015 ist bei der UN-Klimakonferenz ein Durchbruch gelungen. Und jetzt sehen wir: Die Autoindustrie wird all das nicht zulassen. Dabei ist der Verkehr einer der großen Umweltverschmutzer. Was ist aus dem Grundgedanken in den 70er Jahren geworden? Es muss endlich wieder eine Recyclingökonomie geben. Als Mensch, der in einem engen Horizont lebt, brauchen wir zwingend ein globales Verantwortungsbewusstsein. Eine Kultur des Teilens. Denn das Schicksal eines Urwalds ist auch meine Zukunft. Es ist eine Katastrophe, wie wir unsere Weltmeere verschmutzen. Irgendwann wurde mir bewusst, wie viel Plastik auch ich wegwerfe. Ich esse gern Kartoffelsalat. Den gibt es nur in einer großen Hartplastik-Dose. Den kaufe ich und schaffe ihn nicht mal allein. Und ich frage mich: Warum bereite ich den Salat nicht selber zu? So schwer ist es doch nicht.

Haben Sie die Baumbesetzer im Hambacher Forst verstanden?

Aber wie. Hambacher Forst, die Braunkohletagebaue. Das Prinzip wird doch zunehmend: Wir können angeblich nicht ökologisch sein, weil Arbeitsplätze wegfallen. Wir untergraben – im wahrsten Sinne des Wortes – unsere Lebensbedingungen zugunsten von Arbeitsplätzen, die ohnehin fragil sind. Diese Waldstücke sind so wichtig für das Klima, für den Wasserhaushalt und letztlich für den Menschen. Wir brauchen endlich ein Bewusstsein für die Hinterlassenschaften unserer industriellen Wegwerf- und Verbrauchskultur.

Sind die Baumhäuser so etwas wie das heutige „Schwerter zu Pflugscharen“, ihre Friedensaktion vor 30 Jahren?

Ja. Die Aktivisten besetzen den Wald ja nicht aus einem dritten – gar materiellen – Interesse. Wir machen heutzutage vieles nur aus einem dritten Interesse. Die Dinge, bei denen nichts herausspringt, die in sich einen Wert haben, die machen wir zumeist nicht. Jeder Mensch sollte ein Baumschützer werden - zumal in einer Zeit, da sie massenhaft vertrocknen.

Wie an ihrem Lesungsort, der Grünen Zitadelle in Magdeburg.

Das Prinzip ist das gleiche. Auch Friedensreich Hundertwasser hat beklagt, dass Vegetation systematisch vernichtet wird. In seinen Häusern  sind Bäume allgegenwärtig. Als Mahnung.

Beuten wir unsere Umwelt aus, weil unsere Gesellschaft egoistischer geworden ist?

Papst Franziskus beschreibt in seiner Umweltenzyklika „Laudato sí“ das Klima als Gemeinschaftsgut. Die Unterzeile lautet: „Die Sorge um das gemeinsame Haus“. Und darum geht es. Es funktioniert nicht ohne Dankbarkeit, nicht ohne „Ehrfurcht vor dem Leben“ (Albert Schweitzer). Wir müssen fragen, welche Haltungen zu welchen Handlungen führen.

Wie ist es um das Miteinander der Menschen bestellt? Sie sagten mal in einem anderen Interview, dass auch die Menschen egoistischer geworden sind?

Ich weiß nicht, ob sie das erst jüngst geworden sind. Vielleicht war früher jeder etwas mehr auf den anderen angewiesen. Heute bildet jeder Einzelne eine abgeschlossene Entität. Die spätkapitalistische Welt fußt darauf, dass jeder zusieht, dass er durchkommt und der Erste ist, andere wegdrängend. Auf den verschiedenen Märkten sind alle Konkurrenten. Das fängt in der Schule an. Meine Enkel können eine bestimmte Hose nicht anziehen, weil sie dann verspottet würden. Auf jeden Fall waren die Arbeitsprozesse der Menschen früher kommunikativer. Wenn du zu deinem Krämer gingst, gab es dort Schuhcreme, Milch und – noch viel wichtiger – es gab noch einen Kontakt zu dem, der das empfahl, einwickelte und verkaufte. Eine Gesellschaft ohne große Bequemlichkeit ist ökologischer, kommunikativer und ein bisschen solidarischer. Alles ist unverbindlicher und unkommunikativer geworden. Dabei leben wir doch von funktionierender Kommunikation, wo der Einzelne nicht übersehen wird.

Waren die Menschen in der DDR solidarischer?

