Köthen (dpa) l Kein Mensch, kein Vogelzwitschern, nur Wind in den Bäumen, braun-gelbes Laub und ein einzelnes Grablicht. Das flackernde Licht erinnert an den tödlichen Streit vor fast genau einem Jahr. Ansonsten ist der Tatort an diesem Tag ein Ort der Stille: Kein Kind, keine Familie ist auf dem Spielplatz im Osten von Köthen (Sachsen-Anhalt). Vor einem Jahr sah das ganz anders aus:

Es ist der Abend des 8. September. Eine Gruppe Afghanen gerät untereinander in Streit, ein 22-Jähriger kommt mit 2,4 Promille Alkohol im Blut hinzu. Es kommt zu Handgreiflichkeiten, der Deutsche geht zu Boden und stirbt einen Tag später. Wie sich herausstellt, ist der Mann schwer herzkrank und hatte einen Infarkt. So stellt sich die Lage vor Gericht dar. Experten finden keine Verletzungen, die von schweren Schlägen oder Tritten herrühren.

Was aber ganz genau an diesem Abend geschah, konnte auch eine Reihe von Zeugen nicht wirklich erhellen. Während einige von einem Schubsen berichteten, erzählten andere von einem oder mehreren Schlägen. Das Gericht geht am Ende davon aus, dass auch mit dem Fuß "stampfend, aber nicht kraftvoll" auf das Gesicht des Opfers getreten worden war. Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen, auch weil nur zwei Wochen zuvor ein Deutscher in Chemnitz erstochen worden war.

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"Die Trauer und der Abschied von dem jungen Mann Markus hat seine Berechtigung", sagt Pfarrer Horst Leischner aus Köthen. Er hatte nach den Vorfällen vier Wochen lang zu Friedensgebeten eingeladen. "Aber ich finde es auch sehr wichtig, dass dieses tragische Ereignis nicht instrumentalisiert werden darf." Bereits am nächsten Tag nahmen 2500 Menschen bei einer von Rechten initiierten Demonstration teil.

Doch während der Fall in Chemnitz rassistische Übergriffe ausgelöst hatte und der Streit um die Frage, ob es dabei "Hetzjagden" gegeben hatte, zur Zerreißprobe für die große Koalition aus Union und SPD wurde, lief es in Köthen anders. "Mit dem Zeitpunkt des Todes und der Auseinandersetzung mit den beiden Afghanen war ja klar, dass wir Chemnitz im Rücken haben", erinnert sich Leischner.

Unterschiede zu Chemnitz

Aus seiner Sicht gab es jedoch zwei entscheidende Aspekte: Die Zivilgesellschaft habe sehr schnell reagiert und sei sehr breit aufgestellt gewesen. Demokratische Akteure in Chemnitz hätten länger gewartet. Es sei gelungen, die Demokratie in Köthen zu stärken, abgesehen von einigen "sehr rechten" Demonstrationen.

"Es gibt kein Kochrezept für solche Fälle", sagt Köthens Bürgermeister Bernd Hauschild (SPD). Vieles habe man damals rückblickend richtig gemacht. So etwa die Köthener eng mit in die Lage einzubeziehen. Auch die Arbeit der Kirche und der Polizei lobt er explizit.

Natürlich seien auch Fehler gemacht worden. So habe er die Bevölkerung gebeten, nicht bei den Rechten mitzulaufen. "Darauf haben sehr sehr viele Köthener auch negativ reagiert – nach dem Motto: Ist ja so wie früher, der verbietet uns."

Richtig sei es gewesen, Demoanmeldern von außerhalb – egal ob rechts oder links – zu sagen, dies sei in der Stadt unerwünscht. Ähnlich sei es bei der Entscheidung gewesen, den Tag der offenen Hochschule abzusagen. "Wie verhindern wir, dass die Studenten sehen, was in Köthen passiert, das in ihre Länder tragen und übermorgen keine Studenten mehr kommen", sei damals eine Frage gewesen.

Mit Blick auf die Studentenzahl hatte der Vorfall keine Auswirkung. In einem aktuellen Ranking der Hochschulrektorenkonferenz und der Alexander von Humboldt-Stiftung sei man die Hochschule mit dem höchsten Anteil ausländischer Studierender in Deutschland, sagt der Präsident der Hochschule Anhalt, Jörg Bagdhan. "Da hat sich kein negativer Effekt gezeigt." In der damaligen Ausnahmesituation habe man noch Hinweise gegeben, die rechten Demos zu meiden. Jetzt spiele Sicherheit nur selten eine Rolle.

"Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen diesen Jahrestag nicht so im Blick haben", sagt Pfarrer Leischner. In sozialen Netzwerken spiele das Thema aber noch eine größere Rolle. "Der Alltag ist ja schon lange wieder in Köthen eingezogen", sagt auch Bürgermeister Hauschild. Positiv sei zudem, dass er seitdem ein deutlich gesteigertes Engagement der Zivilgesellschaft wahrnehme.

Mittlerweile sind auch die beiden Angeklagten im Fall Köthen verurteilt. Ein zur Tatzeit 17-Jähriger ist bereits abgeschoben worden – der damals 18-Jährige wurde zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt.

Bunte Rutschen, Schaukeln und Klettergerüste, stehen wie damals am Tatort – hin und wieder mit pubertierenden Liebesbekundungen und Beleidigungen bemalt. Aber auch ein Hakenkreuz ist – spiegelverkehrt - mit schwarzer Farbe auf eine Bank geschmiert.

Die Ereignisse von Köthen zum Nachlesen im Liveticker.