Grundsätzlich: Ich habe das Gefühl, dass nach der Wende wirklich vieles peinlich nostalgisch überhöht wurde. Auf der anderen Seite, was das Einkaufen anbelangt: Wenn es Apfelsinen gab, gab es eine Schlange. Jeder bekam drei oder vier Apfelsinen. Die Verkäuferinnen oder die Kunden achteten darauf, dass die anderen auch noch etwas abbekamen. Der Mangel machte zwar gierig, aber auch solidarisch.

Sie sind in einer Pfarrersfamilie mit sechs Geschwistern aufgewachsen. Welche Werte wurden Ihnen da vermittelt?

Wir waren ärmer, aber wir haben geteilt. Der Prozess von Bitten, Geben und Danken muss funktionieren. Im Alltag vollzieht sich, was wir sind. Ich finde es wichtig, an einem gemeinsam gedeckten Tisch Platz zu nehmen. Dort konnte man Wünsche aussprechen. Die Mutter hat sich darum gekümmert. Und die Kinder waren in der Lage, der Mama dafür zu danken. Das Prinzip ist doch: Eine Person bekommt etwas dafür, worum sie gebeten hat. Und schenkt etwas zurück, indem sie sich bedankt. Das darf man nicht unterschätzen. Selbstverständlich ist das heute längst nicht mehr. Es ist aber auch wichtig, Menschen, die diese Esserfahrung nie kennengelernt haben, dieses Ritual zu vermitteln. Heute hat der Tisch keine vier Beine mehr, er ist eckig und steht an der Wand. Viele Menschen essen aus dem Kühlschrank, nicht mehr am gemeinsam gedeckten Tisch. 

Was bedeutet für Sie Genuss?

Drei Dinge: Radfahren, Brahms hören, Kartoffelbrei. Seit meiner Kindheit mag ich den. Zu meinem Geburtstag durfte ich mir immer etwas wünschen. Ich habe mir meist Kartoffelbrei und Spiegelei gewünscht.

Nur bei der Wurstsuppe waren Sie nicht so euphorisch, heißt es im Buch.

Ja. Das stimmt. Die war günstig, die haben wir in Werben im Herbst geschenkt bekommen. Die Suppe war heiß und man verbrannte sich an ihr stets den Gaumen: Wenn sie wiederum nicht heiß war, war sie unverdaulich.

Ist Werben Heimat für Sie?

Sie meinen die kleinste Hansestadt der Welt? (lacht.) Ja, ich besitze dort ein kleines Häuschen. Meine Tochter im Übrigen auch. Ich bin gern dort.

Am 23. Oktober wollen Sie sich mit Gregor Gysi in Magdeburg an ein „verschwundenes Land“ erinnern. Gysi sagt, es hätte das Selbstwertgefühl der Menschen aus der DDR gestärkt, wenn einige Dinge übernommen worden wären. Etwa das System der Polikliniken oder die gesellschaftliche Stellung der Frau. Sehen Sie das ähnlich?

Ich werde die DDR nicht beschönigen. Der Westen hätte schon mal gen Osten blicken sollen, das ist klar. Aber viele Dinge sahen auch nur auf den ersten Blick gut aus. Bei der Beurteilung musste man immer ein „Ja, aber …“ mitdenken. Ein Beispiel: Ich bezahlte pro Monat 10 Ostmark für meine Krankenversicherung. Das kann doch nicht funktionieren. Man muss den Kommunisten zugestehen, dass sie für eine Idee gekämpft haben, die auf dem Papier gut ist, aber in der Wirklichkeit funktionierte das kaum. Der Staat ging darüber auch pleite. Das Füllhorn der sozialen Leistungen war schließlich leer. Noch ein Beispiel: Du lebst zwar in einem Haus, in dem du die Miete bezahlen kannst, aber es fällt zusammen. Sozialverträgliche Mieten – schön und gut. Es musste aber auch jemanden geben, für den es attraktiv ist, ein Haus vor dem Verfall zu bewahren und Mieter unterzubringen. Mit Gewinn, mit Maß!

Was ist im Rückblick positiv?

Das Hauptpfund in der DDR war die Arbeitspflicht. Jeder hatte eine Beschäftigung, die noch genügend Pausen ließ. Der Unterschied zwischen einem Verkäufer und einem Arzt war so riesig nicht. Die Differenzen innerhalb der Gesellschaft waren nicht so groß, die Leistungsanforderungen nicht so hoch. Niemand hat sich kaputtgemacht. Auf diesem Wege hat man sich zumindest den Therapeuten erspart. Ja, die Pausen waren das Schönste. Das oberste Prinzip: „Privat geht vor Katastrophe“.